1906 – 1949
Klaus Mann
Kurzporträt↑
Als ältester Sohn Thomas Manns wuchs Klaus Mann in einer der berühmtesten Schriftstellerfamilien Deutschlands auf und stand zeitlebens im Schatten des Vaters, an dessen Werk er ständig gemessen wurde. Geboren 1906 in München, begann er seine literarische Laufbahn in der Weimarer Republik als Außenseiter, der offen über Homosexualität und andere Tabuthemen schrieb. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ging er ins Exil und wurde zum kämpferischen Gegner des Regimes. Sein bekanntester Roman Mephisto zeichnet den Aufstieg eines Karrieristen im Dritten Reich nach. Als einer der wichtigsten Vertreter der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933 wurde er erst viele Jahre nach seinem Tod in Deutschland wiederentdeckt.
Biografie↑
Geboren wurde Klaus Heinrich Thomas Mann am 18. November 1906 in München, im Stadtteil Schwabing, als zweites Kind und ältester Sohn von Thomas Mann und dessen Frau Katia. Die Familie lebte in großbürgerlichen Verhältnissen; Katia stammte aus der vermögenden jüdischen Münchner Familie Pringsheim. Im Familienkreis nannte man Klaus „Eissi“, ein Kosename seiner Schwester Erika. Zu dieser Schwester und zur Mutter hatte er ein enges Verhältnis, während die Beziehung zum distanzierten Vater stets ambivalent blieb. Seine Abstammung bezeichnete er später als „die bitterste Problematik meines Lebens“, weil er als Schriftsteller immer am Werk des berühmten Vaters gemessen wurde.
Im Elternhaus gab es viele kulturelle Anregungen. Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal und Gerhart Hauptmann gingen ein und aus, der Nachbar Bruno Walter, Generalmusikdirektor von München, brachte den Kindern klassische Musik nahe. Mit zwölf Jahren las Klaus nach eigenen Angaben täglich ein Buch; zu seinen frühen Vorbildern zählten Nietzsche, Novalis, Walt Whitman und Stefan George. Auch das Werk des Onkels Heinrich Mann wurde ihm zum literarischen und politischen Vorbild. 1919 gründete er zusammen mit Erika und dem Nachbarskind Ricki Hallgarten den „Laienbund Deutscher Mimiker“, eine Theatergruppe, die drei Jahre lang bestand. Damals wollte er Schauspieler werden.
In der Schule war Klaus Mann ein mittelmäßiger Schüler, der nur beim Verfassen von Aufsätzen glänzte. Nach dem Wilhelmsgymnasium in München schickten ihn die Eltern auf Internate, unter anderem 1922 an die Odenwaldschule. Dort hatte er vermutlich seine ersten homoerotischen Begegnungen und entwickelte das Selbstverständnis eines künstlerischen Außenseiters. 1923 verließ er die Schule auf eigenen Wunsch und brach nach kurzem Privatunterricht die Schulausbildung endgültig ab. Im Juni 1924 verlobte er sich mit seiner Jugendfreundin Pamela Wedekind, der Tochter des Dramatikers Frank Wedekind; die Verlobung wurde 1928 aufgelöst. Im Herbst 1924 zog er nach Berlin und arbeitete mit 18 Jahren kurz als Theaterkritiker beim 12 Uhr Blatt. Fortan lebte er als freier Schriftsteller, zeitlebens ohne festen Wohnsitz.
Sein erstes Theaterstück Anja und Esther wurde 1925 in München und Hamburg uraufgeführt; in Hamburg spielten Klaus und Erika Mann, Pamela Wedekind sowie Gustaf Gründgens. Das Stück galt als Skandal, weil es die Liebe zweier Frauen zeigte. Im selben Jahr erschien der Novellenband Vor dem Leben, seine erste Buchveröffentlichung, sowie der Roman Der fromme Tanz, der als einer der ersten offen homosexuellen Romane der deutschen Literatur gilt. 1926 heiratete Erika Mann Gustaf Gründgens; die Ehe wurde 1929 geschieden. Gründgens sollte später zur Vorlage für Klaus Manns Roman Mephisto werden.
Klaus Mann führte ein rastloses Leben. In Paris lernte er Jean Cocteau, André Gide und den Surrealisten René Crevel kennen. 1927 unternahm er mit Erika eine mehrmonatige Weltreise über die USA, Japan und die Sowjetunion; der gemeinsame Bericht erschien 1929 unter dem Titel Rundherum. Im selben Jahr veröffentlichte er den Roman Alexander. Roman der Utopie. Sein Drogenkonsum begann Ende 1929; von der Sucht sollte er zeitlebens nicht mehr loskommen. 1932 legte er mit Kind dieser Zeit seine erste Autobiografie vor und veröffentlichte den Roman Treffpunkt im Unendlichen. Am 5. Mai 1932 erschoss sich sein Jugendfreund Ricki Hallgarten; der Gedanke an den eigenen Suizid begleitete Mann von da an immer stärker.
