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Werkseintrag · Nicolai Klimii iter subterraneum
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Nicolai Klimii iter subterraneum
1741
– Werkseintrag –

Nicolai Klimii iter subterraneum

1741 · Roman

Ein ehrgeiziger junger Gelehrter stürzt durch eine Felsspalte ins Innere der Erde und findet dort eine Welt aus vernunftbegabten Bäumen, sprechenden Affen und fremden Staaten – ein satirisches Spiegelbild des Europas seiner Zeit.

Überblick↑

Der Roman Nicolai Klimii iter subterraneum – auf Deutsch Nicolai Klims Unterirdische Reise – erzählt von einem jungen Akademiker, der ins Innere der Erde stürzt und dort auf wundersame Völker und Staaten trifft. Er begegnet philosophierenden Bäumen und einer Republik der Affen. Der dänisch-norwegische Schriftsteller Ludvig Holberg (1684–1754) verband darin Phantastik, Satire und aufklärerisches Gedankengut mit der alten Vorstellung einer hohlen Erde, in der ein eigener belebter Kosmos wohnt. Das Werk erschien 1741 in lateinischer Sprache. Es zählt zu den bedeutendsten und ausgereiftesten Spätwerken der neulateinischen Literatur.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Jahr 1664 kehrt Niels Klim, ein mittelloser Baccalaureus der Universität Kopenhagen, in seine Heimatstadt Bergen zurück. Um sich einen Namen zu machen, unternimmt er geologische Erkundungen. Als er in eine Spalte des Bergs Fløyen hinabsteigt, stürzt er ins Bodenlose. Er findet sich schwebend im hohlen Inneren der Erde wieder, das ein kleiner Kosmos für sich ist. In dessen Zentrum strahlt eine zweite Sonne, um die ein Planet kreist.

Auf diesem Planeten landet Klim und trifft auf vernunftbegabte Baumwesen. Ihre Hauptstadt heißt Potu, und sie leben in einer aufgeklärten Monarchie. Die bedächtigen Potuaner halten wenig von dem vorlauten Ankömmling. Auch seine Doktorschrift über den Gebrauch des Pantoffels bei den alten Griechen und Römern beeindruckt sie nicht. Wegen ihrer eigenen kurzen Beine können sie ihn aber als Botenläufer gut gebrauchen. In dieser Rolle durchwandert er vier Jahre lang den Planeten Nazar. Er besucht viele Städte und Länder, die ebenfalls von vernunftbegabten Bäumen mit sonderbaren Sitten und Herrschaftsformen bewohnt werden. Mit seiner niedrigen Stellung ist der ehrgeizige Klim nie zufrieden – und sein Ehrgeiz bestimmt bald den weiteren Lauf seiner Reise.

Die Handlung im Detail↑

Als mittelloser Baccalaureus kehrt Niels Klim 1664 nach Bergen zurück und stürzt bei einer geologischen Erkundung durch eine Spalte des Bergs Fløyen ins hohle Erdinnere. Er landet auf dem Planeten Nazar bei den vernunftbegabten Bäumen von Potu und dient dort als Botenläufer. Nach vier Jahren bringt er am Fürstenhof einen Gesetzesvorschlag ein: Die Frauen sollen ihre bisherige politische Gleichstellung verlieren, weil das Staatswesen ins Wanken gerate, wo Frauen zu den Ämtern zugelassen seien. Klim gibt vor, sich damit um das Gemeinwesen verdient machen zu wollen. Der wahre Grund aber ist, wie er sich insgeheim eingesteht, sein Karrierismus und der Wunsch, sich für frühere Zurückweisungen an den Frauen zu rächen.

Der Fürst entsetzt sich über den Vorschlag. Ein Land leide oft an einem Mangel an tüchtigen Leuten, hält er entgegen, und es sei dumm, durch ein einziges Gesetz die eine Hälfte allein wegen des Geschicks ihrer Geburt für amtsunwürdig zu erklären. Als Aufrührer erkannt, hätte Klim die Todesstrafe verdient. In Rücksicht auf seine zweifelhaften geistigen Fähigkeiten schickt ihn der Fürst nur in die Verbannung. Man sperrt ihn in einen großen Kasten, und ein riesiger Vogel trägt ihn zum Firmament.

Das Firmament ist die Unterseite der Erdkruste und von vernunftbegabten Wesen aller Art bewohnt. Klim landet in Martinia, der Adelsrepublik der Affen. Diese sind stets auf Neuerungen aus, und Klim fertigt als neueste Mode eine Perücke aus Ziegenhaaren. Der oberste Affe setzt sie auf, begeistert sich an seinem Spiegelbild und ruft, dass er nun den Göttern ganz nahe sei. Weiter verschlägt es Klim zu Eismenschen und belebten Bassviolinen und schließlich auf die Insel Mezendoria, wo ein Handelsstaat besteht. Dort leben alle Wesen des Firmaments zusammen, und jeder übt die Aufgabe aus, zu der ihn sein Naturell am besten befähigt.

