1924
Wir
Überblick↑
Der Roman Wir entwirft das Bild einer bis ins Letzte durchorganisierten Zukunftsgesellschaft und zählt zu den frühen Beispielen jener Gattung, die man heute Dystopie nennt. Samjatin stellte das Buch 1920 fertig. Es gilt als das erste Werk, das in der Sowjetunion offiziell verboten wurde. Erzählt wird in Tagebuchform, aus der Sicht eines Mannes, der seinen allmächtigen Staat zunächst mit ganzem Herzen verehrt. Der Roman nimmt Motive vorweg, die später in bekannteren Schreckensbildern der Zukunft wiederkehren, und wird oft als hellsichtige Vorwegnahme des Stalinismus gelesen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einem von Mauern umschlossenen Stadtstaat der fernen Zukunft ist das Leben bis zum kleinsten Handgriff geregelt. Die Häuser bestehen aus Glas, damit niemand etwas verbergen kann. Die Menschen tragen keine Namen mehr, sondern Nummern. Über allem wacht ein übermächtiger „Wohltäter", unterstützt von Heerscharen von „Beschützern". Was zählt, ist allein das Kollektiv, das große „Wir"; der einzelne Mensch bedeutet nichts.
Der Erzähler D-503 ist Mathematiker und Konstrukteur. Er baut das Raumschiff Integral, das die Errungenschaften seines Staates in den Weltraum tragen soll. Für die fremden Welten legt er ein Tagebuch an, in dem er die vollkommene Ordnung seiner Heimat preist. Doch dann begegnet er auf einem Spaziergang der eigenwilligen I-330. Sie führt ihn an verbotene Orte, bietet ihm Alkohol an und missachtet die Regeln des Staates. Nach und nach geraten die klaren Gleichungen, nach denen D-503 bisher gelebt hat, ins Wanken. Gefühle, Träume und Zweifel, die es im großen „Wir" nicht geben darf, beginnen sich in ihm zu regen.
Die Handlung im Detail↑
Der Schauplatz ist der „Einzige Staat", entstanden nach einem zweihundertjährigen Krieg und der „allerletzten Revolution". D-503, der Erzähler, ist zweiunddreißig Jahre alt und Konstrukteur des Raumschiffs Integral. Zu Beginn ist er ganz Wissenschaftler: Gleichungen bestimmen sein Leben, sein Staat ist ihm eine feste Größe. Er lebt in geordneten Verhältnissen – er ist auf O-90 „abonniert", eine rundliche Frau. Mit ihr und seinem Jugendfreund, dem Dichter R-13, bildet er eine Art Familie.
Alles ändert sich, als D-503 die geheimnisvolle I-330 kennenlernt. Sie zeigt ihm das „Alte Haus", einen Ort aus der Zeit vor dem Staat, bietet ihm Alkohol an und schläft mit ihm – ohne die vorgeschriebene staatliche Erlaubnis. D-503 verliebt sich. Seine klare, berechenbare Welt gerät durcheinander. Er beginnt zu träumen, entwickelt Fantasien und fürchtet, krank zu sein. Ein Arzt stellt bei ihm eine „Seele" fest. Immer öfter findet er für seine Tagebucheinträge keine Überschrift mehr, und er hat Angst, dass seine Aufzeichnungen entdeckt werden – das käme einem Todesurteil gleich.
I-330 gehört, wie sich zeigt, zur MEPHI, einer Untergrundbewegung, die den Staat stürzen will. Über einen als Kleiderschrank getarnten Fahrstuhl gelangt D-503 vom „Alten Haus" in die verborgene Welt der Aufständischen. Am „Tag der Einstimmigkeit", an dem der „Wohltäter" wie stets aufs Neue bestätigt werden soll, bricht offener Aufstand aus. D-503 willigt ein, mitzumachen: Das Raumschiff Integral soll sabotiert werden. Doch der Anschlag misslingt, und I-330 gibt ihm die Schuld daran.
