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Werkseintrag · Die kleine Meerjungfrau
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Cover Die kleine Meerjungfrau
Die kleine Meerjungfrau
1837
– Werkseintrag –

Die kleine Meerjungfrau

1837 · Märchen

Ein Meermädchen gibt für die Liebe zu einem Prinzen und die Sehnsucht nach einer unsterblichen Seele alles auf, was es besitzt – Andersens schönstes und traurigstes Märchen.

Überblick

Das Kunstmärchen Die kleine Meerjungfrau erschien 1837 und gehört zu den berühmtesten Erzählungen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen. Der dänische Originaltitel lautet Den lille Havfrue. Anders als ein überliefertes Volksmärchen stammt die Geschichte ganz aus der Feder des Autors; als Anregung diente ihm die alte Sage von der Undine, der Wasserfrau, die sich in einen Menschen verliebt. Erzählt wird vom sehnsüchtigen Verlangen eines Meerwesens nach der Menschenwelt und nach einer unsterblichen Seele. Bis heute zählt das Märchen zu den meistgelesenen und am häufigsten bearbeiteten Werken Andersens.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht die jüngste und schönste von sechs Töchtern des Meerkönigs. Wie alle Meermenschen hat sie keine Beine, sondern einen Fischschwanz, und lebt tief unten in der Welt unter dem Wasser. Schon früh weckt die Großmutter mit ihren Erzählungen die Sehnsucht des Mädchens nach der Oberfläche, und die älteren Schwestern berichten von der leuchtenden Stadt, von den Schiffen und vom Sonnenuntergang. Mit fünfzehn Jahren darf endlich auch sie zum ersten Mal auftauchen. Dabei erblickt sie auf einem Schiff einen jungen Prinzen, der ihr besonders gut gefällt. Als ein schwerer Sturm das Schiff zum Sinken bringt, rettet sie ihn vor dem Ertrinken und trägt ihn an den Strand.

Von nun an lässt der Gedanke an den Prinzen sie nicht mehr los. Sie erfährt, dass die Meermenschen keine unsterbliche Seele besitzen und dass nur die Liebe eines Menschen ihr eine solche schenken könnte. Um dem Geliebten nahe zu sein, sucht sie die gefürchtete Meerhexe auf und ist bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Was sie für ihren Traum aufgibt und welches Wagnis sie damit eingeht, bildet den Kern dieser zugleich zauberhaften und schwermütigen Geschichte.

Die Handlung im Detail

Tief im Meer lebt die kleine Meerjungfrau, die jüngste und anmutigste der sechs Töchter des Meerkönigs. Wie alle Meermenschen hat sie statt der Beine einen Fischschwanz. In ihrem Garten hütet sie als einzigen Schatz die Marmorstatue eines Jünglings, die einst im Meer versank. Die Großmutter nährt ihre Sehnsucht nach der Oberwelt mit Erzählungen – die Blumen dufteten dort, und die Vögel sängen wunderbar. Mit fünfzehn Jahren dürfen die Schwestern nachts auftauchen; eine nach der anderen kehrt zurück und berichtet von der lärmenden, hell erleuchteten Stadt, von Vögeln, vom Sonnenuntergang, von Kindern und von Eisbergen.

Endlich kommt das Mädchen selbst an die Reihe. Sie taucht empor und sieht ein Schiff, auf dem ein Prinz mit dunklen Augen seinen sechzehnten Geburtstag feiert; er gefällt ihr von allen am besten. Ein Sturm zieht auf und lässt das Schiff sinken. Die Meerjungfrau weiß, dass Menschen nur tot auf den Meeresgrund gelangen, und rettet den bewusstlosen Prinzen, indem sie ihn an den Strand bringt. Versteckt beobachtet sie, wie ein junges Mädchen ihn findet. Die beiden lächeln einander an – der Prinz aber erfährt nie, wer ihn wirklich aus dem Wasser zog.

Von Sehnsucht getrieben, sucht die Meerjungfrau immer wieder die Gegend des Schlosses auf. Sie erfährt, dass die Meermenschen keine Seele besitzen, die nach dem Tod in die Luft aufsteigt; sie zerfallen zu Schaum. Nur wenn ein Mensch sie so sehr liebte, dass er sein Leben mit ihr teilte, könnte sie eine unsterbliche Seele gewinnen. Entschlossen begibt sie sich zur Meerhexe, die sie bisher stets gefürchtet hat. Diese braut ihr einen Trank, der den Fischschwanz in zwei menschliche Beine verwandelt. Doch der Preis ist hoch: Die Verwandlung ist unumkehrbar, sie wird nie wieder zu Vater und Schwestern zurückkehren können, und sie muss der Hexe ihre schöne Stimme geben. Verliebt sich der Prinz nicht in sie, sondern heiratet eine andere, so wird sie schon am Morgen nach seiner Hochzeit zu Schaum auf dem Meer.

