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Werkseintrag · Ardistan und Dschinnistan
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Ardistan und Dschinnistan
1910
– Werkseintrag –

Ardistan und Dschinnistan

1910 · Roman

Eine gleichnishafte Reise durch zwei verfeindete Wunderreiche, in der Karl May seinen Helden Kara Ben Nemsi vom Abenteuer zur Suche nach Läuterung und Frieden führt.

Überblick

Zu den späten Werken Karl Mays (1842–1912) zählt der zweiteilige Roman Ardistan und Dschinnistan, der aus den Bänden Ardistan und Der Mir von Dschinnistan besteht. Er spielt in der erfundenen Landschaft Sitara, die ganz der Vorstellungskraft des Autors entsprang. May verlässt hier die abenteuerliche Reiseerzählung seiner früheren Jahre und schreibt eine gleichnishafte Geschichte über Läuterung und Versöhnung. Das Werk gilt als kennzeichnend für die symbolische Spätphase des Schriftstellers.

Inhalt (ohne Spoiler)

Gemeinsam mit seinem treuen Begleiter Hadschi Halef Omar reist Kara Ben Nemsi, das andere Ich des Autors, in eine geheimnisvolle Welt. Dort liegen die beiden verfeindeten Reiche Ardistan und Dschinnistan, deren Namen sich an arabische und persische Wörter für „Erde" und „Geist" anlehnen. Von Marah Durimeh erhält der Erzähler den Auftrag, einen drohenden Krieg zwischen diesen Ländern zu verhindern.

Die Reise beginnt in der Landschaft Sitara und führt Schritt für Schritt in Richtung der Grenzen Dschinnistans. Jenseits davon sollen die Tore zum Paradies liegen. Unterwegs begegnen die Reisenden verschiedenen Völkern, die jeweils ein anderes Stadium menschlicher Entwicklung verkörpern. Da die Erzählung in einen orientalischen Rahmen eingebettet ist, tragen die Menschen und Gemeinschaften arabische und indische Züge.

Zunächst treffen die Gefährten auf das Volk der Ussul, einen großwüchsigen Menschenschlag, der friedlich und ohne Herrschaft in einem Sumpfgebiet lebt. Bald kommt es zu einer Auseinandersetzung mit den Tschoban, einem muslimischen Nomadenvolk, das dem Mir von Ardistan untersteht. Dieser Herrscher hat den Ruf, grausam und verdorben zu sein. Aus diesem Geflecht aus Begegnungen, Spannungen und Prüfungen entwickelt sich eine vielschichtige Handlung, die sich Stück für Schritt den Grenzen Dschinnistans nähert. Die eindrucksvoll geschilderten Landschaften, deren Vorbilder in Zentral- und Südasien liegen, verändern sich dabei im Gleichklang mit dem inneren Geschehen.

Die Handlung im Detail

Kara Ben Nemsi erhält von Marah Durimeh den Auftrag, einen drohenden Krieg zwischen Ardistan und Dschinnistan zu verhindern. Gemeinsam mit Hadschi Halef Omar beginnt er die Reise in der Stadt Ikbal. Ziel ist der Weg durch eine sinnbildliche Welt, deren Völker unterschiedliche Stufen der menschlichen Entwicklung darstellen.

Zuerst begegnen die Reisenden den Ussul, einem großwüchsigen Volk, das unter friedlichen, herrschaftsfreien Bedingungen in einem Sumpfgebiet lebt und das Bild des „edlen Wilden" verkörpert. Ein junger Ussul, dem im Lauf des Romans der Aufstieg zum Edelmenschen und schließlich zum neuen Mir von Dschinnistan bevorsteht, schließt sich den Reisenden an. Danach kommt es zu einer kriegerischen, aber unblutigen Auseinandersetzung mit den Tschoban, einem muslimischen Nomadenvolk unter der Herrschaft des Mirs von Ardistan.

Dieser Mir gilt als grausamer und verdorbener Fürst. Im unmittelbaren Kontakt erweist er sich jedoch als ein Suchender, der seine im Grunde guten Anlagen nicht entfalten kann. In seiner Stadt Ard steht er unter dem Druck einer unmenschlichen Familientradition und einer erstarrten lamaistischen Priesterkaste. Die weiteren Ereignisse führen dazu, dass er sich von diesen Fremdeinflüssen löst und seinen Charakter bildet, sodass er künftig die Aufgabe eines gerechten Herrschers erfüllen kann.

