1932
Natterngezücht
Überblick↑
Der Roman Le Nœud de vipères von François Mauriac erschien 1932 in Frankreich. Der Titel bedeutet wörtlich so viel wie „ein Knäuel aus Nattern" und meint das Gewirr giftiger Gefühle im Herzen des Erzählers. Erzählt wird die Lebensbeichte eines alten, sehr reichen Mannes, der voller Groll auf seine Ehe und seine Familie zurückblickt. Im Mittelpunkt stehen Geiz, Erbstreit, verhärtete Herzen und die Frage nach später Umkehr. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Louis, ein achtundsechzigjähriger, sehr wohlhabender Mann. In der Ich-Form blickt er auf sein Leben zurück und spannt den Bogen von 1885 bis 1930. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, klug und ehrgeizig, hat er ein großes Vermögen angehäuft – durch Geschäftssinn und durch eine vorteilhafte Heirat.
Seine Frau Isabelle, genannt Isa, hatte er einst geheiratet, obwohl sie zuvor einen anderen geliebt hatte. Von Beginn an war Louis eifersüchtig und misstrauisch, und die Ehe blieb kühl. Aus dieser alten Wunde heraus verschließt er sich immer mehr.
Als alter, kranker Mann sieht sich Louis von seiner eigenen Familie umstellt. Die Angehörigen glauben, er liebe sie nicht, und fürchten um das Erbe. Sie versammeln sich in seinem Haus und tuscheln, während Louis seinerseits darüber sinnt, wie er sie um das Vermögen bringen könnte. Zwischen alten Verletzungen und neuem Misstrauen beginnt er, sein bitteres Leben Schritt für Schritt noch einmal zu durchdenken.
Die Handlung im Detail↑
Louis erzählt seine Geschichte selbst, als kranker Mann von achtundsechzig Jahren. Er spürt, dass sein Ende naht, und lässt sein Leben zwischen 1885 und 1930 vor sich ablaufen. Als junger, armer Mann war er voller Groll gewesen – auch gegen die eigene Mutter, deren er sich schämte. Klug und zäh brachte er es dennoch zu großem Reichtum.
Die Heirat mit Isa stand von Anfang an unter einem kalten Stern. Isa hatte einen jungen Mann geliebt, den sie nicht heiraten durfte, weil er schwindsüchtig war. Da zwei ihrer Brüder an derselben Krankheit gestorben waren, nahmen ihre Eltern den ärmeren Louis, um die Krankheit nicht an weitere Nachkommen weiterzugeben. Louis wusste um diesen Grund und blieb zeitlebens verbittert und in sich verschlossen.
In der Gegenwart der Erzählung ist er umzingelt. Die Familie hält ihn für ungeliebt und lästig und denkt sogar daran, einen Arzt hinzuzuziehen, um das Erbe nicht zu verlieren. Alle sind in seinem Haus versammelt und verbringen die Zeit mit Reden und Ränken, was Louis nur weiter aufbringt. Er selbst hat wieder und wieder versucht, seine beiden Kinder samt deren Ehepartnern und Kindern vom Erbe auszuschließen.
Doch das Schicksal hat ihm gerade die Menschen genommen, die ihm am meisten am Herzen lagen. Da war Marie, seine jüngste Tochter, die mit zehn Jahren starb – ihren frühen Tod trägt Louis wie eine offene Wunde in sich. Da war Luc, Isas Neffe, ein lebhafter Junge, den er im Haus aufwachsen sah und auf den er große Hoffnungen setzte; mit nur achtzehn Jahren fiel er im Krieg, und er ging lachend, glücklich zu leben, ohne Ahnung vom nächsten Tag. Und da war Robert, ein unehelicher Sohn, den Louis zu seinem Erben machen wollte; doch Robert erwies sich als schwach und käuflich, und alle Mühe war umsonst.
Während Louis sich so verzehrt, geschieht das Unerwartete: Isa, in Wahrheit noch erschöpfter als er, erkrankt plötzlich und stirbt. Der Tod der Gefährtin trifft ihn tief. Er weint und verzweifelt – zum grenzenlosen Erstaunen aller, die ihn nur als harten Mann kennen. Zu spät begreift er, dass allein Isa nie aufgehört hatte, ihn zu lieben und ihn den anderen näherzubringen. Auch sie war stets missverstanden und bemitleidet worden.
Louis' Zusammenbruch verändert alles. Die Familie lässt ihn allein. Nur die Enkelin Janine, die kurz davor steht, sich von ihrem leichtsinnigen Mann Phili zu trennen, bleibt bei dem Großvater, um nachzudenken und ihn zu pflegen. In dieser fast völligen Einsamkeit setzt sich Louis' inneres Zwiegespräch fort und wird zu einem Gespräch mit seinem Schöpfer. Der Schrei des Mannes, der sich als Sünder erkennt und so lange ein Knäuel aus Nattern in sich getragen hat, steigt höher und höher, bis er Louis verzehrt. Sein Tagebuch fällt schließlich Janine zu – und mit ihm die Verteidigung einer Seele, die den Frieden und vielleicht auch das Licht gefunden hat.
Stil↑
Der Roman ist als Ich-Erzählung angelegt. Louis hält seine Lebensbeichte selbst fest, in einer Art Tagebuch, das ganz aus seiner Sicht geschrieben ist. So entsteht ein weiter Rückblick über Jahrzehnte, erzählt aus dem Inneren eines einzigen, verbitterten Mannes.
Das Bild vom Natternknoten gibt dem Buch seinen Titel und seine innere Form. Gemeint ist das Gewirr aus altem Groll, das sich im Herzen des Erzählers zusammengeballt hat. Aus der Anklage gegen die anderen wird nach und nach ein Selbstgespräch, und dieses Selbstgespräch wird zuletzt zu einem Zwiegespräch mit Gott. Die Form der Bekenntnis- und Tagebuchschrift lässt den Leser unmittelbar an diesem inneren Wandel teilhaben.
Rezeption↑
Schon im Erscheinungsjahr 1932 fand der Roman über Frankreich hinaus Verbreitung. Im selben Jahr kam er auch in Italien heraus. In der Folge wurde er in zahlreiche Sprachen übertragen – darunter Englisch, Deutsch, Spanisch, Russisch, Japanisch und viele weitere. Diese breite Übersetzungsgeschichte zeigt, wie stark das Buch international wahrgenommen wurde.
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