1871 – 1950
Heinrich Mann
Kurzporträt↑
Heinrich Mann (1871–1950) zählt zu den großen deutschen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Zugleich war er einer der schärfsten politischen Köpfe seiner Zeit. Als älterer Bruder Thomas Manns trat er früh mit Gesellschaftssatiren hervor. Mit Professor Unrat und der Verfilmung als Der blaue Engel fand er zu Weltruhm. Mit Der Untertan schuf er eine bis heute berühmte Abrechnung mit dem wilhelminischen Deutschland. Schon vor 1914 wandte er sich der Demokratie zu und lehnte den Ersten Weltkrieg ab. Frühzeitig stellte er sich dem Nationalsozialismus entgegen, der 1933 seine Bücher öffentlich verbrennen ließ. Im französischen und amerikanischen Exil entstand sein Hauptwerk, die beiden Henri-Quatre-Romane.
Biografie↑
Heinrich Mann kam am 27. März 1871 in Lübeck zur Welt. Er war das erste Kind des Kaufmanns Thomas Johann Heinrich Mann und seiner brasilianisch-deutschen Ehefrau Julia da Silva-Bruhns. Der Vater war von 1877 bis zu seinem Tod 1891 Senator für Wirtschaft und Finanzen der Freien Stadt Lübeck. Die Familie lebte in wohlhabenden Verhältnissen. Heinrich war der älteste von fünf Geschwistern; ihm folgten Thomas (1875–1955), Julia (1877–1927), Carla (1881–1910) und Viktor (1890–1949). Schon mit dreizehn Jahren zeigte sich seine literarische Begabung. Über eine Reise nach Sankt Petersburg 1884 führte er ein Tagebuch. 1885 begann er mit erzählerischen, 1887 mit poetischen Versuchen.
1889 verließ Mann das humanistische Lübecker Katharineum mit dem Zeugnis der Unterprima. Anschließend trat er eine Buchhandelslehre in Dresden an, die er nach knapp einem Jahr abbrach. Von August 1890 bis 1892 volontierte er beim S. Fischer Verlag in Berlin und hörte zugleich Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität. 1892 erlitt er eine Lungenblutung und kurte in Wiesbaden, im Schwarzwald und in Lausanne. Nach dem Tod des Vaters 1891 und der testamentarisch verfügten Liquidierung der Familienfirma war er finanziell unabhängig. So konnte er die Laufbahn eines freien Schriftstellers einschlagen.
1893 zog die Familie nach München. Seine Vaterstadt Lübeck hat Mann laut der Deutschen Biographie danach nie wieder besucht. In den folgenden Jahren hielt er sich überwiegend in Italien auf, vor allem in Rom und Palestrina, zeitweise gemeinsam mit seinem Bruder Thomas. Wiederholt kurte er auch in Riva del Garda im Sanatorium des befreundeten Arztes Christoph Hartung von Hartungen. 1895/96 war er Herausgeber der konservativen Monatsschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert". Seine eigenen Beiträge gaben, wie die Deutsche Biographie notiert, einen Querschnitt offiziöser Meinungen des wilhelminischen Deutschlands.
1904 entstand sein bekanntes Werk Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen, das ein Jahr später erschien. In Lübeck wurde das Buch totgeschwiegen oder kritisiert, faktisch herrschte ein Verbot. Internationale Übersetzungen und die Verfilmung von 1930 unter dem Titel Der blaue Engel machten das Werk weltberühmt. 1910 nahm sich seine jüngste Schwester Carla das Leben. Über diesen Verlust kam Mann nur schwer hinweg. 1914 heiratete er die Prager Schauspielerin Maria Kanová. Die gemeinsame Tochter Leonie (1916–1986) blieb sein einziges Kind. Wohnsitz war wieder München.
Den Ersten Weltkrieg lehnte Mann grundsätzlich ab und stand der Sozialdemokratie nahe. Nach Thomas Manns deutschnationaler Schrift Gedanken im Kriege (1914) brach er den Kontakt zu seinem Bruder ab. Thomas charakterisierte ihn in den Betrachtungen eines Unpolitischen anonym als „Zivilisationsliterat". Erst 1922 gelang die Versöhnung. Nach Kriegsende erschien Der Untertan, dessen Vorabdruck 1914 abgebrochen worden war. In den ersten Monaten wurden fast hunderttausend Exemplare verkauft. In der Weimarer Republik beteiligte sich Mann am pazifistisch-sozialistischen Aktivismus Kurt Hillers und an der Clarté-Bewegung von Henri Barbusse und Romain Rolland.
1923 starb seine Mutter, 1927 nahm sich seine Schwester Julia das Leben. 1928 zog Mann nach Berlin, 1930 wurde seine Ehe geschieden. Maria Kanová kehrte mit der Tochter nach Prag zurück und wurde später in Theresienstadt interniert. Dort erholte sie sich gesundheitlich nicht mehr und starb 1947 an den Folgen der Haft. 1929 lernte Mann seine spätere zweite Frau Nelly Kröger kennen. 1931 wurde er Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, in der er seit 1926 Mitglied war. Gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein unterzeichnete er 1932 und 1933 den Dringenden Appell zur Aktionseinheit von KPD und SPD gegen die Nationalsozialisten.
Im Februar 1933 verließ Mann Deutschland kurz vor dem Reichstagsbrand. Er emigrierte über Sanary-sur-Mer nach Nizza, wo er bis 1940 lebte. Die Nationalsozialisten schlossen ihn aus der Akademie aus, im August 1933 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1936 erhielt er die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Zwischen 1935 und 1938 verfasste er den zweibändigen historischen Roman Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre. Im Exil war er Vorsitzender des Lutetia-Kreises der deutschen Volksfront und Mitherausgeber der Deutschen Informationen.
