1919
Winesburg, Ohio
Überblick↑
Der Erzählzyklus Winesburg, Ohio von Sherwood Anderson erschien 1919 bei B. W. Hübsch in New York. Der volle Originaltitel lautet Winesburg, Ohio: A Group of Tales of Ohio Small-Town Life. Das Buch versammelt zweiundzwanzig Erzählungen, die alle in derselben kleinen Stadt spielen und durch eine gemeinsame Figur zusammengehalten werden: den jungen George Willard.
Winesburg ist ein erfundener Ort. Er hat nichts mit der wirklichen Stadt gleichen Namens in Ohio zu tun, sondern geht zum Teil auf Andersons Kindheitserinnerungen an Clyde zurück, wo er von seinem achten bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr lebte. Die Erzählungen entstanden überwiegend Ende 1915 und Anfang 1916.
Das Buch gilt heute als eines der überzeugendsten Bilder einer amerikanischen Kleinstadt vor dem Industriezeitalter. Die Modern Library setzte es 1998 auf Platz 24 ihrer Liste der hundert besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht George Willard, der Sohn der Wirtsleute der einzigen Pension am Ort. Er arbeitet für die Lokalzeitung und wächst im Verlauf der Erzählungen vom Kind zum jungen Mann heran. Der Leser begleitet ihn bis zu dem Punkt, an dem er bereit ist, Winesburg zu verlassen und nach Cleveland zu gehen.
Fast jede der Erzählungen rückt einen anderen Bewohner der Stadt in den Vordergrund. Immer wieder geht es um Menschen, deren Leben ein einziger langer Kampf gegen Einsamkeit und Abgeschiedenheit ist. Viele von ihnen suchen den Kontakt zu George Willard, weil sie hoffen, dass wenigstens er sie versteht.
Eine durchlaufende Handlung im gewöhnlichen Sinn gibt es kaum. Das Buch interessiert sich weit mehr für die verborgenen seelischen Vorgänge seiner Figuren. Den Auftakt bildet die Erzählung Das Buch der Grotesken, die als Einleitung zum Ganzen dient.
Mehr als hundert Personen bevölkern das Buch. Die meisten von ihnen treten nur ein einziges Mal auf; zehn Figuren tragen jeweils eine eigene Erzählung.
Die Handlung im Detail↑
Der Zyklus beginnt mit Das Buch der Grotesken, das den Blick auf alles Folgende vorgibt: Die Bewohner von Winesburg erscheinen als „Groteske“, als Menschen, die sich an einer einzigen Wahrheit festgeklammert haben und darüber verformt wurden.
Die Stadt selbst ist genau vermessen. Sie hat die Form eines H. Die Main Street bildet den Querbalken, die Eisenbahnlinie den linken und die Buckeye Street den rechten senkrechten Strich. Am Schnittpunkt der beiden Hauptstraßen liegt die Redaktion der Lokalzeitung. Daneben findet sich Herns Lebensmittelgeschäft, gegenüber die Eisenwarenhandlung Sinning. Hinter den Häusern führt eine Gasse zur Bahnlinie und zum Bahnhof. Dahinter steht das einzige Quartier des Ortes, die Pension New Willard House. Jenseits der Gleise, dem Bahnhof gegenüber, liegt Biff Carters Restaurant. Von der Buckeye Street aus erkennt man den Festplatz oben rechts und darunter das Wasserbecken.
George Willard ist der Ankerpunkt, auf den fast alle Geschichten zulaufen. In etwa jeder sechsten Erzählung tritt er selbst hervor; daneben kehren rund dreiunddreißig weitere Figuren fünf- oder sechsmal wieder. Erzählt wird zugleich seine eigene Entwicklung zum jungen Mann und künftigen Schriftsteller. Deshalb rückt das Buch in die Nähe des Entwicklungs- und des Künstlerromans.
Der zeitliche Rahmen reicht weit über Georges Jugend hinaus. Einzelne Episoden greifen zwanzig Jahre und mehr zurück, über Generationen hinweg, etwa in Frömmigkeit oder in Hände. Zwei Erzählungen, Die Kraft Gottes und Die Lehrerin, erreichen ihren Höhepunkt zur selben Zeit: an einem Januarabend, während draußen ein heftiger Schneesturm tobt.
Am Ende steht Georges Aufbruch. Er hat Winesburg durchschaut und verlässt es in Richtung Cleveland. Was bleibt, ist das Bild einer Gemeinschaft, in der jeder Einzelne für sich allein bleibt.
