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Porträt Muhammad Iqbal
Muhammad Iqbal
1877 – 1938
– Autorenporträt –

Muhammad Iqbal

1877 – 1938 · 60 Jahre

Dichter und Philosoph aus Britisch-Indien, der Goethe verehrte, in Heidelberg und München studierte und heute als Nationaldichter Pakistans gilt.

Kurzbiografie↑

Muhammad Iqbal war Dichter, Philosoph und politischer Denker in Britisch-Indien. Er schrieb auf Persisch und Urdu, verfasste einige philosophische Prosawerke auf Englisch und gilt heute als Nationaldichter und geistiger Vater der Islamischen Republik Pakistan. In Europa studierte er in Cambridge, München und Heidelberg; dort vertiefte sich seine Bewunderung für Goethe. Sein Gedichtband Botschaft des Ostens von 1923 ist ausdrücklich als Antwort auf Goethes West-östlicher Diwan geschrieben. Iqbal zählt zu den wichtigsten islamischen Philosophen der Neuzeit und gilt als der philosophisch gebildetste Vertreter der modernistischen Richtung im islamischen Denken.


Biografie↑

Geboren wurde Muhammad Iqbal am 9. November 1877 in Sialkot im Punjab, damals Britisch-Indien und heute Pakistan. Seine Großeltern waren Kashmiri Pandits, Brahmanen des Sapru-Clans, die zum Islam übergetreten waren. Schon vom vierten Lebensjahr an lernte er den Koran und die arabische Sprache. Nach einem Abschluss am Murray College, das ursprünglich Scotch Mission College hieß, schrieb er sich in Lahore für einen Master in Philosophie ein.

Von 1905 bis 1908 studierte Iqbal in Cambridge, München und Heidelberg Rechtswissenschaften und Philosophie. An der Universität München promovierte er bei Fritz Hommel. Seine Dissertation Die Entwicklung der Metaphysik in Persien spannt einen weiten Bogen durch die iranische Religionsgeschichte, von Zarathustra bis zu den Baha'i. Die Arbeit ist noch von einem neuhegelianischen Weltbild durchzogen und steht damit teilweise im Gegensatz zu seinen späteren Anschauungen. Sein Grundinteresse aber zeigt sich bereits hier: orientalische Denkströmungen in der Sprache der modernen Philosophie zu deuten.

Als Kind des indischen Islam neigte Iqbal zunächst der All-Einheitslehre Ibn ʿArabīs zu. Er verband sie mit Anregungen aus Neuplatonismus und Aristotelismus, mit dem Rechtsschulenislam und mit den Taqlīd-kritischen Tendenzen Schāh Walīyullāh ad-Dihlawīs. In Europa kamen die Schriften Goethes, Heines, Nietzsches und William James' hinzu. Nach seiner Zeit in Cambridge ging er eigens nach Heidelberg, um sein Deutsch zu verbessern und Hegel im Original lesen zu können. In Heidelberg entstand auch das Gedicht Ein Abend, das am Neckarufer spielt und deutlich an Goethes Wandrers Nachtlied anklingt.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat 1908 forderte Iqbal eine stärkere Solidarität unter den Muslimen. Sie sollte ihnen nach Jahren des Verfalls einen geistigen Aufstieg ermöglichen. Kurz darauf, 1910, entstanden die Stray Reflections, eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Dort steht der oft zitierte Satz: „Erst als ich die Unendlichkeit von Goethes Phantasiekraft begriffen hatte, entdeckte ich die Enge meiner eigenen.“ Als maßgebliche geistige Einflüsse nennt er in denselben Aufzeichnungen Hegel, Goethe, Mirza Ghalib, Mirza Abdul Qadir Bedil und Wordsworth.

1915 erschien Die Geheimnisse des Selbst, mit dem seine Philosophie voll entwickelt vorliegt. 1923 folgte Botschaft des Ostens, geschrieben als Antwort auf Goethes West-östlicher Diwan. Beide Bücher sind in mehrere Teile gegliedert. Iqbal verwendet darin eine Reihe westlicher Vers- und Reimformen. An den Anfang seines Bandes stellt er eine Huldigung an Goethe, in der er sich mit dem Vorbild vergleicht. Zum Jahreswechsel wurde er von Georg V. als Knight Bachelor geadelt und durfte fortan den Titel „Sir“ führen; die Ernennung erschien in der Neujahrsliste der London Gazette vom 1. Januar 1923.

1928 hielt Iqbal an einer indischen Universität eine Vortragsreihe unter dem Titel The Reconstruction of Religious Thought in Islam. Darin plädiert er für eine Neudeutung der islamischen Werte, wobei er selbst von europäischer Philosophie und Psychologie beeinflusst war. 1930 trat er als Präsident der Konferenz der All-India Muslim League politisch hervor. Er setzte sich für ein muslimisch geprägtes Staatengebilde innerhalb Indiens ein. In seiner später als „Pakistan-Rede“ bekannt gewordenen Ansprache verstand er diese Selbstverwaltung ausdrücklich nicht zwingend als eigenen Nationalstaat. Die religiöse Prägung des Staates sollte nach seiner Vorstellung in einem sehr allgemeinen, ethischen Einfluss bestehen.