Als Klim Schiffbruch erleidet, retten ihn die Quamiten – Menschen, deren Gesellschaft sich noch im Naturzustand befindet. Er bringt den „edlen Wilden“ die Zivilisation in Gestalt des Schießpulvers, stellt eine Armee auf und unterwirft das ganze Firmament. Seine Herrschaft nennt er die „Fünfte Monarchie“, prächtiger und mächtiger als die vier älteren oberirdischen Großreiche der Assyrer, Perser, Griechen und Römer. Klim stößt auch auf den Bericht einer umgekehrten Reise an die Erdoberfläche. Die Irritation und Belustigung des Schreibers über die Sitten der europäischen Völker empören ihn. Seine eigene Herrschaft wird zur Tyrannei. Es kommt zum Aufstand, und Klim muss fliehen. Wieder stürzt er durch eine Erdspalte, und der Fall bringt ihn zurück an die Oberfläche, an denselben Ort, wo er zwölf Jahre zuvor aufgebrochen war.

Klim findet eine Anstellung als Küster der Kreuzkirche in Bergen, heiratet, bekommt Kinder und führt ein einfaches, glückliches Leben. Doch bis an sein Lebensende sucht er die Erdspalte auf und weint dort seiner Vergangenheit als Kaiser des Firmaments nach.

Stil↑

Geschrieben ist der Roman in einem eleganten und leicht verständlichen Latein, das die knappe Sentenz dem ausladenden Satzgefüge vorzieht. Durchsetzt ist die Sprache mit direkten und indirekten Anleihen aus Werken Vergils, Ovids, Juvenals und anderer antiker Autoren. Bisweilen zitiert Holberg lateinische Epigramme, die er selbst verfasst hat. Neulateinische und fachsprachliche Wortneuschöpfungen bereichern den klassischen Wortschatz. Hinzu treten Ausdrücke aus den erfundenen Sprachen des Planeten Nazar und des Firmaments, mit denen Holberg den Text ausschmückt.

Dass Holberg auf Latein schrieb, hatte mehrere Gründe. Zum einen beherrschte er die Sprache meisterhaft, während das Dänische und Norwegische seiner Zeit als Literatursprache erst noch ausgebildet werden mussten – wozu er mit eigenen volkssprachlichen Werken und der dänisch-norwegischen Übersetzung des Romans selbst viel beitrug. Zum anderen hatte er ein weltbürgerliches Publikum im Blick, die europäische „Gelehrtenrepublik“. Diese ließ sich auf Latein rasch erreichen, und so musste Holberg die Übersetzung aus seiner wenig verbreiteten Muttersprache nicht erst abwarten.

Rezeption↑

Aus Furcht vor der strengen Zensur unter König Christian VI. ließ Holberg sein Werk in Deutschland erscheinen. Er hielt den spätabsolutistischen Staaten und Gesellschaften Europas den Zerrspiegel eines erfundenen Kosmos vor, der sie zum Vorbild hatte. Weder Klim noch die meisten von ihm besuchten Länder genügen den Ansprüchen der Aufklärung. Mit dem oft eingebildeten Ich-Erzähler kann sich das Publikum nicht wirklich identifizieren; es soll vielmehr kritisch über ihn und seine Ansichten nachdenken.

Die Mischung aus Phantastik und Satire mit ihrer eingewobenen philosophischen Kritik zielte auf eine moderne Bildungselite. Zugleich erschloss der unterhaltsame, humorvolle Ton ein breites Publikum. Das Iter subterraneum gehörte zu den international beliebten Romanen des 18. Jahrhunderts. Innerhalb weniger Jahrzehnte erschienen rund dreißig Ausgaben und Übersetzungen in vielen wichtigen Volkssprachen, darunter Französisch, Deutsch, Holländisch, Englisch, Schwedisch, Russisch, Ungarisch und Dänisch.

Auch später fand der Text noch Anklang. Edgar Allan Poe erwähnt ihn in Der Fall des Hauses Usher. Mary Shelley las das Werk, als sie Frankenstein schrieb. Arno Schmidt verwendete die Illustration eines Potuaners für den Umschlag der dritten Auflage von Zettel's Traum, worin Holbergs Roman mehrfach genannt wird. In Dänemark wird seit 2012 der Nils-Klim-Preis für Werke der Science-Fiction vergeben.

Holberg gab dem Genre der Unterweltsfantastik den Anstoß, dessen bekanntester Vertreter Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne (1864) ist. Giacomo Casanova schrieb die Unterweltsutopie Icosaméron (1788) und verwies darin auf Niels Klims Reise durch die Unterwelt. In Dänemark und Norwegen behielt der Roman seine Beliebtheit bis in die Gegenwart und wurde 1984 für eine dänische Fernsehserie verfilmt. Ob sich J. R. R. Tolkien für Der Herr der Ringe und Pierre Boulle für Planet der Affen anregen ließen, bleibt Spekulation.

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