Nun greift der Staat zum letzten Mittel. Eine neu entdeckte Gehirnoperation entfernt das „Fantasiezentrum" und macht jeden Gedanken an Widerstand unmöglich; alle Nummern sollen sich ihr unterziehen. D-503 ringt mit sich – auf I-330s Drängen hin entscheidet er sich zunächst gegen den Eingriff. Unterdessen wird er von U, der Kontrolleurin, verraten. Als er sie erschlagen will, entblößt sie sich vor ihm und gesteht ihm ihre Liebe. D-503 wird verhaftet, kann fliehen, wird aber wieder gefasst.
Auch O-90 durchlebt ihre eigene Geschichte. Sie liebt D-503 und verlässt ihn, als sie von I-330 erfährt. Zuvor erfüllt er ihr noch einen Wunsch: Sie will ein Kind von ihm, obwohl darauf der Tod steht. Mit Hilfe von I-330 soll ihr die Flucht über die Mauer gelingen.
Am Ende wird D-503 wie alle anderen operiert. In seiner letzten Aufzeichnung wirkt er „geheilt": ohne Fantasie, ohne eigene Gefühle, wieder ein bruchloser Teil des großen „Wir". Seine Liebe hat er verraten. I-330 wird der Staat aller Voraussicht nach hinrichten.
Stil↑
Angelegt ist das Buch als Tagebuch: In einzelnen „Eintragungen" hält D-503 seine Beobachtungen und Gedanken fest. Erzählt wird durchgehend aus seiner Ich-Perspektive, in einem einzigen, geradlinig verlaufenden Handlungsstrang. Weil es sich um Tagebuchnotizen handelt, bleibt auch die erzählte Zeit überschaubar – sie umfasst etwa ein Dreivierteljahr, vom Frühling bis zum Herbst. Vieles spielt sich allein im Kopf des Erzählers ab und wächst sich zu seitenlangen inneren Monologen aus. Immer wieder wendet er sich dabei unmittelbar an den Leser, fast beschwörend, etwa zu Beginn der zweiunddreißigsten Eintragung: „Können Sie sich vorstellen, dass Sie sterben werden?"
Prägend ist der scharfe Gegensatz zweier Sprachwelten. Auf der einen Seite steht das nüchterne Vokabular der Technik und Mathematik – Nummern, Gleichungen, Berechnungen. Auf der anderen drängen Wörter wie Liebe, Freiheit und Seele herein. Dieser Widerstreit der Sprache spiegelt den inneren Kampf des Erzählers wider, der sich vom reibungslosen Rädchen im Getriebe zu einem fühlenden Menschen wandelt. Als Verehrer der „wissenschaftlichen Betriebsführung" taucht dabei immer wieder der Name Taylor auf.
Rezeption↑
Schon bald nach seiner Fertigstellung 1920 stieß Samjatins Wir auf den Widerstand der Behörden: Es gilt als das erste Buch, das in der Sowjetunion offiziell verboten wurde. Eine deutsche Fassung erschien 1958 bei Kiepenheuer & Witsch. Der Schriftsteller George Orwell besprach das Werk 1946 in der Zeitschrift Tribune. Die Parallelen zu späteren Schreckensbildern der Zukunft sind unübersehbar – der gottgleiche „Wohltäter" nimmt Gestalten wie Orwells „Großen Bruder" vorweg, und viele Leser erkannten in dem Buch eine hellsichtige Vorwegnahme des Stalinismus.
Der Stoff wurde vielfach für Bühne, Funk und Film bearbeitet. Zu Beginn der 1980er Jahre verfilmte Vojtěch Jasný den Roman mit Dieter Laser als D-503 und Sabine von Maydell als I-330. Mehrere Rundfunkanstalten brachten Hörspielfassungen heraus, unter anderem 1979, 1985 und 2014; 2016 entstand der Kurzfilm The Glass Fortress. Auch das Musiktheater nahm sich des Stoffes an: 2006 wurde in München eine Vertonung von Christoph Staude uraufgeführt, und für 2026 kündigte das Theater Dortmund eine Oper von Sarah Nemtsov an. Der Einfall, Menschen nur mit Nummern statt mit Namen zu bezeichnen, kehrte später in Science-Fiction-Filmen wie THX 1138 wieder.
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