1842 – 1912
Karl May
Kurzporträt↑
Als einer der produktivsten Verfasser von Abenteuerromanen zählt Karl May zu den meistgelesenen Schriftstellern deutscher Sprache. Bekannt wurde er vor allem durch seine Reiseerzählungen. Sie spielen im Nahen Osten, in den Vereinigten Staaten und im Mexiko des 19. Jahrhunderts. Besondere Berühmtheit erlangten die in drei Bänden zusammengefassten Geschichten um den Indianer Winnetou. Die weltweite Auflage seiner Werke wird auf rund 200 Millionen Bände geschätzt, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Viele seiner Bücher wurden verfilmt, für die Bühne bearbeitet, zu Hörspielen verarbeitet oder als Comics umgesetzt.
Biografie↑
Geboren wurde Karl May am 25. Februar 1842 in Ernstthal als fünftes von vierzehn Kindern einer armen Weberfamilie. Neun seiner Geschwister starben bereits in den ersten Lebensmonaten. Nach eigenen Angaben erblindete er als Kleinkind und wurde erst in seinem fünften Lebensjahr geheilt. Für diesen Umstand gibt es außer Mays eigenen Hinweisen keine Belege, und in der Forschung wird er teilweise angezweifelt. Der ehrgeizige Vater zwang den Jungen, ganze Bücher abzuschreiben, und trieb ihn zum Selbststudium. Daneben erhielt er privaten Musik- und Kompositionsunterricht.
Ab 1856 besuchte May das Lehrerseminar in Waldenburg. Anfang 1860 wurde er wegen der Unterschlagung von sechs Kerzen ausgeschlossen. Auf dem Gnadenweg durfte er sein Studium in Plauen fortsetzen und bestand 1861 die Abschlussprüfung. Seine Lehrerlaufbahn endete jedoch schon nach wenigen Wochen. Er hatte die Taschenuhr eines Zimmergenossen unabgesprochen in die Weihnachtsferien mitgenommen. Deshalb wurde er zu sechs Wochen Haft verurteilt und als Vorbestrafter aus der Liste der Lehramtskandidaten gestrichen.
In den folgenden Jahren schlug sich May mit Privatunterricht, Komponieren und Vortragskunst durch. 1864 begann er mit verschiedenen Gaunereien. Wegen Diebstahls, Betrugs und Hochstapelei wurde er steckbrieflich gesucht und 1865 zu vier Jahren Arbeitshaus verurteilt. Dreieinhalb Jahre davon verbüßte er im Arbeitshaus Schloss Osterstein in Zwickau. Dort legte er bereits eine Liste mit über hundert Titeln und Stoffen für seine geplante Schriftstellerlaufbahn an. Nach seiner Freilassung nahm er die Betrügereien wieder auf. 1870 wurde er im böhmischen Niederalgersdorf festgenommen, nachdem er sich als reicher Plantagenbesitzersohn von der Insel Martinique ausgegeben hatte. Von 1870 bis 1874 saß er im Zuchthaus Waldheim ein. Dort bewirkte nach Mays späterer Darstellung der Anstaltskatechet Johannes Kochta seine innere Wandlung.
1874 kehrte May zu seinen Eltern nach Ernstthal zurück und begann zu schreiben. Um 1875 erschien mit Die Rose von Ernstthal erstmals eine Erzählung unter seinem Namen. Der Dresdner Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer stellte ihn als Redakteur ein. Damit war sein Lebensunterhalt erstmals gesichert. 1876 kündigte May und arbeitete kurz für den Verlag Bruno Radellis. Ab 1878 zog er als freier Schriftsteller nach Dresden. 1879 erhielt er vom katholischen Deutschen Hausschatz das Angebot, seine Erzählungen dort zu veröffentlichen. 1880 begann er den Orientzyklus, den er bis 1888 fortsetzte. Im selben Jahr heiratete er Emma Pollmer.
Ab 1882 schrieb May für seinen früheren Arbeitgeber Münchmeyer die großen Kolportageromane. Das Waldröschen wurde bis 1907 hunderttausendfach nachgedruckt. Mit Münchmeyer schloss er nur einen mündlichen Vertrag. Das führte später zu langwierigen Rechtsstreitigkeiten. Der entscheidende Durchbruch kam mit dem Freiburger Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld. Dieser gab ab 1892 die gesammelten Reiseromane (ab 1896 Reiseerzählungen) in Buchform heraus. Damit gewann May erstmals finanzielle Sicherheit und Ruhm.
Mit dem Erfolg verlor er zunehmend die Grenze zwischen Wirklichkeit und Erfindung. Er behauptete, selbst Old Shatterhand zu sein und das Erzählte erlebt zu haben. Er ließ die legendären Gewehre seiner Helden anfertigen. 1897 erklärte er vor Publikum, er beherrsche 1200 Sprachen und befehlige als Nachfolger Winnetous 35.000 Apachen. Seit etwa 1875 führte er zudem einen Doktorgrad, ohne je eine Universität besucht zu haben. Die dafür beschaffte Urkunde stammte von einer amerikanischen Titelmühle. Ende 1895 zog er in die Villa Shatterhand in Radebeul. Sie beherbergt heute das Karl-May-Museum.
