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Werkseintrag · Natur
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Cover Natur
Natur
1836
– Werkseintrag –

Natur

1836 · Essay

Ein schmales Buch, das die Einsamkeit in der Natur zum Weg der Erkenntnis erklärt und einer ganzen amerikanischen Denkrichtung den Anstoß gab.

Überblick

Mit dem Essay Natur legte Ralph Waldo Emerson 1836 das Fundament einer geistigen Bewegung, die als Transzendentalismus bekannt wurde. Der Text erschien bei James Munroe and Company und hat den Umfang eines schmalen Buches. Emerson vertritt darin den Gedanken, dass das Göttliche die Natur durchdringt und dass sich die Wirklichkeit begreifen lässt, indem man die Natur studiert. Angeregt wurde die Schrift durch seinen Besuch im Naturkundemuseum in Paris, dem Muséum National d'Histoire Naturelle. Die dort empfangenen Eindrücke flossen in Vorträge ein, die Emerson später in Boston hielt und die dann gedruckt wurden. Im Essay teilt er die Natur nach vier Gebrauchsweisen ein: Nutzen, Schönheit, Sprache und Schulung. Diese benennen, wie der Mensch die Natur für seine Grundbedürfnisse, für sein Verlangen nach Freude, für die Verständigung untereinander und für das Begreifen der Welt in Anspruch nimmt. Nach der Schrift hielt Emerson die Rede The American Scholar, die zusammen mit den vorangegangenen Vorträgen den Transzendentalismus und seine schriftstellerische Laufbahn begründete.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Zentrum steht ein Gedanke, den Emerson zunächst als Problem aufwirft: Der Mensch nimmt die Schönheit der Natur nicht wirklich an. Er ist abgelenkt von den Forderungen der Welt. Die Natur schenke unaufhörlich, doch der Mensch gebe nichts zurück. Um diese Lücke zu schließen, führt Emerson den Leser durch acht Abschnitte, die jeweils einen anderen Blick auf das Verhältnis von Mensch und Natur werfen. Die ersten Kapitel entfalten die vier Weisen, in denen der Mensch die Natur nutzt: den handfesten Nutzen für das tägliche Leben, die Schönheit, die das Auge erfreut, die Sprache, deren Bilder aus der Natur stammen, und die Schulung, durch die die Natur den Verstand und den sittlichen Sinn bildet. Ein wiederkehrendes Thema ist die Einsamkeit. Nur wer sich von der Gesellschaft löse, könne die Ganzheit mit der Natur erfahren, für die der Mensch eigentlich geschaffen sei. Emerson lädt ein, den Blick vom eigenen Zimmer und vom Getriebe der Menschen abzuwenden und zu den Sternen zu erheben.

Die Handlung im Detail

Der Essay Natur gliedert sich in acht Abschnitte: Natur, Nutzen, Schönheit, Sprache, Schulung, Idealismus, Geist und Aussichten. Emerson stellt die Aufgabe an den Anfang, dass die Menschen die Schönheit der Natur nicht voll annehmen, weil die Ansprüche der Welt sie ablenken. Die Natur gibt fortwährend, der Mensch aber erwidert dieses Geben nicht.

Als Schlüssel nennt Emerson die Einsamkeit. Wer wirklich allein sein wolle, müsse sich ebenso von seiner Kammer wie von der Gesellschaft zurückziehen. Beim Lesen und Schreiben sei man nicht einsam, auch wenn niemand zugegen ist; wer aber allein sein wolle, solle zu den Sternen aufschauen. Erst in solcher Einsamkeit werde der Mensch aus dem Alltag herausgehoben. Die Gesellschaft zerstöre die Ganzheit, während die Natur zugleich Stoff, Vorgang und Ergebnis ihres Dienstes am Menschen sei. Emerson malt den ununterbrochenen Kreislauf aus: Der Wind streut den Samen, die Sonne lässt das Meer verdunsten, der Wind trägt den Dunst über das Feld, das Eis auf der anderen Seite des Planeten verdichtet hier den Regen, der Regen nährt die Pflanze, die Pflanze nährt das Tier – so speisen die endlosen Kreisläufe der göttlichen Güte den Menschen.

In den späteren Abschnitten wendet sich Emerson dem geistigen Kern zu. Er beschreibt ein spirituelles Verhältnis: In der Natur findet der Mensch seinen Geist und erkennt ihn als das Allumfassende Sein, das Universale Wesen. Die Natur sei nicht starr, sondern fließend; der Geist verändere und forme sie. Am Ende steht die Zusage an den Leser, dass die Welt seinetwegen bestehe und die Erscheinung um seinetwillen vollkommen sei. So schließt der Essay den Bogen von der anfänglichen Entfremdung des Menschen zu einer Versöhnung, in der Natur und Geist eins werden.

Stil

In acht klar voneinander abgesetzten Abschnitten baut Emerson seinen Gedankengang auf, wobei jeder Teil einen eigenen Blickwinkel einnimmt. Die Form ist die des Essays, doch der Ton nähert sich oft der Predigt und der Dichtung. Emerson denkt in einprägsamen, fast sprichwörtlichen Sätzen, die sich leicht aus dem Zusammenhang lösen und für sich behalten lassen. Er wendet sich unmittelbar an den Leser und spricht ihn auffordernd an. Besonders wirkungsvoll sind seine Bilder aus der Natur: Wind, Sonne, Regen, Eis und Pflanze fügt er zu einer Kette zusammen, in der ein Glied ins andere greift. Diese anschauliche Reihung macht einen abstrakten Gedanken sinnlich fassbar. Abstrakte Begriffe wie Geist, Einsamkeit oder das Universale Wesen stellt Emerson so neben handfeste Naturvorgänge, dass Sinnliches und Geistiges ineinander übergehen.

Rezeption

Nicht alle nahmen die Schrift wohlwollend auf. Eine Besprechung vom Januar 1837 kritisierte die darin vertretene Denkweise und bezeichnete sie abschätzig als „transzendentalistisch" – damit war der Name geprägt, unter dem die Gruppe später bekannt wurde. Große Wirkung entfaltete der Essay auf Henry David Thoreau, der ihn als älterer Student am Harvard College las und sich die Gedanken zu eigen machte. Natur wurde zu einem prägenden Einfluss für Thoreaus spätere Werke, darunter sein Hauptwerk Walden. Thoreau schrieb dieses Buch, nachdem er in einer Hütte auf einem Grundstück gelebt hatte, das Emerson gehörte; die lange Bekanntschaft der beiden ermutigte ihn, den Weg zum veröffentlichten Autor zu gehen. Emersons Anschauungen wirkten auch auf Charles Stearns Wheeler, der 1836 am Flints Pond eine einfache Hütte errichtete. Dieser Bau gilt als früher Versuch, den Transzendentalismus im Leben unter freiem Himmel zu erproben; Wheeler nutzte die Hütte von 1836 bis 1842 in den Sommerferien. Thoreau verbrachte im Sommer 1837 sechs Wochen dort und fasste den Entschluss, sich eine eigene Hütte zu bauen, den er 1845 am Walden verwirklichte.

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