1875 – 1955
Thomas Mann
Kurzporträt↑
Thomas Mann (1875–1955) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Er stammte aus einer Lübecker Kaufmannsfamilie. Schon mit dem ersten Roman, den Buddenbrooks von 1901, gelang ihm der literarische Durchbruch. 1929 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Werke wie Der Tod in Venedig, Der Zauberberg, die Tetralogie Joseph und seine Brüder und Doktor Faustus zählen heute zum Kernbestand der modernen Weltliteratur. Nach anfänglicher Skepsis wurde Mann in den zwanziger Jahren zum öffentlichen Fürsprecher der Weimarer Republik. Im Exil wurde er zu einer der wichtigsten Stimmen gegen den Nationalsozialismus. Er lebte ab 1933 in der Schweiz und von 1938 an in den Vereinigten Staaten. 1952 kehrte er in die Schweiz zurück, wo er 1955 in Zürich starb.
Biografie↑
Paul Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Er war der zweite Sohn des Kaufmanns und Senators Thomas Johann Heinrich Mann und seiner in Brasilien geborenen Frau Julia, geborene da Silva-Bruhns. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Der Vater war von 1877 bis zu seinem Tod 1891 Senator für Wirtschaft und Finanzen der Hansestadt. Außer dem älteren Bruder Heinrich hatte er die Geschwister Julia, Carla und Viktor. Seine Kindheit hat Mann später als "gehegt und glücklich" bezeichnet.
Nach dem Tod des Vaters wurde dessen Firma testamentarisch aufgelöst. Die Familie lebte fortan von den Zinsen des angelegten Erlöses. Die Mutter zog mit den jüngeren Kindern nach München. 1894 verließ Thomas vorzeitig das Lübecker Katharineum mit der Mittleren Reife und folgte der Familie nach. Auf Bestimmung seines Vormunds Krafft Tesdorpf trat er als Volontär in eine Feuerversicherungsgesellschaft ein. Im selben Jahr erschien in der Zeitschrift Die Gesellschaft seine Novelle Gefallen – sein Debüt als Schriftsteller, das auch Richard Dehmel beifällig aufnahm, wie die Deutsche Biographie festhält. Daraufhin gab er die Bürotätigkeit auf. Ab 1895 besuchte er Vorlesungen an der Technischen Hochschule München, um sich auf einen journalistischen Beruf vorzubereiten. Ab 1896 ermöglichten ihm die monatlichen 180 Mark aus dem väterlichen Erbe ein Leben als freier Schriftsteller.
1896 bis 1898 hielt Mann sich mit seinem Bruder Heinrich in Italien auf, vor allem im östlich von Rom gelegenen Palestrina. Dort entstanden die Novelle Der kleine Herr Friedemann und die ersten Kapitel der Buddenbrooks, zu denen Samuel Fischer ihm den Auftrag erteilt hatte. 1898 bis 1900 arbeitete er als Lektor und Korrektor der satirischen Zeitschrift Simplicissimus. Ein 1900 angetretener Militärdienst endete nach drei Monaten: Ein Oberstabsarzt bescheinigte ihm, durch Beziehungen der Mutter bewogen, Plattfüße. Mann verarbeitete die Episode später in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull.
1901 erschien der Roman Buddenbrooks. Die zweibändige Erstausgabe fand zunächst wenig Resonanz. Doch die einbändige Auflage von 1903 brachte den Durchbruch. Viele Nebenfiguren waren Lübecker Bürgern nachgestaltet, was das Verhältnis Manns zu seiner Heimatstadt lange belastete. 1904 lernte er Katharina Pringsheim kennen, Tochter des Mathematikers Alfred Pringsheim. Die Hochzeit mit "Katia" fand am 11. Februar 1905 statt. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor: Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. 1909 erschien der zweite Roman Königliche Hoheit, 1912 die Novelle Der Tod in Venedig. Ein Besuch bei seiner Frau im Davoser Sanatorium gab den Anstoß zum Zauberberg, an dem er ab 1913 arbeitete.
