1805 – 1875
Hans Christian Andersen
Kurzporträt↑
Hans Christian Andersen gilt als der bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Weltberühmt wurde er durch seine zahlreichen Märchen, die er auf Dänisch „Eventyr" nannte. Dazu gehören Däumelinchen, Des Kaisers neue Kleider, Die kleine Meerjungfrau, Die Prinzessin auf der Erbse, Der standhafte Zinnsoldat, Das hässliche Entlein und Die Schneekönigin. Als Künstler nannte er sich zeitlebens nur H. C. Andersen. Geboren wurde er 1805 im dänischen Odense. Aus ärmlichen Verhältnissen stieg er zum international anerkannten und verehrten Dichter auf. Er starb 1875 in Kopenhagen.
Biografie↑
Andersen wurde am 2. April 1805 in Odense auf der Insel Fünen geboren. Sein Vater war der verarmte Schuhmacher Hans Andersen, seine Mutter die alkoholkranke Wäscherin Anne Marie Andersdatter. Der Vater starb, als der Junge noch ein Kind war. Mit 14 Jahren ging Andersen nach Kopenhagen und versuchte, als Schauspieler zum Theater zu kommen. Als ihm das nicht gelang, versuchte er sich ebenso vergeblich als Sänger. Schon damals schrieb er erste kleine Gedichte. Schließlich nahm ihn Konferenzrat Jonas Collin in seine Obhut und in sein Haus auf. Collin war damals Direktor des Kopenhagener Königlichen Theaters. Dort fühlte sich Andersen besonders zu Edvard Collin hingezogen, dem Sohn seiner Gasteltern. Dieser erwiderte die Zuneigung jedoch nicht. Eine enge Freundschaft verband ihn mit der jüngsten Tochter Louise Collin.
Die Theaterdirektion unterstützte Andersen, und König Friedrich VI. förderte ihn. So konnte er von 1822 bis 1826 eine Lateinschule in der Provinzstadt Slagelse bei Rektor Simon Meisling besuchen. Von 1826 bis 1828 folgte eine weitere in Helsingør und anschließend die Universität Kopenhagen.
Am Ende seiner Schulzeit entstand das Gedicht Das sterbende Kind. Darin beschrieb Andersen die Welt aus der Sicht eines kleinen Kindes. Diese Perspektivwahl wurde später typisch für sein Schaffen. Das Gedicht erschien in mehreren Sprachen. Im Alter von etwa 18 Jahren schrieb er auch sein erstes, unveröffentlichtes Märchen vom Talglicht. Dessen Manuskript wurde erst 2012 gefunden. 1831 verfasste er das Gedicht Formens evige Magie, das den Satz des Pythagoras literarisch verarbeitete. Im Jahr 1835 lebte er eine Weile im sogenannten Schweizer Haus im Park des Schlosses Liselund. Dort entstand das Märchen Das Feuerzeug.
Andersen verliebte sich in Riborg Voigt, die Schwester seines Studienfreundes Christian Voigt. Sie war jedoch bereits einem anderen Mann versprochen. Ihren Abschiedsbrief bewahrte er zeitlebens in einem Ledersäckchen auf. Man fand es erst nach seinem Tod. Nach Riborgs Heirat unternahm Andersen mehrere Reisen. Sie führten ihn nach Deutschland, England, in die Schweiz, nach Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und in das Osmanische Reich. Unter dem Einfluss der italienischen Landschaft entstanden erste Vorformen der Kleinen Meerjungfrau. Sein Freund, der dänisch-schweizerische Uhrmacher Jules Frederik Jürgensen, lud ihn ins tief verschneite Le Locle ein. Dieser Ort soll ihn zur Schneekönigin inspiriert haben. Auf seinen insgesamt 30 großen Reisen kam er 32-mal nach Dresden und 15-mal nach Maxen bei Dresden. Dort besuchte er seine Freunde, die Mäzene Friederike und Friedrich Anton Serre. 1857 verbrachte er mehrere Wochen im Hause von Charles Dickens.
