1950
Die kahle Sängerin
Überblick↑
Das Theaterstück Die kahle Sängerin von Eugène Ionesco gehört zu den bekanntesten Beispielen des Absurden Theaters. Der französische Originaltitel lautet La Cantatrice chauve. Die Uraufführung fand am 11. Mai 1950 im Théâtre des Noctambules in Paris statt, unter der Regie von Nicolas Bataille. Ionesco selbst versah das Werk mit dem Untertitel „Anti-Stück“. Es verzichtet auf eine zusammenhängende Handlung und führt stattdessen vor, wie zwei bürgerliche Ehepaare aneinander vorbeireden. In Frankreich zählt es zu den am häufigsten gespielten Stücken dieser Art. Auch im deutschen Sprachraum ist es beliebt, weil es mit kleinen Ensembles auskommt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In der Nähe von London sitzen Mr. und Mrs. Smith, ein gutbürgerliches britisches Ehepaar, abends an ihrem Kaminfeuer. Sie lesen, schweigen, langweilen sich und versuchen es mit ein wenig Konversation. Sie hänseln und streiten sich um Nichtigkeiten und versöhnen sich gleich wieder. Als sie ein Nickerchen halten wollen, meldet das Dienstmädchen Mary Besuch an: Mr. und Mrs. Martin kommen zu Gast.
Zwischen den Eheleuten Martin ereignet sich sogleich eine merkwürdige Szene, in der die beiden einander wie Fremde begegnen und in einem schleppenden Tonfall ihre Gemeinsamkeiten abfragen. Später klingelt es mehrfach an der Tür, und schließlich tritt der Feuerwehrhauptmann auf, der dringend einen Brand zum Löschen sucht. Man bittet ihn, ein paar Anekdoten zu erzählen, und es folgt eine Reihe pointenloser Geschichten.
Das Werk lebt nicht von einer Handlung, sondern von einer Sprache, die sich immer weiter von jedem Sinn entfernt. Gemeinplätze, leere Höflichkeitsfloskeln und zusammenhanglose Sätze prägen das Gespräch der beiden Paare. Wer das Stück noch nicht kennt, darf sich auf einen ungewöhnlichen Schluss gefasst machen.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn sitzen Mr. und Mrs. Smith am Kaminfeuer in der Nähe von London, lesen, schweigen und langweilen sich. Sie plaudern, hänseln und streiten sich um Bagatellen und versöhnen sich wieder. Gerade wollen sie ein Nickerchen halten, als das Dienstmädchen Mary zwei Gäste ankündigt: Mr. und Mrs. Martin.
Während die Smiths sich schnell umziehen gehen, betreten die Martins den Raum und setzen sich schüchtern. Wie zwei Fremde beginnen sie, sich gegenseitig zu taxieren und in einem gleichförmigen Tonfall auszufragen, ob sie sich nicht schon einmal begegnet seien. Nach und nach stellen sie immer mehr Übereinstimmungen fest und gelangen schließlich ganz ohne Überraschung zu dem Schluss, dass sie einander bereits kennen und in Wahrheit Eheleute sind. Es folgen ein ausdrucksloser Kuss und Mr. Martins Vorschlag, alles zu vergessen und wie zuvor zu leben.
Die Smiths kehren zurück, ohne die Kleider gewechselt zu haben, behaupten aber, sich für die Gäste umgezogen zu haben. Obendrein beschweren sie sich wütend, die Martins hätten sie vier Stunden warten lassen. Nach verlegenem Schweigen versuchen alle, sich von den „Erlebnissen“ des Tages zu berichten: Ein Mann habe sich das lose Schuhband gebunden, ein anderer in der U-Bahn Zeitung gelesen. Da klingelt es an der Tür. Mrs. Smith öffnet, doch draußen steht niemand. Das wiederholt sich mehrmals. Als es zum vierten Mal läutet und Mrs. Smith sich weigert, geht ihr Mann zur Tür – und es ist der Feuerwehrhauptmann.
Dieser hat zu wenig zu tun und sucht einen Brand, den er löschen könnte, doch die Gesellschaft kann ihm damit nicht dienen. Zum Trost bittet ihn Mrs. Smith zu bleiben und Anekdoten zu erzählen. Der Feuerwehrhauptmann trägt drei pointenlose Fabeln vor: „Der Hund und der Ochse“, „Das junge Kalb“ und, nur einen Satz lang, „Der Hahn“. Der Hausherr revanchiert sich mit der ebenso absurden Geschichte von „der Schlange und dem Fuchs“, worauf Mrs. Martin ihre einzige Anekdote vorträgt: „Der Blumenstrauß“ handelt von einem Bräutigam, der seiner Braut Blumen schenkt und sie ihr sofort wortlos wieder wegnimmt, um ihr eine Lehre zu erteilen.
