1885 – 1970
François Mauriac
Kurzporträt↑
François Mauriac (1885–1970) war einer der bedeutendsten französischen Romanciers der Zeit zwischen den Weltkriegen. Er verband katholischen Glauben mit einem unbestechlichen Blick auf die Abgründe der menschlichen Seele. Seine Romane spielen meist im wohlhabenden Bürgertum der südwestfranzösischen Provinz. Sie kreisen um Ehekrisen, erstickenden Familiendruck und das Ringen zwischen Schuld und Barmherzigkeit. Mauriac gilt als wichtiger Vertreter des „renouveau catholique", einer Bewegung, die sich an der katholischen Soziallehre orientierte. 1933 wurde er in die Académie française aufgenommen, 1952 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Neben seinem erzählerischen Werk machte er sich als streitbarer, linkskatholischer Publizist einen Namen.
Biografie↑
François Mauriac wurde am 11. Oktober 1885 in Bordeaux geboren, als fünftes und jüngstes Kind einer gutsituierten Familie. Sein Vater starb früh, und so prägte ihn vor allem seine fromme Mutter. Er besuchte katholische Privatschulen. Sein erstes literarisches Vorbild war der katholisch-konservativ-patriotische Romancier Maurice Barrès. Mit achtzehn Jahren sah er sich mit den sozialen Problemen seiner Zeit konfrontiert. Er entwickelte eine Religiosität, die der Amtskirche reserviert gegenüberstand.
Er studierte Literatur in Bordeaux und schloss mit der licence ab. 1908 wurde er an der Pariser École des Chartes für ein Aufbaustudium zum Archivar zugelassen. Dieses brach er jedoch ab und widmete sich der Literatur und dem literarischen Journalismus. Mauriac debütierte mit pathetisch-frommen Gedichten. Deren Sammelausgabe Les Mains jointes (Die gefalteten Hände, 1909) erzielte einen Achtungserfolg. 1911 folgte die Lyriksammlung Adieu à l'adolescence (Abschied von der Jugend). Danach wechselte er die Gattung. 1913 veröffentlichte er seinen ersten Roman, L'Enfant chargé de chaînes (Das mit Ketten beladene Kind). Schon 1914 folgte La Robe prétexte (Das Gewand des Jünglings).
1913 heiratete er und wurde in rascher Folge dreimal und später ein viertes Mal Vater. Von 1914 bis 1917 nahm er als Sanitäter am Ersten Weltkrieg teil. Bei einem Einsatz auf dem Balkan zog er sich eine fiebrige Erkrankung zu und wurde ausgemustert.
Zurück in Paris veröffentlichte er eine Reihe von Romanen, die seinen Ruhm begründeten: La Chair et le Sang (Das Fleisch und das Blut, 1920), Préséances (1921), Le Baiser au lépreux (Das Küssen des Aussätzigen, 1922), Génitrix (1923), Le Désert de l'amour (Die Wüste der Liebe, 1925), Thérèse Desqueyroux (1927), Nœud de vipères (Natternknoten, 1932) und Le Mystère Frontenac (Das Geheimnis Frontenac, 1933). Die Handlungen spielen meist im Milieu gutbetuchter Grundbesitzer und Geschäftsleute der südwestfranzösischen Provinz. Diese Schicht stagnierte nach dem Krieg wirtschaftlich und lebte entsprechend auf sich selbst fixiert. 1933 verschafften ihm diese Werke die Aufnahme in die Académie française.
1932 musste Mauriac an einem Kehlkopfkrebs operiert werden. Davon behielt er die heisere Stimme, die später eines seiner Markenzeichen als Radiokommentator wurde. 1937 versuchte er sich mit Asmodée erfolgreich auch als Theaterautor. Mit weiteren Stücken konnte er den Erfolg jedoch nicht wiederholen, etwa mit Les Mal Aimées (Die Ungeliebten, 1945), Le Passage du Malin (Der Besuch des Teufels, 1947) und Le Feu sur la terre (Feuer auf der Erde, 1950). Sein hauptsächliches Genre blieb der Roman. Etwa zehn weitere verfasste er noch. Im sich politisch und sozial rasch verändernden Frankreich der späten 1930er und der 1940er Jahre fanden sie aber keine große Resonanz mehr.
