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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Eugène Ionesco
Eugène Ionesco
1909 – 1994
– Autorenporträt –

Eugène Ionesco

1909 – 1994 · 84 Jahre

Rumänisch-französischer Dramatiker und einer der führenden Vertreter des absurden Theaters – bekannt für Stücke voller Sprachwitz wie „Die Nashörner“.

Kurzbiografie↑

Als einer der führenden Vertreter des absurden Theaters zählt Eugène Ionesco zu den bekanntesten französischen Dramatikern der Nachkriegszeit. Geboren 1909 im rumänischen Slatina, wuchs er zwischen Frankreich und Rumänien auf und wurde erst um 1950 endgültig zum französisch schreibenden Autor. Seine Stücke verbinden gesellschaftskritische und politische Botschaften mit einem ausgeprägten Sprachhumor. Zu den bekanntesten gehören Die kahle Sängerin, Die Stühle und Die Nashörner. In seinen letzten Jahrzehnten trat Ionesco auch als Maler hervor.


Biografie↑

Geboren wurde er 1909 unter dem Namen Eugen Ionescu im damaligen Königreich Rumänien, und zwar als erstes Kind eines Juristen und Verwaltungsbeamten sowie einer in Rumänien aufgewachsenen Mutter, deren Vater ein dort tätiger französischer Eisenbahningenieur war. Häufig wird als Geburtsjahr fälschlich 1912 genannt. 1913 zog die junge Familie nach Paris, weil der Vater dort promovieren wollte. Nach dem Kriegseintritt Rumäniens im August 1916 kehrte der Vater in sein Heimatland zurück, kappte bald alle Verbindungen zu seiner Familie, beantragte die Scheidung und heiratete ein zweites Mal.

Der sechsjährige Ionesco blieb mit seiner jüngeren Schwester und seiner Mutter in Paris, die sich und die Kinder mühsam durchbrachte. Damit die Mutter arbeiten konnte, wurde er zeitweise in einem Kinderheim untergebracht, in dem er sich nicht eingewöhnen konnte. Von 1917 bis 1919 lebten er und seine Schwester bei einer Bauernfamilie im Dorf La Chapelle-Anthenaise nahe Laval – in seiner Erinnerung eine paradiesische Zeit.

1925 gingen die Geschwister zum Vater nach Bukarest. Obwohl als rumänische Staatsbürger geboren, mussten sie Rumänisch fast wie eine Fremdsprache lernen und fanden kein Verhältnis zu ihrer Stiefmutter. 1926 überwarf sich Ionesco mit dem autoritären Vater, der für die literarischen Interessen seines Sohnes nur Verachtung übrig hatte und einen Ingenieur aus ihm machen wollte. Ionesco zog daraufhin zur Mutter, die inzwischen ebenfalls nach Rumänien gekommen war und einen Posten bei der rumänischen Nationalbank gefunden hatte.

1928 begann er ein Französischstudium an der Universität Bukarest. Dort war er Schüler von Nae Ionescu und kam in Kontakt mit Emil Cioran und Mircea Eliade, deren Neigungen zum Faschismus er nicht teilte. Er lernte auch seine spätere Frau Rodica Burileanu kennen. Daneben las er viel und schrieb auf Rumänisch Lyrik, Feuilletons und Literaturkritiken. Nach dem Studienabschluss 1934 unterrichtete er Französisch an verschiedenen Schulen; 1936 heiratete er.

1938 verschaffte er sich ein Promotionsstipendium für Frankreich, auch um dem Druck zu entgehen, der im zunehmend totalitären Rumänien auf linken Intellektuellen lastete. Von Paris aus belieferte er rumänische Zeitschriften mit Neuigkeiten aus der literarischen Szene. Nach der Niederlage Frankreichs 1940 kehrte er mit seiner Frau ins damals neutrale Rumänien zurück, wo er gemustert, aber nicht eingezogen wurde. 1942 gelang beiden die erneute Reise nach Frankreich, wo sie endgültig blieben, zunächst in Marseille, dann in Paris. Von 1942 bis 1944 war Ionesco für die rumänische Gesandtschaft als Kultur- und Presseattaché tätig. 1944 wurde die Tochter Marie-France geboren. Finanziell ging es der Familie schlecht; Ionesco arbeitete als Druckfahnen-Korrektor in einem Pariser juristischen Verlag, wo er bis 1955 blieb.

1948 konzipierte er sein erstes Stück, Die kahle Sängerin, das 1950 aufgeführt wurde und bei etlichen Kritikern und Literaten Beachtung fand. Im selben Jahr nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. Es folgten Die Unterrichtsstunde (1951) und Jacques oder die Unterwerfung, die ihn endgültig zum französisch schreibenden Autor machten. 1951 entstanden unter anderem Die Stühle, 1952 Opfer der Pflicht. 1953 wurde ein Erfolgsjahr: Die Opfer der Pflicht wurden uraufgeführt, eine Serie von sieben Sketchen kam hinzu, und ein erster Sammelband seiner Stücke erschien. 1957 studierte das kleine Pariser Théâtre de la Huchette Die kahle Sängerin und Die Unterrichtsstunde neu ein, wo sie über Jahrzehnte ununterbrochen im Programm blieben.