Das Jahr 1933 bildete die entscheidende Zäsur. Kurz zuvor hatte er sich der „Gruppe revolutionärer Pazifisten“ angeschlossen, der auch Kurt Hiller, Kurt Tucholsky und Ernst Toller angehörten. Um einer Verhaftung zu entgehen, verließ er am 13. März 1933 Deutschland und floh nach Paris. Aus dem unverbindlichen Appell an die soziale Verantwortung wurde nun ein tätiges politisches Engagement gegen den Faschismus. Im Mai 1933 forderte er in einem Brief den einst verehrten Gottfried Benn auf, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren; Benn konterte öffentlich im Rundfunk. Manns Bücher wurden von den Nationalsozialisten verbrannt, worauf er in seinem Tagebuch ironisch reagierte: „Ehrt mich aber.“ Ab September 1933 gab er im Amsterdamer Querido Verlag zusammen mit Fritz H. Landshoff die literarische Exilzeitschrift Die Sammlung heraus, die 1935 wegen zu geringer Abonnentenzahlen eingestellt werden musste. 1934 wurde er ausgebürgert; 1937 wurde er, wie andere Familienmitglieder, Staatsbürger der Tschechoslowakei.
In den Exiljahren entstanden drei seiner bedeutendsten Werke: Flucht in den Norden (1934), der Tschaikowsky-Roman Symphonie Pathétique (1935) und Mephisto (1936). Die Wandlung seines früheren Schwagers Gründgens zum kulturellen Repräsentanten des Dritten Reiches hatte ihn entsetzt und zu diesem Roman inspiriert. Im September 1938 emigrierte er in die USA, wo seine Schwester Erika bereits im Exil lebte. Er hielt Vortragsreisen, um auf die Zustände in Deutschland aufmerksam zu machen, und veröffentlichte 1939 zusammen mit Erika Escape to Life. Im selben Jahr erschien sein letzter Roman Der Vulkan. Von 1941 bis 1942 gab er die antifaschistische Zeitschrift Decision heraus, die ebenfalls eingestellt werden musste. Im Sommer 1941 unternahm er einen ersten Suizidversuch. 1943 nahm er die US-Staatsbürgerschaft an. Als deutschsprachiger Soldat verhörte er Kriegsgefangene, ab 1945 schrieb er für die Armeezeitung The Stars and Stripes und besuchte im Mai 1945 das zerbombte Münchner Elternhaus.
Nach Kriegsende konnte Klaus Mann in Deutschland nicht mehr heimisch werden. Zunehmend hatte er Schreibschwierigkeiten und fühlte sich zwischen der deutschen und der englischen Sprache heimatlos. Enttäuschungen häuften sich: Ein Verlag lehnte eine Neuausgabe des Mephisto mit Rücksicht auf Gründgens ab. Im Juli 1948 unternahm er in Santa Monica einen weiteren Suizidversuch. 1949 zog er nach Cannes, um an seinem unvollendeten Roman The Last Day zu arbeiten. Am 21. Mai 1949 starb er dort nach einer Überdosis Schlaftabletten. Er wurde in Cannes auf dem Cimetière du Grand Jas beigesetzt; als einziger aus der Familie nahm sein Bruder Michael an der Beerdigung teil. Seine überarbeitete Autobiografie Der Wendepunkt erschien postum erst 1952 auf Drängen Thomas Manns.
Literarische Merkmale↑
Über 9000 Seiten umfassen die gedruckten Schriften Klaus Manns, wie sein Biograf Uwe Naumann festhält. Er verfasste sieben Romane, zwei Autobiografien, sechs Theaterstücke, zahlreiche Erzählungen und Essays. Naumann beschreibt ihn als widersprüchliche Erscheinung: In mancher Hinsicht war er seiner Zeit voraus, indem er Konventionen brach und Tabus verletzte; zugleich blieb er vielen Traditionen verhaftet und ein Abkömmling des 19. Jahrhunderts. Seine stilistischen Mittel waren oft erstaunlich konventionell, und das wortreiche Pathos vieler seiner Schriften wirkt heute eher fremd. Lakonisch zu formulieren war nicht seine Sache.