Den Ersten Weltkrieg begrüßte Mann zunächst. Er verteidigte ihn in den Schriften Gedanken im Kriege (1914) und Friedrich und die große Koalition (1915) sowie ausführlich in den Betrachtungen eines Unpolitischen (1918). Damit brach er offen mit dem demokratisch gesinnten Bruder Heinrich. Die Ermordung Walther Rathenaus 1922 wurde mitauslösend für seine Wende. In der Rede Von deutscher Republik trat er erstmals öffentlich für die Weimarer Republik ein. Er wurde Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei und der Paneuropäischen Union. 1924 erschien Der Zauberberg, 1925 begann er mit Joseph und seine Brüder. Am 12. November 1929 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, den das Stockholmer Komitee fast ausschließlich mit den Buddenbrooks begründete.
Mit der "Deutschen Ansprache" am 17. Oktober 1930 im Berliner Beethoven-Saal warnte Mann eindringlich vor dem Nationalsozialismus. Eine Vortragsreise im Februar 1933 nach Amsterdam, Brüssel und Paris und ein anschließender Aufenthalt in Arosa wurden zum unfreiwilligen Beginn des Exils. Auf Drängen der Kinder Erika und Klaus kehrte die Familie nicht mehr nach München zurück. Haus und Konto wurden von der Bayerischen Politischen Polizei beschlagnahmt. Erste Station war Sanary-sur-Mer, dann Küsnacht bei Zürich. Am 19. November 1936 erhielt Mann die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, wenig später wurde ihm die deutsche aberkannt. Die Universität Bonn entzog ihm die Ehrendoktorwürde, worauf er mit dem berühmten Briefwechsel antwortete.
1938 übersiedelte die Familie endgültig in die USA. In Princeton erhielt Mann, vermittelt durch Agnes E. Meyer, eine Gastprofessur. 1941 zog die Familie nach Pacific Palisades in Kalifornien. Ab Oktober 1940 sprach er für die BBC die Radioansprachen Deutsche Hörer!, die per Langwelle ins deutsche Reichsgebiet ausgestrahlt wurden. 1944 nahm er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. In dieser Zeit entstanden Lotte in Weimar (1939) und der Doktor Faustus.
Nach dem Krieg vertrat Mann im offenen Brief Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre die These einer Kollektivschuld der Deutschen, was ihm Drohbriefe einbrachte. 1949 besuchte er anlässlich des Goethejahres sowohl Frankfurt am Main als auch Weimar. Dort nahm er den westdeutschen Goethe-Preis und den ostdeutschen Goethe-Nationalpreis entgegen, mit dem Satz, sein Besuch gelte "Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem". Vom Klima im McCarthy-Amerika zunehmend enttäuscht, kehrte er im Juni 1952 mit Frau und Tochter Erika in die Schweiz zurück. Er ließ sich zunächst in Erlenbach nieder, ab 1954 in einer eigenen Villa in Kilchberg am Zürichsee. Im Mai 1955 wurde er Ehrenbürger seiner Vaterstadt Lübeck. Am 12. August 1955 starb Thomas Mann achtzigjährig im Zürcher Kantonsspital an einer Ruptur der Bauchschlagader infolge Arteriosklerose. Beigesetzt wurde er am 16. August auf dem Friedhof Kilchberg.
Literarische Merkmale↑
Manns Bücher sind das Ergebnis jahrelanger, disziplinierter Kleinarbeit. Selten erfindet er frei. Weit häufiger geht er von realen Gegebenheiten, beobachteten Menschen und Erlebnissen aus. Schon die Figuren der Buddenbrooks haben Vorbilder in der eigenen Familie und im Lübecker Bürgertum. Auch in späteren Werken porträtiert er Verwandte, Freunde und Bekannte – bis hinein in seine Kinder, die ihm für die Joseph-Romane Modell standen.
