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Die kleine Stadt
1909
– Werkseintrag –

Die kleine Stadt

1909 · Roman

Eine reisende Operntruppe bringt ein süditalienisches Städtchen in Aufruhr – und treibt es im Streit der Parteien zugleich auf den Weg zu einem freieren Miteinander.

Überblick↑

Der Roman Die kleine Stadt von Heinrich Mann entstand zwischen dem Herbst 1907 und dem März 1909 und erschien 1909. Erzählt wird vom Aufruhr, den eine reisende Operntruppe in einem Städtchen auslöst. Vorbild war der Ort Palestrina südöstlich von Rom, den Mann von 1895 bis 1898 kennengelernt hatte. Der Autor selbst nannte das Werk das ihm liebste seiner Romane und sah darin ein Loblied auf die Demokratie. Tatsächlich schildert das Buch, wie eine ganze Bürgerschaft im Streit der Parteien zu einem freieren, menschlicheren Miteinander findet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In ein Städtchen kommt eine reisende Operntruppe, engagiert vom liberalen Advokaten Belotti. Mit diesem Gastspiel gerät das ganze Gemeinwesen in Bewegung. Die Bürger sind in zwei Lager geteilt: Die Freiheitsfreunde, die sich als Erben des Generals Garibaldi verstehen, scharen sich um den Advokaten und treffen sich im Café „Zum Fortschritt“. Die Gegenpartei sammelt sich um den Priester Don Taddeo, in der Kirche und im Café „Zum heiligen Agapitus“.

Streitpunkt der beiden Lager ist auch ein alter hölzerner Eimer, ein Andenken an einen längst vergangenen Krieg, den Don Taddeo in seinem Glockenturm verwahrt. Während die Vorstellungen gespielt werden, redet sich das Volk die Köpfe heiß, es kommt zu Handgreiflichkeiten, doch zugleich musizieren viele Bürger selbst im Orchester und auf der Bühne mit.

Der fromme Don Taddeo lernt durch die schöne Sopranistin Italia Molesin eine ihm bis dahin fremde Macht kennen: die sinnliche Begierde. Diese Erfahrung stürzt ihn in tiefe Gewissensnot. Zugleich spitzt sich der Machtkampf zwischen Advokat und Priester zu, ein übler Intrigant namens Savezzo wittert seine Stunde, und unter den Komödianten bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Heinrich Mann erzählt vieles nicht geradeheraus, sondern lässt es durch das ständige Gerede der Leute durchschimmern – der Leser muss genau aufpassen, um die wichtigen Wendungen mitzubekommen.

Die Handlung im Detail↑

Das Werk ist in fünf Teile gegliedert und folgt damit dem Aufbau der antiken Tragödie. Ungewöhnlich ist die schiere Fülle der Figuren: In der kleinen Stadt wimmelt es von Menschen wie in einem Bienenstock, und Heinrich Mann versteckt seine eigentlichen Hauptfiguren geschickt unter mehreren Dutzend Bürgern. Herr Savezzo etwa tritt früh unter der Menge auf und gerät dann lange aus dem Blick, ehe er am Ende um die Macht kämpft. Entscheidende Handlung läuft fast immer hinter den Kulissen ab; der Leser erfährt sie meist aus dem Munde Unbeteiligter, aus der brodelnden Gerüchteküche der Stadt.

Der freiheitsliebende Advokat Belotti hat die Macht im Ort. Statt sich um die dringend nötige Modernisierung der Feuerwehr und eine neue „Dampfspritze“ zu kümmern, will er Höheres: Er engagiert eine Wanderoper. Manche Frau aus dem Volk kann die anreisenden Komödianten nicht leiden, das Volk ist in Advokaten- und Priesterpartei gespalten, doch die Premiere wird ein Erfolg. Bürger spielen in der Kapelle, Chormädchen treten auf, an Publikum mangelt es nicht. Der Erfolg gibt dem Advokaten recht.

Der Priester Don Taddeo aber gerät durch das Gastspiel in eine Krise. Während ihm die als äußerst anständig geltende Sopranistin Italia Molesin beichtet, wallt in ihm die Fleischeslust auf – ausgelöst wohl nur durch eine flüchtige Berührung ihres Kleides. Strengste Selbstkasteiung hilft nichts. Vom Kirchenfenster aus beobachtet er Italia und kann nicht wegsehen. Für ihn haben alle gesündigt: er selbst, Italia, die ganze Stadt, deren Bürger lieber zu den Komödianten als in die Kirche gehen. Also, so schlussfolgert er, müssen alle brennen. Kurz nach diesen Gedanken geht die Unterkunft der Sängerin tatsächlich in Flammen auf, und manch einer im Volk vermutet, der Priester habe Feuer gelegt. Sicher ist in diesem Roman jedoch nichts – fast jeder verdächtigt jeden der Brandstiftung.

Als das Gasthaus brennt, scheint die Macht des Advokaten mit einem Schlag dahin. Er soll der Brandstifter sein oder dahinterstecken. Prompt fallen seine Anhänger von ihm ab und wenden sich dem Intriganten und Betrüger Savezzo zu, der schon nach der Macht greift. Doch Don Taddeo rettet Italia aus den Flammen. Das Volk klatscht Beifall und verehrt den Priester fortan als Heiligen. Überdies spricht der Richter den umstrittenen Eimer Don Taddeo zu. Es scheint, als sei es mit der Macht des Advokaten endgültig vorbei.

