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Porträt Sherwood Anderson
Sherwood Anderson
1876 – 1941
– Autorenporträt –

Sherwood Anderson

1876 – 1941 · 64 Jahre

Sherwood Anderson erneuerte die amerikanische Kurzgeschichte und wurde vor allem mit seinem Erzählband „Winesburg, Ohio“ über das amerikanische Kleinstadtleben bekannt, der bis heute als bedeutender Klassiker der literarischen Moderne gilt.

Kurzbiografie↑

Zu den wichtigen Erneuerern der amerikanischen Kurzgeschichte zählt Sherwood Anderson, geboren 1876 im ländlichen Ohio, gestorben 1941 auf einer Schiffsreise nach Südamerika. Bekannt wurde er vor allem durch Winesburg, Ohio, einen 1919 erschienenen Band von Erzählungen über das amerikanische Kleinstadtleben, der heute als bedeutender Klassiker der amerikanischen literarischen Moderne gilt. Anderson kam spät zur Literatur, nach Jahren in wechselnden Berufen und einem Nervenzusammenbruch. Er förderte jüngere Schriftsteller und gab William Faulkner wichtige Anstöße.


Biografie↑

Als drittes von sieben Kindern des Geschirrmachers Irwin Anderson und seiner Frau Emma kam Sherwood Anderson 1876 in Camden zur Welt, einem Dorf im Südwesten Ohios. Berufliche Wechsel des Vaters zwangen die Familie zu mehreren Umzügen. 1879 lebte sie in Caledonia im mittleren Ohio, ab 1883 in Clyde nahe dem Eriesee. Dieser Ort wurde später zum Vorbild für die fiktive Ortschaft Winesburg. Sherwood besuchte die Schule nur unregelmäßig, da er unter anderem als Zeitungsjunge zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste. 1895 starb seine Mutter im Alter von 42 Jahren an Schwindsucht.

Im Jahr 1896 ging Anderson nach Chicago und schlug sich in verschiedenen Berufen durch, etwa als Verwalter eines Warenhauses. Als ungelernter Arbeiter hatte er jedoch wenig Aussichten. 1898 nahm er als Soldat am Spanisch-Amerikanischen Krieg teil, traf mit seiner Einheit aber erst nach der spanischen Kapitulation auf Kuba ein und wurde nicht im Kampf eingesetzt. 1899 holte er in Springfield seinen High-School-Abschluss nach. Im folgenden Jahr kehrte er nach Chicago zurück und arbeitete als Anzeigenverkäufer und Werbetexter.

1904 heiratete Anderson Cornelia Lane aus Toledo; der Ehe entstammen drei Kinder. Er wechselte mehrmals Beruf und Wohnort, leitete ein Versandhaus in Cleveland und ab 1907 ein Handelsunternehmen für Farben und Lacke in Elyria. In dieser Zeit entstanden seine ersten eigenständigen Schreibversuche. Im November 1912 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und brach zusammen.

Beruflich und familiär gescheitert und mit angeschlagener Gesundheit zog Anderson 1913 erneut nach Chicago, um sich der Literatur zu widmen. Dort kam er in Kontakt mit einer Literatengruppe, die als Chicago Literary Renaissance bekannt wurde und zu der unter anderem Edgar Lee Masters, Theodore Dreiser und Carl Sandburg gehörten. Ihr Organ war die Zeitschrift „The Little Review“. 1915 erschien seine erste Veröffentlichung: In der Zeitschrift „The Masses“ druckte er die beiden ersten Abschnitte einer 1919 erschienenen Erzählung. 1916 ließ er sich scheiden und heiratete Tennessee Mitchell. Sein erster Roman Windy McPherson's Son erschien mit Hilfe Theodore Dreisers, 1917 folgte der zweite Roman Marching Men, 1918 der Gedichtband Mid-American Chants. Alle drei Bücher fanden wenig Resonanz.

