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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin
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Porträt Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin
Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin
1826 – 1889
– Autorenporträt –

Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin

1826 – 1889 · 63 Jahre

Beamter und Satiriker des zaristischen Russlands, der die Korruption der Bürokratie und den Verfall des Landadels mit scharfer Feder bloßstellte.

Kurzbiografie↑

Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin war ein russischer Beamter, Schriftsteller und Satiriker. Er schrieb unter dem Pseudonym N. Schtschedrin. Geboren wurde er 1826 in eine adlige Gutsherrenfamilie. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er im Staatsdienst des zaristischen Russlands. Den Verwaltungsapparat, den er später verspottete, kannte er aus eigener Anschauung. In seinen Romanen, Skizzen und Märchen prangerte er die Korruption der Bürokratie und die Leibeigenschaft an. Er gilt als einer der konsequentesten Satiriker des russischen kritischen Realismus. Saltykow-Schtschedrin starb 1889 in Sankt Petersburg.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Saltykow-Schtschedrin auf dem Landgut seines Vaters in Spas-Ugol. Dieser Ort gehört heute zur nördlichen Oblast Moskau in Mittelrussland. Zu seinem Geburtsort gibt es in den Quellen leicht abweichende Angaben. Wikidata nennt den Ort Spas-Ugol, die Deutsche Biographie verzeichnet die Oblast Moskau. Beide Angaben verweisen jedoch auf dieselbe Gegend. Schon als Kind sah er auf dem Familiengut das Elend und die Unterdrückung der Bauern. Zusammen mit späteren Begegnungen prägte das seine Abneigung gegen die Leibeigenschaft.

Im Alter von zehn Jahren kam er auf ein vornehmes Gymnasium nach Moskau. Dort zeigte er so gute Leistungen, dass er zwei Jahre später auf dem renommierten Lyzeum Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg studieren durfte. Dort begeisterte er sich früh für Literatur und schrieb zunächst Gedichte. In seinen Jugendjahren lernte er den bekannten Literaturkritiker Wissarion Belinski kennen. Diese Bekanntschaft prägte seine späteren revolutionären Ansichten mit.

Nach dem Abschluss des Lyzeums arbeitete Saltykow ab 1844 in der Kanzlei des Kriegsministeriums in Petersburg. Zugleich bemühte er sich, seine frühen Werke zu veröffentlichen. Das gelang ihm 1844 und 1845 mit einigen Gedichten in der Literaturzeitung Sowremennik. Bald wandte er sich von der Poesie ab. Er las begeistert die Schriften französischer utopischer Sozialisten und schloss sich für eine Zeit dem Kreis der Petraschewzen um Michail Petraschewski an. Ende der 1840er-Jahre veröffentlichte er erste kürzere Prosawerke und Aufsätze. Einige davon stufte die zaristische Zensur als zu freidenkerisch ein. Deshalb wurde Saltykow 1848 nach Wjatka strafversetzt. Dort arbeitete er in der Gouvernementsverwaltung und sammelte Eindrücke aus dem provinziellen Leben, die er in späteren Werken verarbeitete.

Nach dem Tod von Zar Nikolaus I. im Jahr 1855 durfte Saltykow wieder nach Petersburg ziehen. Er diente im Innenministerium und beteiligte sich an der Vorbereitung der 1861 vollzogenen Bauernreform, die unter anderem die Leibeigenschaft abschaffte. Als erstes literarisches Werk nach der Verbannung veröffentlichte er unter dem Pseudonym N. Schtschedrin die Skizzen aus dem Gouvernement. Im Lauf der 1860er-Jahre war er im Staatsdienst mehrerer zentralrussischer Gouvernements tätig, unter anderem als Vizegouverneur in Twer und in Rjasan. Daneben schrieb er erste satirische Werke, in denen er die ihm vertraute Korruption anprangerte. Von 1863 bis zur Schließung des Sowremennik 1866 erschienen seine Schriften in dieser Zeitschrift. Danach veröffentlichte er in der Zeitschrift Otetschestwennye Sapiski. Dort arbeitete er eng mit dem Dichter Nekrassow zusammen, der zugleich Mitherausgeber war.

Ebenfalls 1868 quittierte Saltykow den Staatsdienst und widmete sich von da an ganz dem Schreiben. Nach dem Tod Nekrassows wurde er dessen Nachfolger als Chefredakteur der Otetschestwennye Sapiski. In den 1870er- und frühen 1880er-Jahren entstanden seine bekanntesten Werke, darunter die Romane Die Geschichte einer Stadt und Die Herren Golowljow. 1884 verbot die Zensurbehörde die Zeitschrift als zu liberal. Das traf Saltykow schwer und beeinträchtigte nach eigener Schilderung auch seine Gesundheit. Seine späteren Werke veröffentlichte er vorwiegend in der Zeitschrift Westnik Jewropy, darunter seinen letzten Roman Provinz Poschechonien. Er starb 1889 in Sankt Petersburg. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf dem Wolkowo-Friedhof neben Iwan Turgenew beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Bereits sein erstes größeres Werk, die Skizzen aus dem Gouvernement, war das literarische Ergebnis seiner Verbannungszeit in Wjatka. Mit ihm sagte er der zaristischen Selbstherrlichkeit offen den Kampf an. Schon dieses Buch wurde von den revolutionären Kritikern Nikolai Tschernyschewski und Nikolai Dobroljubow hoch geschätzt.

In den Jahren seiner Arbeit für die Zeitschriften Sowremennik und Otetschestwennye Sapiski entstanden seine bekanntesten Werke, darunter die Romane Die Geschichte einer Stadt, Die Herren Taschkenter und Die Herren Golowljow. In ihnen verband er schonungslose Satire mit publizistisch-politischer Schärfe. Seine kämpferische Kritik richtete er gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Eine treffende psychologische Charakteristik einzelner sozialer Gruppen des zaristischen Russlands lieferte er auch in dem Zyklus politisch-satirischer Sittenbilder Pompadour und Pompadourin, in der Familienchronik Provinz Poschechonien und in seinen Märchen.

Diese Märchen geißeln die parasitäre Bürokratie, die adligen Anhänger der Leibeigenschaft, die verängstigte kleinbürgerliche Intelligenz und die käuflichen Liberalen. Zugleich schilderte Saltykow die Not der einfachen Menschen. Dabei brachte er seinen Glauben an eine revolutionäre Veränderung und an Humanität zum Ausdruck. Damit gilt er als einer der konsequentesten kämpferischen Satiriker des russischen kritischen Realismus. Auch fürs Theater schrieb er. Sein bekanntestes Drama ist die vieraktige Komödie Pasuchins Tod aus dem Jahr 1857.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten fanden Saltykows Werke Anerkennung bei den revolutionären Kritikern seiner Zeit. Nikolai Tschernyschewski und Nikolai Dobroljubow schätzten seine frühen Skizzen aus dem Gouvernement hoch ein. Seine Märchen fanden früh Widerhall in der deutschen Arbeiterbewegung. Welche Geltung er besaß, zeigt auch sein Begräbnis. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf dem Wolkowo-Friedhof in Sankt Petersburg neben Iwan Turgenew beigesetzt. Sein Leben wurde später literarisch verarbeitet, etwa in Wiktor Woroszylskis Roman Träume unter Schnee, der 1963 auf Polnisch und 1964 auf Deutsch erschien.

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