1655
Das große Welttheater
Überblick↑
Das geistliche Festspiel Das große Welttheater von Pedro Calderón de la Barca gehört zur spanischen Gattung des auto sacramental, eines allegorischen geistlichen Spiels. Es entstand wahrscheinlich in den 1630er Jahren und wurde 1655 erstmals gedruckt. Innerhalb von Calderóns geistlichem Werk zählt es zu den bekanntesten Stücken dieser Art. Sein Grundgedanke ist eine alte Vorstellung: Die Welt ist eine Bühne, das menschliche Leben ein Schauspiel, und jeder Mensch spielt darin eine ihm zugeteilte Rolle. In deutscher Sprache wurde das Stück vor allem durch die Übertragung Joseph von Eichendorffs bekannt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht ein ungewöhnlicher Einfall: Das Leben selbst wird zu einem Theaterstück erklärt. Der Schöpfer tritt auf wie der Autor eines Schauspiels und verteilt die Rollen. Die Welt erhält den Auftrag, das Stück in Szene zu setzen und die Bühne zu errichten.
Jede Rolle steht für einen bestimmten Stand oder Zustand des Menschen – der König, der Weise, die Schönheit, der Reiche, der Bauer, der Arme und ein ungetauft gestorbenes Kind. Die Mitspieler bekommen, was sie zum Spiel ihrer Rolle brauchen. Über allem steht die Mahnung: „Handle gut, denn Gott ist Gott.“ Immer wieder erinnert sie das Gesetz der Gnade an diesen Leitsatz.
Nun beginnt das eigentliche Spiel: Jeder Mensch lebt seine Rolle so aus, wie es seine Lage und sein Charakter ihm eingeben. Der Reiche genießt, der Arme leidet, und das Verhalten der Figuren zueinander wird zur Probe darauf, wie ernst sie die Mahnung nehmen. Wohin dieses Spiel die Mitspieler am Ende führt und wie über ihr Tun entschieden wird, bleibt der Lektüre überlassen.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn tritt der Schöpfer auf – in Eichendorffs Übertragung „der Meister“ genannt. Er übernimmt die Rolle des Autors, der das kommende Schauspiel verfasst, und verteilt die einzelnen Rollen. Die Welt beauftragt er, das Stück ins Werk zu setzen. Die Bühne ist die Welt selbst: Sie hat ein Tor für den Auftritt, die Wiege, und ein Tor für den Abgang, das Grab.
Die Rollen verkörpern jeweils einen Aspekt des menschlichen Lebens: der König, der Weise, die Schönheit, der Reiche, der Bauer, der Arme und ein ungetauft verstorbenes Kind, das für die Erbsünde steht. Die Mitspieler erhalten, was sie für ihr Spiel brauchen, und sollen ihre Rolle gut ausfüllen – nach der Devise „Handle gut, denn Gott ist Gott“. Das Gesetz der Gnade begleitet sie und hält ihnen diese Mahnung immer wieder vor Augen.
Dann führt jeder Mitspieler seine Rolle in der Welt aus, und jeder verhält sich so, wie es seine gesellschaftlichen und sittlichen Umstände bestimmen. So tritt der Arme auf und bittet die anderen um Almosen, doch der Reiche verweigert sie ihm. An solchen Begegnungen zeigt sich, wer die Mahnung beherzigt und wer nicht.
Am Schluss müssen alle Mitspieler wieder abgeben, was sie für ihre Rolle bekommen haben. Nackt, wie sie die Bühne betreten haben, müssen sie wieder abtreten. So wird das ganze Leben als ein Spiel gedeutet, das nur eine Weile dauert und am Ende vor seinem Urheber bestehen muss – nicht der äußere Rang entscheidet, sondern allein, wie gut jeder seine Rolle gespielt hat.
Stil↑
Geprägt ist das Werk durch die Form des auto sacramental, eines geistlichen Spiels mit allegorischem Personal. Die auftretenden Gestalten sind keine Menschen aus Fleisch und Blut, sondern Verkörperungen von Begriffen und Ständen: die Welt, die Schönheit, der Weise, das Gesetz der Gnade. Auf diese Weise wird ein religiöser Gedanke in anschauliche Bühnenfiguren übersetzt.
Das auffälligste Kunstmittel ist das Spiel im Spiel: Das Stück handelt von einem Theaterstück, das der Schöpfer als Autor in Auftrag gibt. Bühne, Auftritt und Abgang werden ausdrücklich benannt – die Welt als Schauplatz, die Wiege als Eingang, das Grab als Ausgang. Wiederkehrende Leitworte wie „Handle gut, denn Gott ist Gott“ geben dem Ganzen einen festen gedanklichen Halt und kehren wie ein Refrain wieder. In deutscher Sprache wirkt das Stück vor allem in der Übertragung Joseph von Eichendorffs.
Rezeption↑
Über die Jahrhunderte hat das Stück eine bemerkenswerte Bühnenwirkung entfaltet, besonders im deutschsprachigen Raum. Im Schweizer Wallfahrtsort Einsiedeln wurde es von 1924 an über viele Jahrzehnte in unregelmäßigen Abständen als Freilichtspiel auf dem Klosterplatz aufgeführt; getragen wurde diese Tradition von einer eigens gegründeten Welttheater-Gesellschaft. Für spätere Spielzeiten bearbeiteten Schriftsteller den Stoff jeweils neu – unter anderem Thomas Hürlimann, Tim Krohn und Lukas Bärfuss –, sodass das alte Spiel immer wieder in veränderter Gestalt auf die Bühne kam.
Auch in Deutschland fand das Werk wiederholt den Weg ins Freie. In Bad Godesberg gelang 1926 eine groß angelegte Inszenierung in einem eigens errichteten Freilichttheater, die im folgenden Jahr allerdings am schlechten Wetter scheiterte. In den Jahrzehnten danach wurde das Mysterienspiel an zahlreichen Orten gespielt, von der Balver Höhle bis vor das Schloss Charlottenburg, und noch in jüngerer Zeit zog ein Wandertheater mit einer auf historischen Erntewagen errichteten Bühne durch Rheinhessen. Der Stoff regte überdies verwandte Werke an; im deutschen Sprachraum ist hier besonders Das Salzburger große Welttheater zu nennen.
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