1884 – 1937
Jewgeni Iwanowitsch Samjatin
Kurzporträt↑
Jewgeni Iwanowitsch Samjatin (1884–1937) war russischer Ingenieur, Revolutionär und Schriftsteller. Er gehört zu jenen Autoren, die der von ihnen mitbegründeten Sowjetmacht früh kritisch gegenüberstanden. Ausgebildet als Schiffbauingenieur, schloss er sich als junger Mann den Bolschewiki an. Er beteiligte sich aktiv an der Oktoberrevolution. Bald jedoch wandte er sich gegen die Gewalt und den Zwang des neuen Staates. 1920 entwarf er in seinem Roman Wir das Bild einer totalitären Gesellschaft, in der jede Individualität ausgelöscht ist. Das Werk brachte ihm Schreibverbot ein. In seiner Heimat konnte es erst Jahrzehnte später vollständig erscheinen. 1931 durfte Samjatin nach Frankreich ausreisen, wo er 1937 starb.
Biografie↑
Geboren wurde Samjatin Anfang 1884 in Lebedjan im damaligen Russischen Kaiserreich. Während seines Studiums als Schiffbauingenieur in Sankt Petersburg schloss er sich den Bolschewiki an. Er agitierte für die Partei, wurde 1905 verhaftet und zweimal in seine Heimatstadt verbannt, bevor er sein Studium abschließen konnte. Nach der Februarrevolution 1917 kehrte er aus der englischen Emigration nach Russland zurück.
Die Wirklichkeit der Revolution ernüchterte ihn rasch. Wolfgang Kasack zufolge ernüchterte ihn „die Realität mit ihrer Gewalt, dem Primat der Ratio und der Leugnung des seelischen Lebens". 1920 beschrieb Samjatin in dem Roman Wir eine fiktive Gesellschaft und einen totalitären Staat, in dem jegliche Individualität unterdrückt wird. Das Buch war zugleich eine unmittelbare Entgegnung auf die beiden als fortschrittlich gefeierten Romane Der rote Stern und Ingenieur Menni von Alexander Bogdanow. Mit dieser indirekten Kritik am Etatismus der entstehenden sowjetischen Gesellschaft zog sich Samjatin den Unmut der Parteiführung zu. Er erhielt Schreibverbot.
Der Roman wurde 1924/25 in verschiedenen Sprachen im Ausland veröffentlicht. In der Sowjetunion konnte er in vollständiger russischer Fassung erst 1988 erscheinen. Neben Wir schrieb Samjatin auch Novellen, Erzählungen und mehrere Märchen, darunter Der Gott und die Geschichten über Fita. Zusammen mit anderen verfasste er außerdem das Libretto zu der Oper Die Nase. Diese Oper vertonte Dmitri Schostakowitsch, und sie wurde 1930 in Leningrad uraufgeführt.
Nach schwerer Hetze gegen ihn verließ Samjatin 1929 den sowjetischen Schriftstellerverband. Zu Beginn der zwanziger Jahre hatte er eine Ausreisemöglichkeit noch abgelehnt, obwohl ihm bereits ein Visum vorlag. 1931 erhielt er schließlich über Maxim Gorki die Erlaubnis Stalins, nach Frankreich auszureisen. Die sowjetische Staatsbürgerschaft behielt er bis zu seinem Lebensende. Er arbeitete noch an dem Romanfragment Die Geißel Gottes über Attila, das unvollendet blieb. 1937 starb Samjatin in Paris an einem Herzinfarkt. Er ist auf dem Friedhof von Thiais begraben.
Literarische Merkmale↑
Bekannt wurde Samjatin vor allem durch seinen Roman Wir. Darin entwarf er das Bild eines lückenlos durchorganisierten Staates, der das seelische und individuelle Leben des Menschen verleugnet. Seine Kritik an der jungen Sowjetgesellschaft trug er dabei nicht offen vor, sondern in der verschlüsselten Form einer erfundenen Zukunftswelt. Neben solchen entwerfenden Arbeiten verfasste er Märchen und satirische Erzählungen. Das schlägt sich auch in deutschen Sammlungen wie Russland ist groß. Erzählungen und Satiren nieder. In der Forschung wird sein Erzählen der russischen Moderne zugeordnet.
Rezeption↑
Wirkung entfaltete Samjatin zunächst außerhalb seiner Heimat. In der Sowjetunion blieb Wir verboten und konnte dort erst 1988 vollständig auf Russisch erscheinen. Im Ausland wurde der Roman dagegen schon 1924/25 in mehreren Sprachen veröffentlicht. Ins Deutsche übertrug ihn unter anderem Gisela Drohla für die Ausgabe von 1958, der weitere Übersetzungen folgten. Mit seiner Verweigerung gegenüber der Parteilinie und seinem Austritt aus dem Schriftstellerverband 1929 wurde Samjatin zur Figur eines Autors, der seine Unabhängigkeit gegen den Staat behauptete.
Sein Werk fand auch in andere Künste Eingang. Die mit Dmitri Schostakowitsch geschaffene Oper Die Nase wurde 1930 in Leningrad uraufgeführt. Seine Erzählungen wurden mehrfach für Hörspiel, Film und Bühne bearbeitet, etwa in zwei Verfilmungen der Erzählung über eine Überschwemmung sowie in einer gleichnamigen Oper. In der Wissenschaft befassten sich mehrere Studien mit seinem Leben und Werk, darunter Arbeiten von Alex M. Shane, Gabriele Leech-Anspach und Leonore Scheffler. In Nachschlagewerken der Science-Fiction-Literatur wird er bis heute als wichtiger Vertreter des Genres geführt.
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