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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Professor Unrat
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Cover Professor Unrat
Professor Unrat
1905
– Werkseintrag –

Professor Unrat

1905 · Roman

Ein gefürchteter Schulpedant macht sich auf, eine Varietétänzerin aufzuspüren, um endlich seinen aufmüpfigsten Schüler zu Fall zu bringen – und gerät dabei selbst in einen Bann, aus dem Heinrich Mann den weltberühmten Stoff für "Der blaue Engel" gewann.

Überblick

Der Roman zählt zu den bedeutendsten erzählenden Werken Heinrich Manns. Er entstand zwischen Ende Dezember 1903 und August 1904 und erschien im April 1905. Der vollständige Titel lautet Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen. Spätere Ausgaben kamen teilweise unter dem Titel Der blaue Engel in den Handel. Durch zahlreiche Übersetzungen erlangte das Buch Weltruhm. Vor allem die Verfilmung als Der blaue Engel mit Marlene Dietrich machte es weltberühmt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der 57-jährige Gymnasialprofessor Raat. Er ist ein verwitweter, einsamer Pedant. Hinter seinem Rücken nennen ihn die Schüler seit Generationen nur "Unrat". Der Spitzname hat Tradition. In ihm steckt auch eine gewisse ironische Wertschätzung, die der Lehrer jedoch nicht erkennt. Er sieht in seinen Schülern Feinde. Mit Vorliebe stellt er ihnen Aufgaben, an denen sie scheitern müssen, um sie anschließend bestrafen zu können. Sein schärfster Gegenspieler ist der Konsulssohn Lohmann. Der ist intelligent und durch Strafen kaum zu treffen.

Im Heft seines Widersachers entdeckt Raat ein Huldigungsgedicht an eine "hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich". Er beschließt, dem Schüler endlich beizukommen, und will dazu die besungene Dame aufspüren. Er findet sie als "Barfußtänzerin" im Vergnügungslokal "Der blaue Engel". Was als sittenstrenge Strafexpedition gegen die eigenen Schüler beginnt, bringt den Professor schnell selbst in einen Bann. Diesem entkommt er nur schwer wieder. Und er hebt sein bisheriges Leben in jeder Hinsicht aus den Angeln.

Die Handlung im Detail

Der 57-jährige Gymnasiallehrer Raat lebt verwitwet und zurückgezogen; von seinem Sohn hat er sich losgesagt, weil dieser viermal durchs Examen gefallen ist und sich mit unverheirateten Frauenzimmern in der Öffentlichkeit zeigt. Als Lehrer ist Raat eine Legende: aus beinahe jeder Familie der Stadt war ein Sprössling einmal sein Schüler. Den Spitznamen "Unrat", mit dem ihn die ganze Stadt belegt, empfindet er als Angriff auf seine Person, nicht als ironische Vertrautheit. Den Schulalltag führt er wie einen Krieg gegen seine Schüler.

Im 17-jährigen Konsulssohn Lohmann hat er einen Gegenspieler, dem er nicht beikommt. Als Raat ihn wegen Verwendung des Spitznamens "Unrat" in das finstere Garderobenzimmer "Kabuff" sperrt, entdeckt er in dessen Aufsatzheft das Gedicht Huldigung an die hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich. Um Lohmann endlich zu Fall zu bringen, sucht Raat die Künstlerin auf und findet sie als "Barfußtänzerin" im Lokal "Der blaue Engel". Im Kopf redet er sich ein, es gehe ihm um das Wohl seiner Schüler. Im Lokal geschieht ihm jedoch ein Missgeschick nach dem anderen, bis seine eigenen Schüler ihn dort entdecken. Auf der Flucht durch eine Tür steht er plötzlich vor Rosa Fröhlich. Obwohl er sie anherrscht, sie solle aufhören, seine Schüler zu verführen, und die Stadt verlassen, nimmt sie ihn vor ihren Kollegen in Schutz und bietet ihm Wein an. Die "Künstlerin" verfehlt ihre Wirkung auch beim Professor nicht.