Seine Stellung als geachteter Intellektueller behauptete Mauriac vor allem dadurch, dass er sein Prestige zunehmend publizistisch einsetzte. Als linkskatholischer Antifaschist nahm er Mitte der 1930er Jahre gegen den Abessinienkrieg Mussolinis und gegen den Putsch General Francos Stellung. Nach der Machtübernahme Marschall Pétains 1940 trug ihm das Schwierigkeiten ein. Er schloss sich der anti-pétainistischen und antideutschen Widerstandsbewegung an. Unter dem Pseudonym „Forez" unterstützte er sie journalistisch. Nach der Befreiung wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt, ging aber bald auf Distanz zu den neuen Regierenden. Er tadelte 1944/45 die summarischen Gerichtsverfahren gegen ehemalige Kollaborateure. Er rügte auch die Repression und die Kriege, mit denen Frankreich nach 1945 seine Kolonialgebiete in Südostasien und Afrika zu halten versuchte.
1952 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur zuerkannt, sicher auch in Anerkennung seines journalistischen Werks. Während des Algerienkriegs (1954–1962) machte sich Mauriac in seinen kritischen Kolumnen (Bloc-notes) in Le Figaro und in L'Express für die Unabhängigkeit Algeriens stark. Er verurteilte die Anwendung von Folter durch die französische Armee. In seinen späten Jahren verfasste er noch mehrbändige Memoiren und eine Biographie von Charles de Gaulle. François Mauriac starb am 1. September 1970 in Paris.
Literarische Merkmale↑
Mauriacs Romane sind in einer fest umrissenen Landschaft und einem unverwechselbaren Klima verankert. Seine Heimat Bordeaux liefert das Milieu und die Atmosphäre. Die Handlungen spielen im wohlhabenden Bürgertum der südwestfranzösischen Provinz. Dort hüten die Familien ängstlich den Schein von Ehrbarkeit. Ein zentrales Thema sind Ehekrisen. Sie entstehen daraus, dass nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer die Sexualität als unrein und lästig erleben. Ein anderes Thema ist der Konformitätsdruck im engen Kreis dieser Familien, der bis zum Psychoterror geht.
Charakteristisch ist die Verbindung von christlichem Glauben und schonungsloser Seelenanalyse. Seine Frömmigkeit, so eine zeitgenössische Formulierung, sei mit dem „Pfeffer des Teuflischen" versetzt. Mauriac stürzt sich geradezu in die Schwächen und Laster der Menschen hinein. Selbst dort, wo er die Wirklichkeit schonungslos zergliedert, bewahrt er die Gewissheit einer Barmherzigkeit, die jedes Verstehen übersteigt. „Jeder weiß, dass er weniger schlecht sein könnte, als er von Natur aus ist" – darin wurde der Schlüssel zu seinem Werk gesehen. Zeitgenossen beschrieben ihn als „den katholischen Moralisten", als Literat des französischen Geistes und zugleich als tief im christlichen Glauben Verwurzelten.
Rezeption↑
Bereits seit 1946 fand sich Mauriacs Name immer wieder auf der Liste möglicher Nobelpreis-Kandidaten. Etwa zehn seiner Romane und Abhandlungen waren damals schon ins Schwedische übersetzt. 1952 erhielt er schließlich als achter französischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Nach dem Urteil des Nobelpreiskomitees eröffneten seine Romane „tiefgründige spirituelle Einblicke". Ihre „künstlerische Leidenschaft" durchdringe „das Drama der menschlichen Existenz". Seine ernste und durchdringende, aber nie eigentlich negative Analyse der menschlichen Seele habe etwas Wesentliches zur Literatur beigetragen.
Als Höhepunkte seines Romanschaffens gelten Werke wie Le Désert de l'amour (1925, deutsch 1927 als Die Einöde der Liebe), Génitrix (1923, deutsch 1928 als Der Tod der jungen Frau), Thérèse Desqueyroux (1927, deutsch 1928 als Die Tat der Therese Desqueyroux), Nœud de vipères (1932, deutsch 1936 als Das Natterngezücht) und La Pharisienne (1941, deutsch 1946 als Die Pharisäerin). Mehrere seiner Romane wurden ins Deutsche übersetzt, einige davon mehrfach neu übertragen. Sein erzählerisches Werk fand auch im Film Widerhall. Verfilmt wurden unter anderem Thérèse Desqueyroux – 1962 unter der Regie von Georges Franju und 2012 von Claude Miller – sowie Le Mystère Frontenac, La Pharisienne und Nœud de vipères. Seit 1958 war Mauriac auswärtiges Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Sein früherer Wohnsitz Malagar beherbergt heute ein ihm gewidmetes Museum, das Centre François Mauriac.
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