In seinen späten Jahren war Andersen mit vielen bekannten Frauen befreundet. Dazu gehörten Henriette Wulff, Sophie Ørsted und die Sängerin Jenny Lind. Sie galt als „die schwedische Nachtigall", und er verehrte sie sehr. Andersen blieb sein Leben lang unverheiratet. Mit Edvard Collin verband ihn auch nach dessen Heirat eine Freundschaft auf Distanz, im gegenseitigen Einvernehmen. In der Wissenschaft wird kontrovers diskutiert, ob Andersen homosexuell gewesen sei. Diese Debatte begann schon im 19. Jahrhundert. 1901 wurde sie mit einem Artikel von Carl Albert Hansen Fahlberg in Magnus Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen erstmals vertieft. Andersen war Hypochonder und wurde von vielen Ängsten geplagt. Seine Weltanschauung war der Pantheismus.
Andersen starb siebzigjährig am 4. August 1875 in Kopenhagen. Er wurde dort auf dem Kopenhagener Assistenzfriedhof beigesetzt. Noch zu Lebzeiten, anlässlich seines 70. Geburtstags, erhielt er die Zusage, dass genug Geld für ein Denkmal gesammelt worden sei. Enthüllt wurde das Monument im Kongens Have in Kopenhagen jedoch erst 1880, fünf Jahre nach seinem Tod. Bemerkenswert ist, dass Andersen persönlich Einfluss auf die Gestaltung nahm. Er ärgerte sich darüber, dass er auf vielen eingereichten Skizzen von Kindern umringt dargestellt wurde. Er wollte nie auf seine Rolle als Märchenerzähler für Kinder reduziert werden. Denn seine Geschichten haben oft satirische Merkmale, die sich erst Erwachsenen in ihrer ganzen Bedeutung als Gesellschaftskritik erschließen. Der dänische Bildhauer August Saabye stellte ihn sitzend dar, wie er zu seinem Publikum spricht.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Andersens Schaffen wurde eine bestimmte Perspektivwahl. Sie zeigte sich schon im Gedicht Das sterbende Kind: Er beschrieb die Welt aus der Sicht eines kleinen Kindes. Seine Geschichten waren jedoch nie nur für Kinder gedacht. Sie tragen oft satirische Züge, deren ganze Bedeutung als Gesellschaftskritik sich erst Erwachsenen erschließt. Dieser Umstand war Andersen so wichtig, dass er sich gegen jede Darstellung wehrte, die ihn auf den Märchenerzähler für Kinder reduzierte. Seine Reisen prägten seine Stoffe unmittelbar. Die italienische Landschaft beeinflusste die Beschreibung der Welt in der Kleinen Meerjungfrau. Das tief verschneite Le Locle soll ihn zur Schneekönigin inspiriert haben.
Rezeption↑
Schon in den 1830er Jahren fand der junge Dichter in Deutschland größere Anerkennung als in seinem eigenen Heimatland. Sein Roman Der Improvisator von 1835 erschien bald in deutscher Übersetzung. Die Märchen lagen bereits um 1840 in unterschiedlichen deutschen Übertragungen vor, darunter die seines Schulfreundes Friedrich Carl Petit. Andersen schrieb immer auf Dänisch. Dennoch erschien die erste seiner veröffentlichten Autobiografien zunächst auf Deutsch: 1846 unter dem Titel Das Märchen meines Lebens ohne Dichtung. Die große dänische Autobiografie Mit Livs Eventyr folgte erst 1855. Auf einer Deutschlandreise 1831 lernte Andersen den Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso kennen. Chamisso schrieb ein eigenes Gedicht in Andersens Stammbuch und übersetzte später einige seiner Gedichte ins Deutsche.
Andersens Märchen wirkten weit über die Literatur hinaus. Sie regten zahlreiche Komponisten an: von August Ennas Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern über Alexander von Zemlinskys Orchesterfantasie Die Seejungfrau und Igor Strawinskys Oper Die Nachtigall bis hin zu Helmut Lachenmanns Werk gleichen Stoffes und neueren Musiktheaterstücken. Wichtige Illustrationen zu den Märchen gestalteten Künstler wie Edmund Dulac, Iwan Bilibin, Arthur Rackham, Kay Nielsen und Vilhelm Pedersen. Auch das Fernsehen griff seine Geschichten in Zeichentrick- und Animeserien auf. Sein Leben selbst wurde zum Bühnenstoff. Johann Kresniks Tanzstück Hans Christian Andersen wurde im Dezember 2005 an der Bonner Oper uraufgeführt. Das Theater Basel inszenierte 2019 das Verhältnis zu Edvard Collin als tragische Liebesgeschichte.
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