Manche Figuren tragen die Züge von Menschen, die Anderson in seiner Jugend kannte. Enoch Robinson etwa erinnert in vielem an Andersons eigenen Bruder Earl. In einer Rede am Olivet College am 20. Januar 1939 sprach Anderson allerdings von seiner Überraschung darüber, dass man sein Buch für das getreue Abbild eines Dorfes in Ohio hielt. Er selbst führte fast alle Figuren auf seine Mitbewohner in einer großen Pension und auf Nachbarn im Norden Chicagos zurück. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Erinnerungen an Clyde und an das spätere Pensionsleben haben sich vermischt.
Stil↑
Bemerkenswert ist die Sprache: eine nüchterne, unaufgeregte Prosa, die der Alltagsrede nahekommt. Anderson verzichtet auf Schmuck und dramatische Zuspitzung. Darin gilt das Buch als Beispiel für die expressionistische Strömung der amerikanischen Literatur.
Die Form liegt eigenwillig zwischen den Gattungen, gewissermaßen auf halbem Weg zwischen Roman und bloßer Erzählsammlung. Einzelne Geschichten erschienen zuerst in Literaturzeitschriften. Zusammengehalten wird das Ganze durch den gemeinsamen Schauplatz, die wiederkehrenden Figuren, einen einheitlichen Ton und eine gemeinsame Bildsprache. Der Forscher Ingram hat dafür den Begriff des Kurzgeschichtenzyklus verwendet.
Über seine Vorbilder hat Anderson sich stets uneindeutig geäußert. Er sprach von einem „Augenblick des Glühens“, in dem das Buch entstanden sei. Die meisten Kritiker sehen eine Verwandtschaft mit der Spoon River Anthology von Edgar Lee Masters, die im April 1915 herauskam und die Anderson nach eigenem Bekunden in einer einzigen Nacht verschlang. Sein Verleger Hübsch bestritt jede Ähnlichkeit mit dem Hinweis, die Winesburg-Geschichten seien in Zeitschriften erschienen, bevor Masters' Buch herauskam. Schauplatz, Aufbau und Atmosphäre ähneln sich dennoch so stark, dass ein Kritiker Winesburg, Ohio als die Prosafassung der Spoon River Anthology bezeichnete.
Auch Gertrude Stein spielte eine Rolle. Zunächst spottete Anderson über ihr Werk. Über Three Lives und Tender Buttons näherte er sich ihrem Stil dann an. Der Briefwechsel nach Erscheinen des Buches zeigt, dass Steins Spiel mit der Wiederholung bei ihm Widerhall fand und dass beide den Satz als Grundeinheit der Prosa ansahen. Irving Howe fasste das so zusammen: „Stein erwies sich als der ideale Einfluss für Anderson: Sie hat ihn nicht ihrem Stil unterworfen, sie hat ihn von seinem eigenen befreit.“
Über die Entstehung der ersten Erzählung hat Anderson selbst berichtet. Sie sei mitten in der Nacht in einem Zug niedergeschrieben worden, in einer Pension in Chicago: Es war eine regnerische Spätherbstnacht, er saß am offenen Fenster, der Regen wehte herein und nässte ihm den nackten Rücken. Jede Geschichte, so seine Darstellung, sei in einem Zug entstanden, abends oder tagsüber während der Arbeit in der Werbeagentur. Die Handschriften erzählen eine etwas andere Geschichte: Am Aufbau änderte sich zwar nichts, doch allein das Manuskript von Hände weist nach der Untersuchung von Phillips gegen zweihundert Streichungen und Ergänzungen einzelner Wörter und Sätze auf.
Rezeption↑
Schwierig war zunächst die Veröffentlichung. John Lane, der Andersons erste beiden Romane herausgebracht hatte, lehnte das Buch als zu düster ab. Erst als der Verleger Francis Hackett bei seinem Kollegen Ben Hübsch für das Manuskript eintrat, fand sich ein Haus, das die Geschichten als Band herausbrachte. Hübsch führte einen kleinen, spezialisierten Verlag in New York.
Bereits als Zeitschriftenveröffentlichungen hatten die Erzählungen in literarischen Kreisen einige Aufmerksamkeit gefunden. Nach dem Erscheinen des Bandes lobte die Kritik das Buch, wenn auch mit Vorbehalten: Man rügte die Moral der Geschichten und die ungewohnte Art des Erzählens.
In den 1930er Jahren sank das Ansehen des Buches. Später wurde es neu bewertet und gilt seither als eines der überzeugendsten Porträts einer Kleinstadt im Herzen der Vereinigten Staaten vor der Industrialisierung. 1998 setzte die Modern Library es auf Platz 24 ihrer Liste der hundert besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts.
Anderson selbst empfahl das Buch jüngeren Schriftstellern. Es gilt heute als eines der frühen Beispiele der modernen amerikanischen Kurzgeschichte. Verglichen wurde es unter anderem mit Cane von Jean Toomer, mit In Our Time von Ernest Hemingway, mit Go Down, Moses von William Faulkner und mit mehreren Erzählbänden von John Steinbeck.
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