Charakteristisch ist die skeptisch-ironische Distanz, die der Erzähler zu seinen Figuren wahrt. Typische Konstellationen kehren leitmotivisch wieder. Der Satzbau ist anspruchsvoll und syntaktisch komplex. Schon die frühen Künstlernovellen – Tristan und Tonio Kröger im Band von 1903 – bilden den Gegensatz von Kunst und Leben in einer immer kunstvolleren Form ab. Die zeitgenössische Kritik übersah dabei zunächst, dass diese Erzählungen Gleichnisse waren, so vermerkt die Deutsche Biographie. Vor allem durch die Ironie wurden die Individuen darin als gesellschaftliche Typen gezeichnet.
Mann selbst hat sich keiner literarischen Schule zugeordnet, weder der naturalistischen noch der neuromantischen, neuklassischen, symbolistischen oder expressionistischen. Er stand bewusst zwischen den Strömungen und schrieb: "Ich bin darum auch nie von einer Schule getragen, von Literaten selten gelobt worden." Mit dem Zauberberg führte er die Tradition des europäischen Bildungsromans fort. In der Joseph-Tetralogie verband er biblischen Stoff mit moderner Erzählkunst. Goethe und Tolstoi wurden ihm im Lauf der Jahre zu Leitbildern eines gesellschaftlich tätigen Humanismus. Innovative Stoffwahl, überraschende assoziative Verknüpfung und präzise sprachliche Ausführung machen seine Werke zu dem, was man – gelegentlich auch despektierlich – "bildungsbürgerlich" genannt hat.
Rezeption↑
Schon die Buddenbrooks wurden 1901 von Kritikern wie Samuel Lublinski, Rainer Maria Rilke und Gertrud Bäumer einhellig als Meisterwerk anerkannt. Mit dem Nobelpreis 1929 stand Mann auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Allerdings bezog sich das Stockholmer Komitee, namentlich der einflussreiche Fredrik Böök, fast ausschließlich auf den Erstlingsroman. Den Zauberberg hatte Böök mehrfach verrissen.
Manns großbürgerlicher Lebensstil, seine literarischen Erfolge und seine polemische Schärfe brachten ihm zahlreiche Feindschaften unter Kollegen ein. Robert Musil und Kurt Tucholsky bezeichneten ihn als "Großschriftsteller". Bertolt Brecht nannte ihn einen "regierungstreuen Lohnschreiber der Bourgeoisie". Alfred Döblin spottete, er erhebe "die Bügelfalte zum Kunstprinzip". Freundschaftlich verbunden war Mann dagegen mit Hermann Hesse, Hermann Broch und Jakob Wassermann. Marcel Reich-Ranicki hat das Verhältnis seiner Kollegen treffend zusammengefasst: "Dutzende von Schriftstellern erklärten, niemand sei ihnen gleichgültiger als der Autor des Zauberberg. Aber sie beteuerten es mit vor Wut und wohl auch Neid bebender Stimme."
Nach dem Zweiten Weltkrieg trübte sich das Verhältnis Manns zum westlichen Nachkriegsdeutschland. Sein offener Brief Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre und die These von der Kollektivschuld lösten Drohbriefe und Verrisse des Doktor Faustus aus. Erst nach Jahren stellte sich in der Bundesrepublik eine versöhnlichere Haltung ein. Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai sah in ihm sicher nicht den idealen, aber den ehrlichsten Deutschen, der mit dem Deutschen in sich "auf Leben und Tod" ringe. Der Literaturwissenschaftler Peter Pütz erklärte zum hundertsten Geburtstag, Manns Wirkung liege "nicht in der Nachfolge, sondern im Gegenentwurf". Bekennende Schüler habe er gerade darum nicht.
Zu Lebzeiten wurde Mann mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Die Deutsche Biographie verzeichnet unter anderem den Lübecker Professorentitel von 1926, Ehrendoktorate in Harvard, Princeton, Oxford und Bonn, die Ehrenbürgerschaften von Weimar (1949) und Lübeck (1955) sowie 1955 die Friedensklasse des Ordens Pour le Mérite. Heute zählt Thomas Mann zu den meistgelesenen und meistübersetzten deutschen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts.
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