Im Herbst 1957 erschien die Erzählung Rhinocéros, mit der Ionesco auf den Patriotismus und Rassismus reagierte, die sich in Frankreich während der „Schlacht von Algier“ zeigten. Im selben Jahr lernte er Friedrich Dürrenmatt in Paris kennen; beide verband die Leidenschaft für das Zeichnen und Malen. 1958 entstand das Stück Die Nashörner. Weil es für Frankreich zunächst als zu brisant galt, wurde es 1959 in Düsseldorf uraufgeführt, wobei das deutsche Publikum es als Abrechnung mit den Mitläufern des Nationalsozialismus verstand. Ionesco selbst erklärte später, das Stück sei als generelle Kritik an Massenbewegungen gemeint.

1961/1962 entstand Der König stirbt, ein verschlüsselter Abgesang auf Frankreichs endende Rolle als Kolonialmacht. 1962 erschien unter dem Titel Notes et contre-notes eine Sammlung von Artikeln und Vorträgen zu seinem Theater. 1969 wurde Ionesco in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1970 in die Académie française aufgenommen. 1973 stellte er den Roman Der Einzelgänger fertig und machte daraus zugleich das Stück So ein Tollhaus!. Weil er darin die 68er-Bewegung verspottete, wurde er, der einst Linke, von deren Anhängern angefeindet. Im selben Jahr erhielt er den Jerusalempreis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft.

1975 kam Der Mann mit den Koffern heraus, 1980 sein letztes Stück Reisen zu den Toten. Danach schrieb er vor allem Autobiografisches. In den 1980er und 1990er Jahren verfiel er zunehmend in schwere Depressionen und begann als Therapie mit der Malerei. Ionesco starb 84-jährig 1994 in Paris und wurde auf dem Cimetière du Montparnasse begraben.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Ionescos Theater ist die Verbindung von absurdem Witz mit gesellschaftskritischen und politischen Botschaften. Sein Werk zeichnet sich durch einen ausgeprägten Sprachhumor aus; oft trieb er die Leere und Mechanik alltäglicher Rede ins Komische. Vielfach arbeitete er einen Stoff zunächst als Erzählung aus und formte ihn erst danach zum Bühnenstück um, so bei Die Nashörner, bei Der Mörder ohne Bezahlung und beim Fußgänger der Luft.

Seine Botschaften blieben dabei selten festgelegt: Die Nashörner etwa verstand er nicht als Abrechnung mit einer bestimmten Ideologie, sondern als allgemeine Kritik an Massenbewegungen. Im gesellschaftskritischen Aspekt seines Werks und in seinem Sprachhumor ist der Einfluss des rumänischen Schriftstellers Ion Luca Caragiale erkennbar, über den Ionesco in Notes et contre-notes schrieb: „I.L. Caragiale ist vielleicht der größte unbekannte dramatische Autor.“ In Caragiales Schicksal, der seine letzten Jahre im freiwilligen Berliner Exil verbrachte, konnte sich Ionesco auch persönlich wiedererkennen.


Rezeption↑

Sein Aufstieg verlief langsam. Die kahle Sängerin fand 1950 zunächst nicht beim Publikum, wohl aber bei Kritikern und Literaten Beachtung. Erst im Lauf der 1950er Jahre etablierte er sich als absurd-witziger Autor, der bald fast von seinen Stücken leben konnte. Etwas widerwillig, aber unaufhaltsam avancierte er danach zum etablierten Autor, der zu Vorträgen eingeladen und mit Preisen bedacht wurde. 1969 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1970 in die Académie française aufgenommen, 1973 erhielt er den Jerusalempreis.

Auffällig ist, dass mehrere seiner Stücke ihre Wirkung zuerst in Deutschland entfalteten: Die Nashörner wurden 1959 in Düsseldorf uraufgeführt, ebenso 1964 Hunger und Durst. Erst 1964 kam mit den Nashörnern ein Stück von ihm auch in seinem Geburtsland Rumänien auf die Bühne. Sein Verhältnis zur Politik blieb umstritten: Von den 68ern wurde er, der einst Linke, wegen seines Spotts über die „Revolutionäre“ als faschistoider Autor beschimpft.

Bei seinem Tod 1994 galt Ionesco als ungekrönter König des „Theaters des Absurden“ und als einer der großen französischen Dramatiker überhaupt. Die politischen Botschaften seiner Stücke werden heute kaum mehr wahrgenommen, sondern eher als Kritik an allzumenschlichen Schwächen verstanden. Laut Le Monde vom 21. Dezember 2007 war Ionesco damals außerhalb Frankreichs der mit Abstand am häufigsten gespielte französische Theaterautor.

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