Der Durchbruch kam 1919 mit Winesburg, Ohio, dessen Entstehung bis ins Jahr 1913 zurückreicht. 1920 erschien der Roman Poor White. 1921 folgte der Band The Triumph of the Egg, für den Anderson den Dial Award mit einem Preisgeld von 2000 Dollar erhielt. Mit diesem Geld finanzierte er eine Europareise. Um diese Zeit begegnete er auch dem damals noch unbekannten Journalisten Ernest Hemingway.

1921 ging Anderson nach Paris, wo er mit ausgewanderten Schriftstellern wie Ford Madox Ford, Gertrude Stein und James Joyce zusammentraf. 1924 trennte er sich von Tennessee Mitchell und heiratete in dritter Ehe Elizabeth Norma Prall. Bei einem Besuch in New Orleans traf er William Faulkner, dem er riet, über die ihm vertrauten Dinge zu schreiben. Nach dem Vorbild Andersons und seines Winesburg-Zyklus schuf Faulkner das fiktive Yoknapatawpha County als Abbild seiner Heimat in Mississippi. Anderson setzte sich für Faulkner ein und ermöglichte diesem die Veröffentlichung seines ersten Romans Soldier's Pay; Faulkners dritter Roman Sartoris enthält eine Widmung für ihn.

1925 erschien der Roman Dark Laughter, sein einziger größerer Verkaufserfolg. Aus dem Erlös kaufte Anderson einen kleinen Bauernhof in der Nähe von Marion in Virginia, dessen Haus er Ripshin nannte. In den folgenden Jahren veröffentlichte er weiter, darunter den autobiografischen Roman Tar. A Midwest Childhood. 1932 ließ er sich von seiner dritten Frau scheiden. Sein Buch Beyond Desire widmete er den aufkommenden Arbeiterunruhen in den Baumwollspinnereien des Südens. Im Folgejahr heiratete er in vierter Ehe Eleanor Gladys Copenhaver und gab den Erzählband Death in the Woods heraus. 1937 wurde er in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. 1941 starb er während einer Schiffsreise nach Südamerika in Colón in Panama an einer akuten Bauchfellentzündung, die durch einen verschluckten Zahnstocher verursacht wurde.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Andersons Erzählen ist der Verzicht auf einen spannenden, geradlinig aufgebauten Plot. An dessen Stelle setzte er die sogenannte slice of life story, die einen kurzen, aber entscheidenden Lebensabschnitt szenenhaft schildert. Der Charakter der Figuren scheint dabei auf, ohne vollständig ausgeleuchtet zu werden. Entscheidend wird bei ihm nicht das Was, sondern das Wie des Erzählens. Wechselnde Erzählweisen, Rückblenden und Zeitsprünge treten an die Stelle einer linear erzählten Handlung.


Rezeption↑

Nach dem frühen Tod von Stephen Crane im Jahr 1900 hatte die amerikanische Kurzgeschichte viel von ihrer Ursprünglichkeit verloren. Sie war, wie es heißt, auf das Niveau „mechanisch reproduzierbarer Plot(s)“ mit teils moralisierendem Schluss herabgesunken und wurde über die Massenmedien verbreitet. Dieser Gattung verhalf Sherwood Anderson zu neuer Kraft. Er führte sie auf jenes Niveau zurück, das sie von Washington Irving bis zu Cranes Tod gehalten hatte, indem er die Forderung nach spannender Handlung verwarf und das szenische Erzählen in den Vordergrund rückte.

Bis heute gilt vor allem Winesburg, Ohio als bedeutender Klassiker der amerikanischen literarischen Moderne. Das Buch erschien in mehreren deutschen Übersetzungen, unter anderem von Hans Erich Nossack sowie in neueren Ausgaben mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann und mit einem Essay von Mirko Bonné. Andersons Wirken spiegelt sich auch in einer breiten wissenschaftlichen Beschäftigung wider, von Monographien bis zu kritischen Editionen. Fortdauernd bleibt zudem seine Bedeutung als Förderer jüngerer Autoren wie William Faulkner.

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