1918
Betrachtungen eines Unpolitischen
Überblick↑
Mit den Betrachtungen eines Unpolitischen legte Thomas Mann 1918 ein fast sechshundert Seiten starkes Bekenntnisbuch vor. Er hatte drei Jahre lang während des Ersten Weltkriegs daran gearbeitet. Anders als sein Bruder Heinrich, der den Krieg ablehnte, unterstützte Thomas Mann die deutsche Kriegspolitik. Das Buch sollte diese Haltung begründen und sich vom pazifistischen Bruder abgrenzen. Der teils polemische Essayband wurde später von Vertretern der Konservativen Revolution aufgegriffen. Das galt vor allem dort, wo Thomas Mann den westlich-demokratischen Ideen Frankreichs und Großbritanniens eine eigene deutsche Geistesverfassung entgegenstellte. Den Kern bildet ein konstruierter Gegensatz zweier Begriffe: Kultur auf der deutschen Seite, Zivilisation auf der westlichen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Das Buch ist ein groß angelegter Essay über Kunst, Politik und das, was Thomas Mann für die deutsche Wesensart hält. Es entstand zwischen 1915 und 1918, parallel zur Arbeit am Zauberberg. Dieser wäre nach seinen eigenen Worten sonst von all diesen Gedanken überlastet worden.
Im Mittelpunkt steht ein Gegensatzpaar, das Thomas Mann durch alle Kapitel zieht: hier die »Kultur« mit Seele, Kunst und Freiheit, dort die »Zivilisation« mit Gesellschaft, Stimmrecht und Literatur. Die erste, so seine These, sei deutsch, die zweite westlich. Aus diesem Gegensatz erklärt er sich den Weltkrieg.
In den einzelnen Kapiteln nimmt sich Thomas Mann nacheinander große Themen vor: das Verhältnis von Künstler und Bürger, die Rolle des »Dreigestirns« Schopenhauer, Wagner und Nietzsche für sein eigenes Schreiben, den Begriff der Politik, die Tugend, die Menschlichkeit, den Glauben und schließlich die Ironie. Immer wieder grenzt er sich gegen eine Gestalt ab, die er den »Zivilisationsliteraten« nennt. Das ist ein Schriftsteller, der die westlichen Ideen von Demokratie und Fortschritt in Deutschland durchsetzen will. Hinter dieser Figur steht erkennbar der eigene Bruder.
Die Handlung im Detail↑
Eröffnet wird das Werk durch eine »Vorrede«, die der Entstehung nach das letzte Kapitel ist. Thomas Mann blickt darin auf die drei Jahre Arbeit zurück und nennt den Hauptgrund für das Buch: Ohne diese Auslagerung wäre der zugleich entstehende Zauberberg intellektuell überfrachtet worden. Zugleich räumt er ein, dass er gegen den eigenen Titel ein höchst politisches Buch geschrieben habe. Den geistigen Grundkonflikt, den er für die Ursache des Weltkriegs hält, fasst er in die berühmte Formel: »Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur.« Er bekennt sich darin auch zu der Verschwörungserzählung, »das internationale Illuminatentum, die Freimaurer-Weltloge« habe den Krieg der Zivilisation gegen Deutschland entfesselt.
In den kurzen Kapiteln »Der Protest«, »Das unliterarische Land« und »Der Zivilisationsliterat« beruft sich Thomas Mann auf Dostojewski. Wie dieser sieht er Deutschland als das Land, das immer schon gegen die römisch-katholische, westliche und literarische Welt protestiert habe. Luther habe diesem Protest den »gewaltigsten Ausdruck« gegeben. Deutschland sei nicht »wortliebend und wortgläubig«, sondern könne der westlichen Zivilisation nur seinen eigensinnigen Willen entgegensetzen. Das Ziel des »Zivilisationsliteraten« sei es dagegen, die Ideale der Demokratie auch in Deutschland durchzusetzen.
Das Kapitel »Einkehr« handelt vom »Dreigestirn« Schopenhauer, Wagner und Nietzsche und deren Einfluss auf das eigene Werk. Thomas Mann unternimmt eine »Generalrevision« dieser Lehrer im Sinne seiner neuen Front. Besonders Nietzsche reiht er in sein Freund-Feind-Schema ein: dessen Männlichkeit, Antifeminismus und Antidemokratismus seien zutiefst deutsch, ebenso seine Verachtung der »modernen Ideen« des 18. Jahrhunderts.
