Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ningen Isu
Eingang · Werke · Ningen Isu
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Ningen Isu
1925
– Werkseintrag –

Ningen Isu

1925 · Erzählung

Eine junge Schriftstellerin öffnet einen Brief ohne Absender – darin gesteht ein Stuhlmacher, dass er sich im Inneren eines Sofas versteckt hält und von dort aus die Menschen belauscht, die auf ihm Platz nehmen.

Überblick↑

Die Erzählung The Human Chair stammt von dem japanischen Schriftsteller und Kritiker Edogawa Rampo. Sie erschien im Oktober 1925 in der Literaturzeitschrift Kuraku. Der japanische Originaltitel lautet 人間椅子 (Ningen-isu). Die kurze Geschichte gehört zum Bereich des Horrors und lebt von einer einfachen, aber verstörenden Grundidee: Ein Mensch versteckt sich im Inneren eines Möbelstücks.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht eine junge Schriftstellerin, die nur Yoshiko genannt wird. Nachdem sie ihren Mann zur Arbeit verabschiedet hat, setzt sie sich an ihre Post. Andere junge Autoren schicken ihr regelmäßig Briefe, oft mit Textproben, zu denen sie ein Urteil erbitten.

In einem großen Umschlag findet sie diesmal etwas anderes. Der Absender nennt seinen Namen nicht. Was er schreibt, liest sich wie das Geständnis einer Reihe von Verbrechen. Er habe weder Familie noch Freunde und sei von abstoßender Hässlichkeit, behauptet er. Von Beruf ist er Stuhlmacher, und er liebt seine Arbeit: Zu den Möbeln, die er baut, fühlt er eine schwer erklärbare innere Verbindung.

Eines Tages stellt er ein besonders prächtiges Sofa fertig, bestellt für die Halle eines neuen Hotels. Er erkennt darin sein bestes Stück und bringt es nicht über sich, sich davon zu trennen. Also baut er das Innere so um, dass ein Mensch darin sitzen kann. Was er von dort aus erlebt, schildert er seiner Leserin in aller Ausführlichkeit. Je weiter Yoshiko liest, desto unheimlicher wird ihr der Brief.

Die Handlung im Detail↑

Der ungenannte Briefschreiber berichtet, wie er im Inneren seines Sofas einen Hohlraum schuf und dort Vorräte an Essen und Wasser für einige Tage verstaute. Seinen Gehilfen wies er an, die Abholung des Möbels zu veranlassen, dann kletterte er selbst hinein. So gelangte er in die Halle des Hotels.

In den folgenden Tagen blieb er vormittags und nachmittags in seinem Versteck. Dort hatte er seine einzigen Berührungen mit Menschen, meist mit wohlhabenden Gästen. Wer häufiger kam, wurde ihm vertraut. Er behauptet, Personen allein an Gewicht, Körperform und Geruch wiederzuerkennen. Mehrfach, so gesteht er, habe er sich in Frauen verliebt, die sich auf ihn setzten. Er rückte seinen Körper unter ihnen zurecht, damit sie bequemer saßen, und genoss die Bemerkungen über die außergewöhnliche Bequemlichkeit des Sofas.

Nachts aber wurde aus dem heimlichen Zuhörer ein Verbrecher. Wenn die Halle geschlossen war und die Gäste schliefen, kroch er heraus und bestahl ihre Zimmer. Auf diese Weise kam er zu einem beträchtlichen Vermögen. Aus den geplanten wenigen Tagen wurden Monate.

Dann wechselte das Hotel den Besitzer. Die neue Leitung wollte es günstiger führen und eine schlichtere, japanische Einrichtung. Das Sofa wurde versteigert und kam in das Haus eines japanischen Politikers. Hier, schreibt der Briefschreiber, habe er sich in die Frau des Hausherrn verliebt. Sie liest gern und sitzt oft mit einem Buch auf seinem Sofa. Keine Frau vor ihr sei ihm so nahegekommen; als Möbel in Privatbesitz kenne er nun das Innerste seiner Besitzerin.

Er beschreibt die Frau, das Haus und den Ehemann bis in die Einzelheiten. Entsetzt begreift Yoshiko, dass nur sie selbst gemeint sein kann. Am Ende bittet der Schreiber um ein Treffen. Sie solle ihr Einverständnis geben, indem sie nachts eine brennende Kerze aufstellt. Voller Angst springt Yoshiko vom Sofa auf und flieht in den entgegengesetzten Teil des Hauses.

Während sie noch überlegt, was zu tun ist, bringt ihr das Dienstmädchen die Tagespost. Darin liegt ein zweiter Brief desselben Absenders. Darin erklärt er, der vorige Brief sei nichts als das Manuskript einer Textprobe gewesen, frei erfunden und nur darauf gebaut, dass sie kürzlich genau dieses Sofa erworben habe. Er bittet um eine Antwort. Im letzten Satz teilt er mit, wie er seine Geschichte nennen wolle: The Human Chair.

Stil↑

Aufgebaut ist die Erzählung als Rahmengeschichte. Die äußere Handlung ist knapp gehalten: eine Frau liest ihre Post. Fast der gesamte Text besteht aus dem Brief eines Fremden, der in der Ich-Form von sich erzählt. Dadurch wechselt der Leser unmerklich die Perspektive und sieht die Welt aus dem Inneren eines Möbelstücks.

Die Wirkung entsteht durch Wahrnehmungen, die sonst kaum Beachtung finden. Der Erzähler beschreibt Menschen nicht nach Gesicht oder Kleidung, sondern nach Gewicht, Körperform und Geruch. Das Unheimliche wird dabei nicht durch Gewalt erzeugt, sondern durch Nähe: Der Verborgene ist immer da, während die anderen sich unbeobachtet fühlen. Zugleich spielt der Text mit der Frage, ob ein Geständnis wahr ist oder erfunden, denn der Brief gibt sich am Ende selbst als Literatur zu erkennen.

Rezeption↑

Erschienen ist die Geschichte 1925 in einer japanischen Literaturzeitschrift. Sie zählt zu den Horrorerzählungen Edogawa Rampos, der neben seiner Arbeit als Erzähler auch als Kritiker hervortrat.

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