Das Theater faszinierte ihn früh, weil er einen engen Zusammenhang zwischen Exhibitionismus und künstlerischer Begabung sah. Seine ersten Stücke wie Anja und Esther zeigen Pubertätsprobleme und die Suche nach Orientierung; sie weisen eine pathetische Ausdrucksweise und eine noch unausgereifte Dramaturgie auf. Die meisten seiner Bühnenwerke wurden selten oder nie aufgeführt. Bekannt wurde nicht sein Theater, sondern der Roman Mephisto, der ein Theaterthema kritisch aufgreift.
In seinen frühen Romanen blieb Mann ein Vertreter des herkömmlichen, ausführlich erzählenden Stils. Mit Treffpunkt im Unendlichen wandte er 1932 erstmals die Technik des Bewusstseinsstroms an, inspiriert von James Joyce und Virginia Woolf, und legte den Roman mit mehreren parallel verlaufenden Handlungssträngen an. Damit zählt er zu den frühen modernen Entwicklungsromanen im deutschsprachigen Raum. Von Hermann Kesten stammt die Bemerkung, Klaus Mann habe in seinen Romanen oft mehr von sich enthüllt als in seinen Autobiografien. Tatsächlich sind Kind dieser Zeit und Der Wendepunkt in erster Linie als literarische Texte zu lesen; das Schlusskapitel des Wendepunkt enthält keine echten Briefe, sondern literarisch überformte, fiktive Korrespondenz.
Klaus Mann war einer der wenigen deutschen Emigranten, die im Exil größere Werke auf Englisch schrieben. Seine ersten englischen Erzählungen überarbeitete sein Freund Christopher Isherwood sprachlich; die zweite Autobiografie The Turning Point verfasste er dann vollständig auf Englisch. Seine Tagebücher, deren Existenz erst 1989 bekannt wurde, notieren Menschen, Bücher und Ereignisse offen und schonungslos und haben großen dokumentarischen Wert.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wurde Klaus Mann geteilt aufgenommen. Gustaf Gründgens schrieb um 1925, die jüngere Generation habe in ihm ihren Dichter gefunden. Andere Zeitgenossen sparten dagegen nicht mit Spott: Axel Eggebrecht bezeichnete ihn als Führer einer „Gruppe von impotenten, aber arroganten Knaben“, und Kurt Tucholsky verhöhnte sein hohes Publikationstempo. Diese Vorwürfe nahm Mann sich teils zu Herzen und lernte, konsequenter zu formulieren. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf, der ihn 1934 in Moskau traf, beschrieb ihn als elegant, ruhelos und überhitzt intellektuell, äußerte sich zu seinem Werk aber kritisch und vermisste darin noch Eigenständigkeit.
Häufig wurde Klaus Mann wegen seines hohen Schreibtempos kritisiert, das Flüchtigkeitsfehler nach sich zog. Hermann Hesse bemängelte an Treffpunkt im Unendlichen, dass eine Zimmernummer im Text wechsle. Thomas Mann selbst meinte, sein Sohn habe „zu leicht und zu rasch“ gearbeitet. Die vielen autobiografischen Bezüge in seinem Werk brachten ihm den Vorwurf des Exhibitionismus ein. Marcel Reich-Ranicki verwies auf das starke Bedürfnis Manns, Bekenntnisse abzulegen und seine eigenen Sorgen in seine Figuren zu projizieren. Anerkennung fand er auch: Stefan Zweig lobte den Roman Der Vulkan als ein „erlittenes“ Buch, und Lion Feuchtwanger bezeichnete es als Manns weitaus bestes Werk.
Die Neuentdeckung Klaus Manns in Deutschland fand erst lange nach seinem Tod statt und ist vor allem seiner Schwester Erika zu verdanken, die für eine erste Werkausgabe Verleger und Herausgeber fand. Die öffentliche Anerkennung setzte nach 1981 ein, als Mephisto in Westdeutschland trotz eines bestehenden Druckverbots in einer Neuausgabe erschien und binnen zwei Jahren eine halbe Million Exemplare gedruckt wurden. Vorausgegangen war 1979 die dramatisierte Fassung von Ariane Mnouchkine am Pariser Théâtre du Soleil, gefolgt von der Verfilmung durch István Szabó 1981. Heute gehört der Roman zur Schullektüre. Zu seinem 100. Geburtstag 2006 schrieb Uwe Naumann, Klaus Mann sei Jahrzehnte nach seinem Tod geradezu zur Kultfigur geworden, vor allem für junge Menschen; gerade die Zerrissenheit und Fragilität seiner Existenz mache seine verblüffende Modernität aus. 2024, zu seinem 75. Todestag, erschien eine umfangreiche Biografie von Thomas Medicus, die von der Presse überwiegend positiv aufgenommen wurde.
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