Iqbal war dreimal verheiratet. Von einer Reise nach Spanien und Afghanistan kehrte er 1933 mit rätselhaften Halsschmerzen nach Indien zurück. Nach Monaten des Leidens starb er 1938 in Lahore. Die Gründung des Staates Pakistan 1947 erlebte er nicht mehr. Einen Tag vor seinem Tod besuchte ihn der deutsche Gutsherr und Privatgelehrte Hans-Hasso von Veltheim.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Iqbals Dichtung ist die Verbindung von Poesie und Philosophie. Er war der erste, der auf Urdu philosophische Themen in Gedichte fasste. Zuvor war die Lyrik dieser Sprache weitgehend auf geistliche und weltliche Liebe, das Heldenepos und die gereimte moralische Anekdote festgelegt. Iqbal erweiterte den strengen Kanon der Urdu-Bildersprache um selbstgeschaffene Metonymien und schuf damit erheblich mehr Möglichkeiten für die folgende Dichtergeneration. Auch die ersten Kindergedichte auf Urdu stammen von ihm.

Seine eigene Poesie teilte Iqbal in drei Phasen ein. Bis 1905 stand er vor allem unter dem Einfluss der englischen Romantiker. Es folgte von 1905 bis 1908 eine nationalromantische Übergangszeit, die ungefähr seinem Europaaufenthalt entspricht. Seit 1908 schrieb er philosophisch. Ab der zweiten Phase verfasste er Gedichte auch auf Persisch, denn diese Sprache besaß damals höheres Ansehen als Urdu, und er hielt sie für philosophische Themen besser geeignet. Zugleich hoffte er, so ein internationales islamisches Publikum zu erreichen.

Charakteristisch ist Iqbals Umgang mit überlieferten Bildern: Er deutet sie um oder stellt ihnen Gegenbilder entgegen. Bekannt ist das Gedicht vom Regentropfen, der sich nicht wie in der Tradition im Meer auflösen, sondern in einer Muschel zur Perle werden soll. Dem Falter, der in der Flamme der ewigen Liebe verbrennt, setzt er das Glühwürmchen gegenüber, das aus sich selbst leuchtet. Solche Gegenkonzepte galten in der Urdu-Poesie der 1920er und 1930er Jahre als revolutionär und standen für eine veränderte Weltsicht. Das Thema Liebe passte er seiner Philosophie an und behandelte ausschließlich die geistliche Liebe; in einzelnen Gedichten lässt sich zwar die Inspiration durch eine Frau nachweisen, doch die Endfassungen beziehen sich nicht mehr darauf. Als drittes großes Thema kommt die Dichtung selbst hinzu, in der er als Verkünder seiner Auffassung vom Islam auftritt.


Rezeption↑

Neben seinem dichterischen Werk hat Iqbal Politik und Philosophie nachhaltig beeinflusst. Die Grundlinien seiner Theologie ermöglichen eine breite Aufnahme im Islam. Seine Gedanken wurden später von Muhammad Ali Jinnah aufgegriffen und weiterentwickelt. In seinem theoretischen Hauptwerk Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam verbindet er Neuplatonismus und Aristotelismus zu einer umfassenden Metaphysik. Denker wie Bergson, Whitehead, Leibniz und Nietzsche stellt er als mit dem Islam vereinbar dar, während er die Erkenntnistheorien Kants und al-Ghazālīs kritisiert. Durch diese ausdrückliche Auseinandersetzung ist er Teil des weltweiten Religionsdiskurses.

Im deutschen Sprachraum wurden Iqbals Werke vor allem von Annemarie Schimmel übersetzt und kommentiert; von ihr stammt auch die Studie Muhammad Iqbal. Prophetischer Poet und Philosoph von 1989. Texte aus der Urdu-Dichtung legte Johann Christoph Bürgel unter dem Titel Steppe im Staubkorn vor. Weitere Untersuchungen widmeten ihm unter anderen Bettina Robotka, Stephan Popp, Farid Hafez und Muhammad Sameer Murtaza.

Auch im öffentlichen Raum Deutschlands ist Iqbal präsent. In Heidelberg trägt seit Februar 1969 das Iqbal-Ufer seinen Namen, ein rund 1200 Meter langes Stück der B37 am Südufer des Neckars; bei der Benennung war der damalige pakistanische Botschafter in Bonn, Abdur Rahmann Khan, zugegen. An seinem früheren Heidelberger Wohnhaus in der Neuenheimer Landstraße 58 erinnert eine Gedenktafel. In München steht am Habsburgerplatz ein Denkmal für ihn. Im Januar 2017 wurde an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Muhammad Iqbal Forschungsstelle unter Leitung von Ahmad Milad Karimi gegründet, die sein Werk und Denken systematisch erforscht.

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