Stumm tritt das Mädchen vor den Prinzen, der sie in sein Schloss führt. Er hat sie gern und nimmt sie wie ein liebes Kind bei sich auf, doch sein Herz gehört dem unbekannten Mädchen vom Strand, das er für seine Retterin hält. Bald stellt sich heraus, dass dieses Mädchen die Prinzessin des Nachbarreichs ist. Der Prinz heiratet sie voller Glück. Damit scheint das Schicksal der Meerjungfrau besiegelt: Mit dem ersten Sonnenstrahl nach der Hochzeitsnacht soll sie sterben.

In der Nacht tauchen ihre Schwestern auf. Sie haben der Meerhexe ihr Haar gegeben und bringen ein Messer: Tötet die Meerjungfrau damit den Prinzen, so wird sie wieder zur Meernixe und darf weiterleben. Doch sie bringt es nicht über sich, den schlafenden Geliebten zu töten. Sie wirft das Messer ins Meer und stürzt sich selbst in die Wellen, wo ihr Körper sich in Schaum auflöst.

Sie stirbt jedoch nicht, wie sie erwartet hat. Stattdessen erhebt sie sich als luftiges Wesen, als Tochter der Luft. Solche Geister können sich durch gute Taten eine unsterbliche Seele verdienen und auf diese Weise am ewigen Glück der Menschen teilhaben. So bleibt der kleinen Meerjungfrau am Ende doch noch die Hoffnung, das zu erreichen, wofür sie alles geopfert hat.

Stil

Als Kunstmärchen unterscheidet sich die Erzählung vom mündlich überlieferten Volksmärchen: Sie ist die Erfindung eines einzelnen Dichters, der einen älteren Sagenstoff – hier die Geschichte der Wasserfrau Undine – frei zu einer neuen Dichtung umformt. Andersen entwirft die Welt unter dem Meer in farbenreichen, sinnlichen Bildern, die das Wunderbare ganz selbstverständlich erscheinen lassen. Der Leser sträubt sich zunächst gegen das Unwirkliche der Geschichte und wird doch von den glaubhaft geschilderten Bildern der Unterwasserwelt eingenommen.

Über dem Zauber liegt von Anfang an ein Ton der Schwermut. Andersen erzählt schlicht und gefühlvoll, steigert das Geschehen aber bis zu großem Leid und großem Opfer. Anders als das gewohnte Märchen läuft die Handlung nicht auf ein einfaches glückliches Ende hinaus, sondern auf eine schmerzhafte Verwandlung, die ins Religiöse weist: Die Sehnsucht nach Liebe verbindet sich mit der Sehnsucht nach einer unsterblichen Seele.

Rezeption

Schon bald nach dem Erscheinen 1837 entfaltete das Märchen eine außergewöhnliche Wirkung und zählt heute zu den bekanntesten Erzählungen Andersens. In Kopenhagen wurde die kleine Meerjungfrau als kleine Bronzefigur am Hafen aufgestellt; sie gilt längst als Wahrzeichen der dänischen Hauptstadt.

Zahlreiche Dichter ließen sich von dem Stoff anregen. Oscar Wilde schrieb, von Andersen inspiriert, sein Nixenmärchen Der Fischer und seine Seele. Gerhart Hauptmann griff das Motiv in Die versunkene Glocke und Das Meerwunder auf, Giuseppe Tomasi di Lampedusa in Die Sirene. Auch die Musik nahm sich der traurigen Wasserfrau an: Alexander von Zemlinsky schuf die Orchesterfantasie Die Seejungfrau, und in Antonín Dvořáks Oper Rusalka klingt der Stoff nach.

Am bekanntesten wurde das Märchen im 20. Jahrhundert durch das Kino. Es gibt viele Verfilmungen; die berühmteste ist der Zeichentrickfilm Arielle, die Meerjungfrau der Walt-Disney-Studios von 1989. Anders als bei Andersen endet er glücklich: Meerjungfrau und Prinz bekommen einander. Gerade dieser Gegensatz zwischen dem heiteren Filmschluss und dem schmerzlichen Ausgang der Vorlage hat das Bild des Märchens bei vielen geprägt.

Daneben wurde die Geschichte immer wieder gedeutet. Tiefenpsychologisch las man sie als Erzählung von Opfer, Wandlung und Selbstwerdung. Früh schon brachte man sie mit Andersens eigenem Leben und mit einer unglücklichen, verbotenen Liebe in Verbindung: Wie das stumme Meermädchen habe auch der Dichter dem Angebeteten seine Liebe nicht gestehen können, und wie im Märchen habe sich der Geliebte mit einer anderen vermählt.

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