1893
Winnetou, der Rote Gentleman
Überblick↑
Der Roman Winnetou, der Rote Gentleman erschien 1893 und bildet den ersten Teil von Karl Mays Erzählungen um den Apachen Winnetou; er ist auch als Winnetou I bekannt. Die Handlung spielt in den Vereinigten Staaten zwischen 1860 und 1870. May tritt selbst als Ich-Erzähler auf: ein deutscher Einwanderer, der in Saint Louis strandet und rasch den Beinamen „Old Shatterhand" erhält. Im Mittelpunkt steht die Begegnung dieses jungen Neulings mit dem Apachenhäuptling Winnetou. Aus anfänglicher Gegnerschaft wächst eine Freundschaft.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Als Hauslehrer in Saint Louis lernt der junge deutsche Erzähler den Büchsenmacher Henry kennen, der ihn als Schützen auf die Probe stellt. Weil er die schwere Waffe meisterhaft führt, verschafft ihm Henry ein Pferd und eine Anstellung bei einer Landvermesser-Expedition im Westen. Die Gruppe wird von den Westmännern Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker geführt und von bewaffneten Männern unter dem rohen Rattler begleitet. Der erfahrene Sam Hawkens nimmt den Neuling – ein „Greenhorn" – unter seine Fittiche und bringt ihm bei, was ein Westmann können muss. Nach seinem ersten Kampf trägt der junge Mann den Namen Old Shatterhand.
Bald taucht bei den Vermessern eine kleine Gruppe Apachen auf: der Häuptling Intschu tschuna, sein Sohn Winnetou und der Weiße Klekih-petra, den der Stamm aufgenommen hat. Sie fordern die Fremden auf, ihr Land zu verlassen, denn die Trasse führt mitten durch das Gebiet der Apachen. Zwischen dem hitzigen Rattler und den Indianern wächst die Spannung. Old Shatterhand gerät zwischen die Fronten, hin- und hergerissen zwischen seinen Auftraggebern und der wachsenden Achtung für den jungen Häuptling. Wie sich das Verhältnis der beiden entscheidet, ob aus Misstrauen Feindschaft oder Freundschaft wird, treibt die Handlung voran.
Die Handlung im Detail↑
Der Erzähler arbeitet zunächst als Hauslehrer in Saint Louis und trifft dort den Büchsenmacher Henry. Dieser prüft ihn als Schützen und stellt fest, dass der junge Mann die schwere doppelläufige Waffe, den „Bärentöter", vorzüglich führt. Henry kauft ihm ein Pferd und verschafft ihm eine Stelle bei einer Vermessungsexpedition im Stromgebiet des Canadian River, eines Nebenflusses des Arkansas. Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker sind die Führer der Gesellschaft, die von bewaffneten Männern unter dem niederträchtigen Rattler begleitet wird. Sam Hawkens ist ein erfahrener Waldläufer, der sich im Westen einen Namen gemacht hat. Er nimmt den jungen Schützling unter seine Obhut und tauft ihn nach dessen erstem Kampf mit Rattler „Old Shatterhand", weil er den Gegner mit einem einzigen Faustschlag niederstreckte.
Sam bringt ihm die nötigen Fertigkeiten eines Westmanns bei. Sie jagen Bisons und fangen ein wildes Maultier für Sam, das er „Mary" nennt. Old Shatterhand erlegt einen Grizzlybären mit Pistolenschüssen durch die Augen und Messerstichen ins Herz. Der zufällig abwesende Sam Hawkens spricht ihm den umstrittenen Bären nach kurzer Untersuchung zu.
Dann erscheinen die eigentlichen Herren des Landes: drei Apachen – Klekih-petra, ein vom Stamm aufgenommener Deutscher, der Häuptling Intshu-tshuna und dessen Sohn Winnetou. Sie fordern die Vermesser zum Abzug auf. Bei einem Streit Winnetous mit Rattler schießt dieser auf den jungen Häuptling; Klekih-petra rettet ihn, indem er die Kugel für ihn auffängt. Im Sterben bittet er Old Shatterhand, sein Werk unter den Indianern fortzusetzen und mit Winnetou Freundschaft zu schließen. Doch nach dem tödlichen Zwischenfall trennen sich Indianer und Vermesser als Todfeinde.