Das Ränkespiel Savezzos ist jedoch zu Ende, als Don Taddeo die Schuld am Brand auf sich nimmt, den Schaden bezahlen will und den Advokaten für unschuldig erklärt. Priester und Advokat versöhnen sich. Don Taddeo will nun sogar den Eimer herausrücken. Die abtrünnigen Anhänger dienen sich erneut bei ihrem alten Herrn an. Gemeinsam geleiten die eben noch zerstrittenen Parteien die Komödianten auf Pferdefuhrwerken aus der Stadt bis zum nächsten Ort. Mit Genugtuung darf der Advokat den Fortschritt „in der Schule der Menschlichkeit“ feststellen.

Plötzlich ist die Stadt fast entvölkert, und die Bühne ist frei für das dramatische Finale. Frau Camuzzi, die vom Frauenhelden Nello Gennari abgewiesen wurde, hat hinter dessen Rücken gegen den jungen Tenor intrigiert. Sie macht sich den geschlagenen Savezzo zum Handlanger. Dieser verlässt die Stadt zu Fuß und sucht auf ihr Geheiß die junge Alba Nardini auf, die mit ihrem Großvater, dem großen Ölproduzenten und Gutsbesitzer Nardini, die Villascura bewohnt. Savezzo hinterbringt Alba das gefährliche Wissen der Camuzzi: Nello sei in der Stadt geblieben und vergnüge sich mit der Frau des Schneiders Chiaralunzi.

Alba hatte den Tenor Nello wirklich geliebt, obwohl der Großvater sie zur Nonne bestimmt hatte. Doch Nello erwies sich als Vagabund, für den alles nur Spiel und Abenteuer war – „und morgen geht's in die Welt hinaus“. So ließ er Alba fallen und wandte sich der nächsten Schönen zu. Diese Liebesgeschichte hat Mann als Gegenstück zu der Oper „Die arme Tonietta“ von Viviani in den Roman eingewoben, die die Truppe in der Stadt aufführte; darin liebte Tonietta ihren Piero, gesungen von Nello. Als der lange Wagenzug an der Villascura vorbeizieht, lässt Alba ihn ziehen, schleicht sich in die Stadt, lauert dem Geliebten auf und ersticht ihn und dann sich selbst.

Stil↑

Bemerkenswert ist die ungewöhnliche Erzählweise des Romans. Heinrich Mann verteilt die Handlung auf eine verwirrende Fülle von Figuren und versteckt seine eigentlichen Hauptpersonen geschickt unter Dutzenden von Bürgern und der gastierenden Operntruppe. Das Entscheidende geschieht fast immer hinter den Kulissen: Der Leser erfährt davon in der Regel nicht unmittelbar, sondern aus der brodelnden Gerüchteküche, aus dem Mund Unbeteiligter. Er muss genau aufpassen, um die wichtigen Wendungen überhaupt mitzubekommen. Aus diesem Verfahren gewinnt der Autor seine Spannung.

Von dieser Regel gibt es Ausnahmen. Bisweilen teilt der Erzähler die Gedanken einer Figur in wörtlicher Rede mit, etwa die in Don Taddeo aufwallende Begierde während der Beichte. Auch Teile der Liebesgeschichte von Nello und Alba erfährt der Leser unmittelbar und nicht über die Gerüchte. Den Aufbau in fünf Teilen gestaltet Mann nach dem Muster der antiken Tragödie. In den Roman eingebettet ist mit der Oper „Die arme Tonietta“ ein Spiel im Spiel, das die tragische Liebe der Rahmenhandlung spiegelt. Der Stoff vom geraubten Eimer geht auf das komische Epos „Der geraubte Eimer“ von Alessandro Tassoni zurück. Die Schilderung der Landschaft galt als so genau, dass Hermann Hesse rätselte, ob Arezzo, Foligno, Bevagna oder Trevi gemeint sei.

Rezeption↑

Schon kurz nach dem Erscheinen wurde der Roman als politisches Werk gelesen. Heinrich Mann selbst nannte ihn in einem Brief vom Dezember 1909 den liebsten seiner Romane: Es sei „Wärme darin, die Wärme der Demokratie“. Ein Verlagsprospekt von 1909 pries das Buch als „das hohe Lied der Demokratie“. Diese Deutung griff auch Thomas Mann auf, der dem Bruder im September 1909 schrieb, das Ganze lese sich „wie ein hohes Lied der Demokratie“ und enthalte „viel in hohem und fortgeschrittenem Sinne Zeitgemäßes“.

Hermann Hesse, ein Kenner italienischer Orte und Landschaften, bewunderte die getreue Wiedergabe des Lokalkolorits. Aus den Jahren 1909 bis 1914 sind zahlreiche weitere Besprechungen überliefert, unter anderem von Monty Jacobs, Paul Ernst, Franz Servaes und Ludwig Hatvany. In der späteren Forschung deutete Helmut Koopmann den Roman als ein Gegenbild zur Ordnung des wilhelminischen Deutschland, die allmählich in Unordnung überging. Bis heute ist Die kleine Stadt Gegenstand literaturwissenschaftlicher Studien.

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