1939 heirateten Nelly Kröger und Heinrich Mann. 1940 floh das Ehepaar gemeinsam mit Manns Neffen Golo Mann und dem Ehepaar Werfel über Spanien und Portugal in die USA. Das Land seines Exils und dessen Kultur blieben ihm fremd. Sein Bruder Thomas musste ihn finanziell unterstützen. Im Dezember 1944 nahm sich Nelly Mann, die schwer alkoholkrank gewesen war, das Leben. 1949 wurde Heinrich Mann zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Noch vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland starb er am 11. März 1950 in Santa Monica, wo er zunächst auch begraben wurde. 1961 überführte man seine Urne in die DDR und beisetzte sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Ost-Berlin. Die Grabstätte gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin.
Literarische Merkmale↑
Manns Erzählkunst war wesentlich vom französischen Roman des 19. Jahrhunderts geprägt. Prägend für sein Schaffen wurde, wie die Deutsche Biographie festhält, die Auseinandersetzung mit den literarischen Schulen des Naturalismus und des Impressionismus. Sein erster Roman In einer Familie (1894) folgte noch der Romantypologie Paul Bourgets als „roman de caractère", also als Analyse des Innenlebens und der Moral. Bald wandte er sich aber den klassischen Traditionen des französischen Romans zu: zunächst Daudet und Maupassant, dann Flaubert, ab 1896 Balzac und gegen 1900 Anatole France. An diesen Vorbildern schulte er eine Erzählweise, die nicht durch Reflexion und psychologische Analyse aufgelöst ist, sondern das gesellschaftliche Leben plastisch abbildet.
Mit Im Schlaraffenland (1900) entstand erstmals jene mächtige Gesellschaftspyramide, die für seine Erzählkunst charakteristisch wurde. Zu den Mitteln, die sein Werk seither bestimmen, gehören laut der Deutschen Biographie ein unter den Figuren anwesender Erzähler, eine dramatische Szenenführung, scharfe Schnitte zwischen den Szenen und weite Dialogpartien. Seine Werke hatten oft gesellschaftskritische Absichten. Die Frühwerke sind beißende Satiren auf bürgerliche Scheinmoral. Ihnen setzte er – inspiriert von Friedrich Nietzsche und Gabriele D'Annunzio – eine Welt der Schönheit und Kunst entgegen.
Bestimmend wurde in diesen Jahren die Lektüre Nietzsches und Georg Brandes'. Nietzsches anti-preußische, anti-reichsdeutsche Kulturkritik prägte Manns Kritik am deutschen Bürgertum nachhaltig. Aus ihr erwuchsen Themen, die er bis ins Spätwerk hinein variierte: die Künstler und Komödianten ebenso wie die wesenlosen, leeren Nachahmer in Gesellschaft und Geschichte, die „Bösen", zu denen im Spätwerk auch Hitler, Wagner oder Friedrich II. zählten. In den folgenden Werken analysierte Mann die autoritären Strukturen des Deutschen Kaiserreichs im Zeitalter des Wilhelminismus. Daraus gingen die Gesellschaftssatire Professor Unrat und die Kaiserreich-Trilogie aus Der Untertan, Die Armen und Der Kopf hervor, deren erster Teil künstlerisch am meisten überzeugt. Neben dem erzählerischen Werk steht eine reiche Tätigkeit als Essayist und Publizist.
Rezeption↑
Heinrich Manns Wirkung war schon zu Lebzeiten widersprüchlich. In seiner Heimatstadt Lübeck wurde Professor Unrat totgeschwiegen oder kritisiert, dort herrschte faktisch ein Verbot des Werkes. Durch zahlreiche Übersetzungen und vor allem durch die Verfilmung von 1930 als Der blaue Engel erlangte der Roman jedoch Weltruhm. Der Untertan wurde nach Kriegsende zum erfolgreichsten Buch des Autors und in den ersten Monaten nach Erscheinen fast hunderttausendmal verkauft.
Politisch stand Mann früh exponiert. Er tendierte schon vor 1914 zur Demokratie, stellte sich von Beginn an dem Ersten Weltkrieg entgegen und gehörte zu den ersten, die vor dem Nationalsozialismus warnten. Dessen Anhänger verbrannten 1933 öffentlich seine Werke. Im August desselben Jahres wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, er stand auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs. Anerkennung fand er in mehreren Etappen: 1926 wurde er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, 1931 deren Sektionspräsident für Dichtkunst, und 1949 wählte ihn die Deutsche Akademie der Künste in Ost-Berlin zu ihrem Präsidenten.
Im literarischen Gedächtnis wird Heinrich Mann bis heute von seinem jüngeren Bruder Thomas überstrahlt, dessen Popularität seit den 1920er Jahren stetig wuchs und Heinrichs frühere Erfolge überlagert. Sein Nachwirken zeigt sich gleichwohl an dauerhaften Erinnerungszeichen. Nach ihm ist der Heinrich-Mann-Preis benannt. Am 10. Juni 1998 wurde der Asteroid (8382) Mann gemeinsam nach ihm und seinem Bruder Thomas benannt. Seine Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Ost-Berlin gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin. Die ausführliche Würdigung in der Neuen Deutschen Biographie durch Klaus Schröter (1990) sowie die zahlreichen Verweise auf ihn in anderen NDB-Artikeln belegen seinen festen Platz im literarhistorischen Kanon.
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