Die Vermessertruppe sucht nun Schutz bei den Kiowa unter ihrem Häuptling Tangua, die das Kriegsbeil gegen die Apachen ausgegraben haben. Beim ersten Mal laufen die Apachen in die Falle; Old Shatterhand schneidet Winnetou und dessen Vater nachts heimlich los, sodass sie entkommen können. Anschließend ficht er mit dem starken Kiowa Metan-akva („Blitzmesser") ein Messerduell aus und tötet zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen. In einer entscheidenden Schlacht aber unterliegen Kiowa und Weiße. Old Shatterhand will den Apachenhäuptling und dessen Sohn nicht töten und muss das mit schweren Verwundungen bezahlen. Nur mit Mühe übersteht er den Zug ins Indianerdorf am Rio Pecos, wo er am Marterpfahl sterben soll. Nach Wochen guter Pflege durch Nsho-tshi, Winnetous Schwester, fällt das endgültige Urteil. Nach einem schlechten Auftritt Sams und einer geschickten Rede Old Shatterhands wird beschlossen, dass er sein Leben und das seiner drei Gefährten in einem Zweikampf retten kann. Er muss über einen See schwimmen und eine Zeder am anderen Ufer erreichen, bevor Häuptling Intshu-tshuna ihn in einem Kanu und mit einem Tomahawk bewaffnet tötet. Old Shatterhand stellt sich ertrunken und schaltet den erzürnten, getäuschten Häuptling mit einem Schlag von dessen eigenem Tomahawk aus.
Nach diesem Zweikampf bessern sich die Beziehungen rasch. Old Shatterhand kann endlich die Haarlocke Winnetous vorzeigen, die er versehentlich abgeschnitten hatte, als er den Häuptlingssohn im Kiowa-Lager neben dem Vater losschnitt. Die beiden vermischen ihr Blut, und es werden Vorbereitungen für eine spätere Heirat Old Shatterhands mit Nsho-tshi getroffen. Winnetou nennt ihn nun seinen Bruder Scharlih. Zuvor aber soll die Schwester ihre westliche Erziehung in einer Stadt im Osten abschließen. Der Kiowa-Häuptling sieht diese Entwicklung mit Missgunst; Old Shatterhand verleitet ihn zu einem Duell. Tangua wählt selbst die Waffe, mit der er die geringsten Aussichten hat, das Gewehr. Nach einer Runde hat der Kiowa gefehlt und liegt mit zwei zerschmetterten Kniescheiben am Boden, obwohl er gewarnt worden war, sich nicht quer zu stellen. Zum Abschluss wird der Mörder Rattler trotz gründlicher Vorbereitung rasch hingerichtet.
Endlich haben Old Shatterhand und Winnetou Zeit für ein Gespräch. Winnetou und sein Vater haben beschlossen, dass Old Shatterhand seinen Vermessungsauftrag zu Ende führen soll. Der Medizinmann der Apachen spricht ihm bei der Abreise eine unheilvolle Voraussage aus. Auf dem Rückweg in den Osten reiten Winnetou, sein Vater und seine Schwester an einer geheimen Goldfundstelle vorbei, dem Nugget-tsil. Dort werden sie von Santer und drei Kumpanen überfallen, die raubend durch die Prärie ziehen. Dieser Santer wird schon in diesem ersten Teil zum Sinnbild des Bösen, dem Winnetou und Old Shatterhand als Vertreter des Guten gegenüberstehen. Obwohl es ihm verboten war, Winnetou zu folgen, gelingt es dem misstrauischen Old Shatterhand mit knapper Not, Winnetou zu entsetzen. Ein Gefährte Santers sowie Winnetous Vater und Schwester sind da bereits getötet. Old Shatterhand erschießt noch zwei Helfershelfer Santers, doch Santer selbst entkommt. Winnetou befiehlt, ihn mit zehn Apachen und den drei Waldläufern zu verfolgen; er selbst will mit dem Großteil seiner Stammesgenossen Vater und Schwester an Ort und Stelle bestatten. Die Verfolgung wird durch ihm freundlich gesinnte, auftauchende Kiowa und durch einen mehr als eigensinnigen Sam Hawkens erschwert, der nicht verwinden kann, dass er nicht mehr der Anführer der Waldläufer ist. Unverrichteter Dinge kehrt Old Shatterhand zu Winnetou zurück.