May arbeitet dabei mit zahlreichen Bildern, die äußerlich orientalisch wirken, innerlich aber christlich gemeint sind. So stehen engelförmige Monumentalskulpturen in der Wüste, die sich bei näherem Hinsehen als wasserführende Stufenbrunnen erweisen. Wasser dient als Sinnbild der göttlichen Liebe. Eine besondere Rolle spielt der Fluss Ssuhl, dessen Name an das arabische Wort für „Versöhnung, Friede" anklingt. Als Strafe für die ungerechten Taten der Ardistani trocknet der Fluss aus und macht Ardistan zum Wüstenland. Bezeichnend ist, dass der Ssuhl aus dem Schmelzwasser der Gletscher von Dschinnistan gespeist wird.

Die Kernszene spielt in der „Stadt der Toten", der verlassenen einstigen Hauptstadt Ardistans. Dort hat der Mir von Ardistan eine mystische Begegnung mit seinen Vorfahren und sagt sich von deren Grausamkeit und Verantwortungslosigkeit los. Als Belohnung werden ihm große Vorräte übergeben, die die Mire von Dschinnistan vor Generationen für ihn angelegt hatten. Mit ihnen kann er die Geisterstadt in Zukunft wieder zum Leben erwecken.

Nach dieser Läuterung ist der Mir von Ardistan für die letzte Auseinandersetzung gerüstet, die ihm seine Feinde – die Lamas und einige Abtrünnige – aufzwingen. Der Kampf findet an der Grenze zwischen Ardistan und Dschinnistan statt. Dabei kommt ihm die fast übernatürlich geschilderte Armee des Mirs von Dschinnistan zu Hilfe. So wird die alte Feindschaft zwischen den beiden Reichen überwunden, und der Fluss Ssuhl wird wieder in seine früheren Bahnen geleitet. Die Reise des Erzählers, die in Sitara begann, endet an den Grenzen Dschinnistans, jenseits deren die Tore zum Paradies liegen sollen.

Stil

Sinnbildlich und gleichnishaft prägt May die ganze Erzählung. Die äußere Reisehandlung trägt durchgängig eine zweite, geistige Bedeutung: Die Völker, denen die Reisenden begegnen, stehen für verschiedene Stufen menschlicher Entwicklung, und der Weg durch die Länder ist zugleich ein Weg der inneren Reifung. Auffällig ist die Spannung zwischen orientalischer Oberfläche und christlichem Kern. May verwendet eine große Zahl von Bildern, die äußerlich morgenländisch wirken, im Inneren aber christliche Gedanken tragen – etwa die Engelsfiguren, die sich als Brunnen erweisen, oder das Wasser als Zeichen der göttlichen Liebe.

Vielsagend sind auch die Namen: Die Bezeichnungen der Reiche, Völker und Flüsse leiten sich von arabischen und persischen Wörtern ab und deuten ihre Bedeutung an, so der Fluss Ssuhl, dessen Name auf „Versöhnung, Friede" verweist. Eindrucksvoll fallen die Landschaftsschilderungen aus. Die Natur verändert sich im Gleichklang mit dem seelischen Geschehen, und ihre Vorbilder finden sich in Zentral- und Südasien.

Rezeption

Als Teil des Alterswerks Karl Mays steht der Roman im Mittelpunkt jener Leser, die gerade die symbolische Spätphase des Autors schätzen. Der Schriftsteller und Literaturkritiker Hans Wollschläger, der in der Nachfolge Arno Schmidts eine wissenschaftlich psychologisierende Biographie über May verfasste, sah in ihm nicht zuerst den Jugendschriftsteller, sondern vor allem den Verfasser des Alterswerkes. Nach Wollschlägers Urteil erreicht May in seiner symbolischen Spätphase und besonders mit Ardistan und Dschinnistan die literarische Hochebene, indem er hier schonungslos und virtuos mit seinen Feinden abrechne.

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