1899 und 1900 bereiste May erstmals tatsächlich den Orient und gelangte bis nach Sumatra. Seine Frau berichtete von zwei Nervenzusammenbrüchen während der Reise. Etwa zeitgleich begannen heftige Pressekampagnen gegen ihn. Darin wurden ihm Selbstreklame, religiöse Heuchelei, Unsittlichkeit und schließlich seine Vorstrafen vorgehalten. 1903 wurde seine erste Ehe geschieden. Noch im selben Jahr heiratete er die verwitwete Klara Plöhn. Eine sechswöchige Amerikareise 1908 lieferte ihm den Stoff für Winnetou IV.
In seinen letzten Jahren schrieb May literarischer und wandte sich allegorischen, pazifistischen Stoffen zu. 1910 wurde er des Plagiats bezichtigt. Seine Erzählung Die Rache des Ehri war weitgehend mit Friedrich Gerstäckers Das Mädchen von Eimeo identisch. Am 22. März 1912 hielt er in Wien den pazifistischen Vortrag Empor ins Reich der Edelmenschen. Dabei traf er die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Nur eine Woche später, am 30. März 1912, starb Karl May in Radebeul. Jüngere Untersuchungen seines Skeletts deuten auf eine chronische Bleivergiftung hin.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Mays erfolgreiche Reiseerzählungen ist der Wechsel von der dritten in die erste Person. Der Erzähler tritt selbst als Held auf, was die Glaubwürdigkeit des Berichteten steigert. Seine stets deutschen Helden sind von persönlichen Motiven wie Rache befreit. Das Gute erscheint als fragloses, in einer Person verkörpertes Prinzip. Um diese moralische Mission glaubhaft zu machen, führte May das Motiv des Reisens ein. So können Kara Ben Nemsi im Orient und Old Shatterhand im Wilden Westen als scheinbar durchschnittliche Touristen Land und Leute kennenlernen, ohne dass ihr Auftrag willkürlich wirkt.
Auffällig ist Mays Arbeitsweise mit fremden Quellen. Namen, Stadtbeschreibungen und Landschaftsschilderungen übernahm er zum Teil wörtlich aus Lexika und Reiseberichten. Ganze Absätze gehen auf wissenschaftliche Werke zurück. Übernahmen aus literarischen Werken sind dagegen selten. Die Forschung hat seine Dichtung nach Freud als „Wunscherfüllung" gedeutet. Das kompensatorische Moment zeigt sich im stereotypen, märchengleichen Sieg des guten Deutschen über die böse Welt.
Nach seiner Orientreise begann May literarischer zu schreiben. In den späten Symbolromanen wie Ardistan und Dschinnistan und den späteren Bänden von Im Reiche des silbernen Löwen siedelte er seine Handlungen in Phantasieländern an. Er entwarf eine Zweiseelentheorie: Eine niedere Sphäre der Gewalt müsse durch ein höheres Edelmenschentum erlöst werden. Die touristischen, realitätsbetonenden Elemente entfielen nun. May selbst verstand diese Werke als leicht verständliche, moralische Bilder ohne Mystik, während die Forschung – etwa Arno Schmidt – sie weit tiefgründiger deutete.
Rezeption↑
Seit mehr als hundert Jahren zählt Karl May zu den meistgelesenen Schriftstellern. Sein Werk wurde in 46 Sprachen übersetzt und erreichte eine Weltauflage von über 200 Millionen Bänden. Besonders populär ist er bis heute in Tschechien, Ungarn, Bulgarien, den Niederlanden, Mexiko und Indonesien. In Frankreich, Großbritannien und den USA blieb er dagegen beinahe unbekannt. In den 1960er Jahren stellte die UNESCO fest, May sei der meistübersetzte deutsche Autor. Ganze Generationen bezogen ihr Bild von den Indianern und vom Orient aus seinen Büchern. Begriffe wie „Howgh", „Manitu" oder „Pascha" fanden über seine Romane Eingang in die Umgangssprache.
Schon zu Lebzeiten war May umstritten. Kulturreformer wie Heinrich Wolgast warfen ihm vor, mit „Schund" die deutsche Jugend zu verderben. Die Deutsche Biographie nennt ihn ebenso bekannt wie umstritten – wegen der hemmungslosen Idealisierung seiner eigenen Person und der mangelhaften literarischen Qualität seiner Werke. Im Lauf der hundertjährigen Wirkungsgeschichte wurden seine Reiseerzählungen dennoch in den Kreis der anerkannten literarischen Werke aufgenommen. 1982 leitete die DDR eine Neubewertung des zuvor verfemten Autors ein. Sie ging mit Dokumentationen und der Einrichtung eines Museums in Radebeul einher. Der Literaturkritiker Hans Wollschläger hielt vor allem das Alterswerk für bedeutend.
In jüngerer Zeit steht May wegen rassistischer Stereotype und kultureller Aneignung in der Kritik. Der Verlag Ravensburger nahm 2022 zwei Winnetou-Bücher aus dem Programm. 2025 startete die Organisation Survival International die Kampagne „Escaping Winnetou". Zugleich wirkt sein Werk vielfältig fort. Schon zu Lebzeiten wurde May parodiert und kopiert. 2001 wurde mit Michael Herbigs Der Schuh des Manitu eine Parodie zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme der Nachkriegszeit. Zu den Ehrungen zählen eine Briefmarke von 1987, zahlreiche nach ihm benannte Straßen sowie der 1990 entdeckte Asteroid (15728) Karlmay.
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