1843
Das hässliche Entlein
Überblick↑
Das Kunstmärchen Das hässliche Entlein stammt von dem dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Es erschien zuerst am 11. November 1843 und wurde 1844 Teil der Sammlung Nye Eventyr („Neue Märchen"). Zu der Geschichte ließ sich Andersen während eines Aufenthalts auf Gut Gisselfeld anregen. Erzählt wird vom Schicksal eines Außenseiters, der zunächst verspottet wird und später seinen wahren Wert erkennt. Andersen selbst bezeichnete das Märchen in einem Brief aus dem Jahr 1869 als eine Spiegelung seines eigenen Lebens.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine Entenmutter brütet ihre Eier aus. Sechs Junge schlüpfen rasch, doch ein siebtes Ei ist größer als die anderen und braucht länger. Schließlich kommt ein graues Entlein zur Welt, das größer und unbeholfener wirkt als seine Geschwister. Weil es anders aussieht, wird der Nachzügler von den übrigen Tieren verspottet und gequält.
Das Entlein hält das Leben in seiner Umgebung nicht länger aus und läuft davon. Auf seiner Wanderschaft begegnet es Menschen und Tieren, sucht ein Versteck und beobachtet aus der Ferne die stolzen Schwäne, die über das Wasser ziehen. Der Winter rückt heran, und das kleine Tier muss sich allein durch eine harte, kalte Zeit schlagen. Die Geschichte erzählt, wie es diese Prüfungen besteht und welche Verwandlung es dabei erwartet.
Die Handlung im Detail↑
Eine Entenmutter brütet sechs Eier aus, doch ein siebtes ist deutlich größer und braucht länger. Aus ihm schlüpft ein graues Entlein, das tollpatschig und unbeholfen wirkt. Wegen seines Aussehens wird es von den anderen Tieren verspottet und drangsaliert, bis es schließlich davonläuft.
Eine Bäuerin sperrt das Entlein für eine Weile ein, doch kurz darauf gelingt ihm die Flucht. Es versteckt sich im Schilf und beobachtet von dort aus immer wieder die stolzen Schwäne. Als der Winter über das Land kommt, muss das Entlein sein Versteck verlassen, um Nahrung zu suchen. In einer Nacht friert es in einem See fest. Es hat jedoch Glück: Ein Bauer entdeckt es, befreit es aus dem Eis und nimmt es mit.
Doch das Entlein flieht erneut. Als es sein Spiegelbild im Wasser erblickt, erkennt es sich kaum wieder. Aus dem unscheinbaren grauen Tier ist ein erwachsener, stolzer Schwan geworden. Sogleich gesellen sich andere Schwäne zu ihm und nehmen es in ihrer Mitte auf.
Stil↑
Andersen erzählt die Geschichte in der schlichten, klaren Form des Märchens, hinter der jedoch eine durchgehende Sinnbild-Ebene liegt. Das Entlein steht für den Außenseiter, der von seiner Umwelt verachtet wird und erst spät zu seiner wahren Gestalt findet. Die Bilder sind sorgfältig gewählt: Die besonders harte Eierschale deutet das verschlossene, spät reifende Kind an, der eisige Winter die innere Not des Tieres.
Wie tief diese Not gefasst ist, zeigt die Schilderung des Winters, in der das Entlein im immer kleiner werdenden Wasserloch schwimmt, bis es matt wird und im Eis festfriert. Andersen verbindet die einfache Erzählweise des Volksmärchens mit einer deutlich erkennbaren seelischen Deutung. Gerade dieser ausgeprägt allegorische Zug, also die durchgehende Übertragung in ein höheres Sinnbild, wurde später auch kritisch vermerkt.
Rezeption↑
Nach seinem Erscheinen wurde das Märchen von der dänischen Kritik allgemein gelobt. Persönliche Bekannte Andersens wie Jenny Lind und Bernhard Severin Ingemann zeigten sich begeistert. In Deutschland fiel das Urteil zurückhaltender aus: Dort rügte man die Geschichte als zu „gemacht" und zu allegorisch.
Die Wirkung des Stoffes reicht weit über die Literatur hinaus. Sergei Prokofjew schuf 1914 ein Lied nach dem Märchen, das er später für Orchester einrichtete. In den Disney-Studios entstand 1939 ein animierter Kurzfilm. Vivienne Olive vertonte den Stoff 2004 als Märchenoper mit einem Libretto von Doris Dörrie, und im selben Jahr kam in San Diego das Musical Lucky Duck heraus. Auch das Theater griff die Geschichte immer wieder auf, etwa in einem 2019 in Halle uraufgeführten Stück von Katharina Brankatschk. Bis heute gilt das hässliche Entlein als sinnbildliche Figur für jeden, der zunächst verkannt wird.
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