Der Feuerwehrhauptmann will gehen, wird aber genötigt, noch eine letzte Geschichte zu erzählen: „Der Schnupfen“, einen völlig verwirrend kommentierten Familienstammbaum. Bevor er ihn zur Klärung ein zweites Mal erzählen kann, betritt das Dienstmädchen Mary den Raum und will selbst eine Anekdote vortragen. Die allgemeine Empörung legt sich erst, als sich Mary dem Feuerwehrhauptmann an den Hals wirft: Die beiden waren einst ineinander verliebt. Während Mary ihrer Jugendliebe zu Ehren ein feuriges Gedicht mit dem Titel „Das Feuer“ vorträgt, wird sie vom Hausherrn aus dem Zimmer gestoßen. Der Feuerwehrhauptmann verabschiedet sich und erkundigt sich beim Hinausgehen noch nach der „Kahlen Sängerin“. Es folgt betretenes Schweigen, dann bemerkt Mrs. Smith nur, sie trage immer noch die gleiche Frisur.
In der Schluss-Szene sind die beiden Ehepaare wieder unter sich. Sie bombardieren einander mit isolierten Plattitüden und Nonsense-Sätzen, die immer knapper werden und bald nur noch aus Einzelwörtern, ja bloßen Buchstaben bestehen. Plötzlich geht das Licht aus. Als letzte Steigerung schreien alle gemeinsam in wachsendem Rhythmus und höchster Wut siebenmal hintereinander den nichtssagenden Satz: „Es ist nicht dort, es ist da!“ Dann herrscht Totenstille. Die Bühne wird langsam wieder hell, und die Martins sitzen nun an der gleichen Stelle wie zu Beginn die Smiths. Das Ganze fängt von vorne an: Die gleichen Sätze werden gesprochen, während der Vorhang fällt.
Stil↑
Kennzeichnend für das Werk ist der bewusste Verzicht auf eine sinnvolle Handlung. Ionesco nannte es im Untertitel ein „Anti-Stück“, und tatsächlich verweigert es alles, was ein herkömmliches Theaterstück ausmacht: eine Entwicklung, einen Höhepunkt, eine Auflösung. An die Stelle des Geschehens tritt die Sprache selbst, und diese Sprache ist leer. Die Figuren reden in Gemeinplätzen, Höflichkeitsfloskeln und abgegriffenen Redensarten aneinander vorbei.
Der Tonfall der Gespräche ist auffällig monoton und gleichförmig. Selbst überraschende Entdeckungen werden ohne jede Regung vorgetragen, so etwa, wenn die Martins einander wie Fremde als Eheleute wiedererkennen. Die eingestreuten Anekdoten und Fabeln laufen ins Leere, weil ihnen jede Pointe fehlt. Gegen Ende zerfällt die Sprache vollends: Die Sätze werden immer kürzer, schrumpfen zu Einzelwörtern und schließlich zu bloßen Buchstaben, bis das Stück in einem chaotischen Wutausbruch gipfelt. Die Kreisstruktur, bei der am Schluss alles von vorne beginnt, unterstreicht die Aussichtslosigkeit dieses Redens.
Rezeption↑
Seinen festen Platz im Theaterleben verdankt das Stück vor allem dem Théâtre de la Huchette in Paris. Seit 1957 steht es dort täglich auf dem Spielplan, gemeinsam mit Ionescos Die Unterrichtsstunde. Diese Doppelvorstellung wurde bis heute mehr als 20.000 Mal gezeigt und mit dem Molière-Theaterpreis ausgezeichnet.
In seinen verschiedenen Deutungen gehört das Werk in Frankreich zu den am häufigsten aufgeführten Beispielen des Absurden Theaters. Auch im deutschen Sprachraum erfreut es sich großer Beliebtheit. Weil es nur ein kleines Ensemble erfordert, wird es besonders gern von experimentierfreudigen Studenten-, Keller- und Zimmertheatern gespielt, die mit wenigen Darstellern auskommen müssen.
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