Am nächsten Morgen herrscht in der Schule ein gespannter Waffenstillstand: Raat fürchtet, die Schüler hätten ihn längst lächerlich gemacht, die Schüler fürchten den Direktor. Nach Schulschluss eilt Raat zu Rosa, um vor seinen Schülern dort zu sein – er erträgt nicht den Gedanken, dass Lohmann sie aufsucht. Rosa umgarnt ihn, erklärt, sie habe die Blumen der Schüler weggeworfen, und lässt sich von ihm beim Umkleiden helfen. Raat gerät immer tiefer in ihren Bann. Er erfüllt ihr alle Wünsche – teure Restaurantessen, neue Kleider, ein möbliertes Appartement – und sortiert ihr sogar die Wäsche. Sie steht jetzt, wie er findet, unter seinem Schutz. Er hält nicht nur die Schüler von ihr fern, sondern wirft auch einen Schiffskapitän hinaus, der sie in der Künstlergarderobe besuchen will.

Was die Leute über ihn denken, kümmert ihn immer weniger. Weder seine Wirtschafterin, die sich über Rosas Besuche beschwert, noch eine Rüge des Schuldirektors beeindrucken ihn. Öffentlich verteidigt er Rosas Ehre, als sie beschuldigt wird, gemeinsam mit seinen Schülern ein Hünengrab verwüstet zu haben. Als sie schließlich zugeben muss, an der wüsten Feier am Hünengrab tatsächlich teilgenommen zu haben, zieht er sich am Boden zerstört zurück. Er wird aus dem Schuldienst entlassen.

Als ein Pastor gegen Rosa argumentiert, verteidigt Raat sie und fasst den Vorsatz, sie zu heiraten. Auch die Nachricht, dass Rosa eine Tochter hat, hält ihn nicht ab. Nach der Hochzeit verbringt das Paar einige Zeit in einem Seebad, wo auffällt, dass andere Herren sich um die nun verheiratete Rosa bemühen. Nach zwei Ehejahren ist Raat finanziell ruiniert. Eine Freundin Rosas rät ihm, Griechischunterricht zu geben. Die Stunden entwickeln sich rasch zu allabendlichen Trinkgelagen, bei denen weite Teile der Stadt erscheinen. Diese Feiern nutzt Raat, um sich an seinen ehemaligen Schülern und den Honoratioren der Stadt zu rächen.

Am Ende tritt Lohmann erneut in sein Leben. Rosa trifft den ehemaligen Schüler in der Stadt und lädt ihn in die Wohnung ein. Dort bietet Lohmann an, alle Schulden zu bezahlen, und legt die aufgeklappte Brieftasche auf den Tisch. Als Rosa noch dazu sein altes Schulgedicht singt, stürzt der eifersüchtige Raat aus dem Nebenzimmer und versucht, ihr die Kehle zuzudrücken. Dann greift er nach Lohmanns Brieftasche und stürzt hinaus. Kurz darauf wird das Ehepaar verhaftet. Die ehrbaren Bürger, die noch vor kurzem so gern in sein Haus gekommen waren, haben für ihn nun nur noch Hohn und Spott übrig.

Stil

Heinrich Mann erzählt aus konsequent satirischer Distanz. Schon der Untertitel Das Ende eines Tyrannen stimmt den ironischen Ton an. In ihm wird ein Schulpedant zur tragikomischen Herrscherfigur überhöht und zugleich entlarvt. Der Spitzname "Unrat" wird von der ganzen Stadt verwendet, und der Professor allein versteht ihn als Beleidigung. Er ist selbst ein erzählerisches Mittel. In jedem Auftreten macht er die Kluft zwischen dem Selbstbild der Hauptfigur und der spöttischen Wahrheit der Umgebung sichtbar. Mit gleicher Schärfe zeichnet Mann das Milieu der ehrbaren Bürger. Deren Hochachtung und Hohn haben dieselbe Quelle.

Rezeption

Bereits zu Lebzeiten Heinrich Manns wurde der Roman zu einem seiner wichtigsten Erfolge. Er wurde vielfach in andere Sprachen übertragen. Den endgültigen Schritt zum Weltruhm brachte 1930 die Verfilmung unter dem Titel Der blaue Engel. Marlene Dietrich spielte darin die Rolle der Rosa Fröhlich. Seither wurde der Roman teilweise sogar unter eben diesem Filmtitel verlegt. Das zeigt, wie stark die Leinwand das öffentliche Bild des Buches bis heute prägt.

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