Im Kapitel »Bürgerlichkeit« verbindet er Künstlertum und Bürgertum. Er selbst sei wie der deutsche Bürger unpolitisch und national. Die Revolution von 1848 deutet er nicht als demokratischen Aufstand, sondern als »nationale Sturmflut« wie der August 1914. Er beruft sich auf eine monarchistische Rede Wagners von 1848 und auf Schopenhauer, der die Monarchie damit rechtfertigt, dass die Mehrheit des Volkes egoistisch und ungerecht sei und einen Herrscher über sich brauche.
»Gegen Recht und Wahrheit« ist eine ausführliche und sehr polemische Abrechnung mit Heinrich Mann und Romain Rolland, beide Pazifisten der ersten Stunde. Gegen sie verteidigt Thomas Mann seine eigenen Kriegsaufsätze.
Das mit Abstand längste Kapitel heißt »Politik«. Politik definiert Thomas Mann hier als Gegenteil des Ästhetizismus, für den Schiller, Flaubert, Schopenhauer, Tolstoi und Strindberg stehen. Ästhetizismus heiße, dass alles bloß Gesagte angreifbar bleibe und das Geistige nie ganz ernst genommen werde. Dass sich die Demokratie überall durchsetzt, auch in Deutschland, sieht er zwar, lehnt aber eine weitere Demokratisierung der Staatsverfassung auf Grund der Kriegsopfer ab. Eingestreut ist eine maßlose Polemik gegen Sigmund Freuds Psychologie, die seiner Ansicht nach nur dem Hass nützen könne.
»Von der Tugend« wendet sich gegen den dünkelhaften Gebrauch von Schlagwörtern wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Wahrheit, die der Zivilisationsliterat allein für sich beanspruche. »Einiges über Menschlichkeit« preist Leiden, Demut, Dienen und Gehorsam. Menschlichkeit sei das Wissen um die Schwäche und Erbärmlichkeit des Menschen; der Politiker wolle dem Leben dagegen jeden Ernst nehmen, etwa wenn er die Todesstrafe ablehne. Den Krieg lobt Thomas Mann als »Veredelung« und »Verfeinerung« des Menschen angesichts des Todes.
»Vom Glauben« stellt den Glauben des Zivilisationsliteraten gegen den Zweifel des Bürgers. Das bürgerliche Zeitalter habe mit dem Zweifel am autoritären christlichen Mittelalter begonnen. Wahrer Glaube sei nicht Glaube an Worte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie oder Fortschritt, sondern Glaube an Gott, an die Liebe, an das Leben und an die Kunst.
»Ästhetizistische Politik« vertieft den Gegensatz von Politiker und Ästhet. Der politische Künstler sei selbst ein Ästhet, allerdings ein falscher: seine Politik sei nur Mittel zum eigenen Erfolg, im Zweifel ziehe er sich hinter die Kunst zurück.
Im letzten Kapitel, »Ironie und Radikalismus«, verteidigt Thomas Mann sein eigenes, von Ironie geprägtes Schreiben gegen die sentimentale und intellektuelle Kunst des Zivilisationsliteraten. Diese Vorstellungen von Ästhetik blieben für sein gesamtes weiteres Schaffen gültig – auch dann noch, als er die polemische Verherrlichung des Krieges längst überwunden hatte.
Stil↑
Das Buch ist eine Folge großer Essays. Sie erstrecken sich über fast sechshundert Seiten und wechseln im Tonfall zwischen reflektierender Selbstbefragung und scharfer Polemik. Thomas Mann arbeitet mit weit ausholenden Sätzen und mit langen Zitaten von Dostojewski, Schopenhauer, Wagner und Nietzsche. Dazu kommen immer wiederkehrende Gegensatzpaare: Kultur und Zivilisation, Seele und Gesellschaft, Geist und Politik, Bürger und Literat. Aus dieser ständig neu variierten Begriffsmusik baut er sein Argument auf. Die persönliche Auseinandersetzung mit dem Bruder ist nie weit. Gegen einzelne Gegner wie Romain Rolland und Sigmund Freud schlägt der Ton ins offen Polemische um.
Rezeption↑
Aufgenommen wurde das Buch vor allem von Vertretern der Konservativen Revolution. Sie beriefen sich auf Thomas Manns geistesgeschichtliche Konstruktion eines deutschen Sonderwegs. Sein eigener Weg führte später in die entgegengesetzte Richtung. Die polemische Verherrlichung des Krieges überwand er. Doch die in den Betrachtungen entwickelten Vorstellungen von Ästhetik blieben für sein gesamtes weiteres Schaffen gültig, besonders die Verteidigung der Ironie.
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