Winnetou gesteht, er habe zunächst vorgehabt, mit möglichst vielen Indianerstämmen nach Osten zu ziehen, um die Weißen zu bekämpfen. Doch inzwischen erkennt er, dass dies den Untergang der Indianer nur beschleunigen würde. Er wählt nun den Weg, möglichst viel Frieden zwischen den verfeindeten Stämmen zu stiften, um ihnen noch eine Chance zu geben, sich an die Eroberungen durch die Weißen anzupassen.
Santer erweist sich als ebenbürtiger Gegner und belauscht Winnetou und Old Shatterhand unbemerkt. So verhindert er eine gestellte Falle. Winnetou und Old Shatterhand beschließen, zum Kiowa-Dorf am Red River zu reiten, wo Sam gefangen gehalten wird und wohin auch Santer unterwegs ist. Im Dorf überwältigt Old Shatterhand Pida, den ältesten Sohn des Häuptlings Tangua, und nimmt ihn als Geisel mit. Doch Santer entkommt Winnetou in einem Kanu, und wieder trennen sich die Wege der beiden. Winnetou setzt Santer nach, während Old Shatterhand Sam Hawkens befreien und seinen Vermessungsauftrag in Saint Louis abliefern muss. In der Stadt ist ihm sein Ruhm vorausgeeilt, und Henry empfängt ihn begeistert, zumal Winnetou drei Tage zuvor durchgekommen ist. Der hatte Santer allein weiter verfolgt und ritt ihm in Richtung New Orleans nach, verlor jedoch in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs die Spur. Von dem Büchsenmacher erhält Old Shatterhand schließlich das Mehrladegewehr, das seinen Namen trägt: die Henrybüchse.
Stil↑
Das Werk ist als Ich-Erzählung angelegt. Der Autor macht sich selbst zur Hauptfigur und lässt den Leser durch die Augen des deutschen Neulings auf den amerikanischen Westen blicken. So verschmelzen Reisebericht und Abenteuerroman zu einer Form, in der der Erzähler zugleich Berichterstatter und Held ist.
Die Handlung ist in klar abgegrenzte Episoden gegliedert – Schießprobe, Bisonjagd, Bärenkampf, Zweikämpfe, Verfolgungsjagden –, die den Aufstieg des unerfahrenen „Greenhorns" zum bewunderten Westmann Schritt für Schritt vorführen. Auffällig ist die scharfe moralische Ordnung: den edlen Gestalten um Winnetou und Old Shatterhand steht mit dem Räuber Santer ein Sinnbild des Bösen gegenüber. Fremd klingende Namen und Schauplätze wie der Rio Pecos, das Nugget-tsil oder die Henrybüchse geben der Erzählung ihren exotischen Klang.
Rezeption↑
Der Roman eröffnet die Reihe der Winnetou-Bücher. Das Gespann aus dem Deutschen Old Shatterhand und dem Apachen Winnetou findet hier zusammen. Die Blutsbrüderschaft der beiden wurde zum Herzstück des Werks und ein wesentlicher Grund für seine anhaltende Beliebtheit. Als Werk der Unterhaltungs- und Abenteuerliteratur richtete sich das Buch an ein breites Publikum.
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