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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Tonio Kröger
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Cover Tonio Kröger
Tonio Kröger
1903
– Werkseintrag –

Tonio Kröger

1903 · Novelle

Ein junger Dichter zwischen norddeutscher Kaufmannswelt und südlicher Sehnsucht, der die blonden, glücklichen Gewöhnlichen liebt und sich von ihnen doch immer ausgeschlossen fühlt.

Überblick

Mit der Novelle Tonio Kröger hat Thomas Mann eines seiner persönlichsten Werke vorgelegt. Sie entstand zwischen Dezember 1900 und November 1902 und wurde 1903 veröffentlicht. Der Titelheld trägt unverkennbar autobiografische Züge. Zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit sieht er einen unüberbrückbaren Gegensatz. In knapper, lyrisch durchwirkter Form erzählt die Novelle vom Leiden eines jungen Mannes. Er gehört weder dem hellen, einfachen Leben der „Blonden und Blauäugigen" an noch ist er in der kühlen Welt der reinen Kunst zu Hause.

Inhalt (ohne Spoiler)

Tonio Kröger wächst in einer alten Hansestadt an der Ostsee auf. Sein Vater ist ein norddeutscher Getreidegroßhändler, seine Mutter eine Südländerin. Schon als Vierzehnjähriger fühlt er sich anders als seine Mitschüler: Er liest Schiller, schreibt Verse und spielt Geige. Er sehnt sich nach der Freundschaft des blonden, sportlichen Hans Hansen, der ihm so unähnlich ist wie nur möglich. Zwei Jahre später verliebt er sich in der Tanzstunde in die ebenso blonde und unbekümmerte Inge Holm – wieder vergeblich.

Nach dem Tod des Vaters verlässt Tonio die Vaterstadt und geht nach München. Dort reift er zum anerkannten Schriftsteller heran. Doch der Erfolg hat einen Preis. Er fühlt sich zwischen geistiger Kälte und sinnlicher Glut hin- und hergeworfen und verachtet sich als Mensch. In einem langen Gespräch mit der befreundeten Malerin Lisaweta Iwanowna ringt er um eine Frage: Was macht den Künstler aus, und warum fühlt er sich vom „gewöhnlichen" Leben ausgeschlossen?

Eine Reise führt ihn schließlich zurück in den Norden – in seine alte Vaterstadt und weiter nach Dänemark. Was er dort erlebt und wie er mit seinen Erinnerungen und seinem Selbstbild ringt, bildet den eigentlichen inneren Wendepunkt der Novelle.

Die Handlung im Detail

Der vierzehnjährige Tonio Kröger ist der Sohn des angesehenen Getreidegroßhändlers Konsul Kröger und einer schönen, südländischen Mutter, von der er die dunklen Augen und das fremde Gesicht geerbt hat. Sein Vorname stammt von seinem Onkel Antonio. In der giebeligen Ostseestadt fühlt er sich unter den Schulkameraden fremd, bringt schlechte Zensuren nach Hause und schweift im Unterricht ab. Er liebt den blonden, blauäugigen Mitschüler Hans Hansen, einen unkomplizierten Sportler und Bastler. Hans duldet Tonios Werben, achtet seine Gabe, schwierige Dinge in Worte zu fassen, bleibt ihm im Innersten aber fremd. Tonio leidet.

Mit sechzehn besucht Tonio die Tanzstunde des aus Hamburg eigens angereisten, affektierten Ballettmeisters François Knaak, der mit seinen Nasallauten und seinem seidigen Gehrock Eindruck schindet. Tonio verliebt sich in die blonde, fröhliche Inge Holm, wagt aber nicht, sie anzusprechen, und sie übersieht ihn. Die ihm wesensverwandte, dunkeläugige Magdalena Vermehren, die sich für seine Verse interessiert und ihn bei der Damenwahl auffordert, kann ihn nicht trösten – er liebt eben Inge, die ihn für seine poetischen Neigungen vermutlich verachten würde.

Der Vater stirbt, das Geschäft wird aufgelöst, die Mutter heiratet einen Virtuosen mit italienischem Namen und folgt ihm in die Fremde. Tonio verlässt die Heimatstadt und geht nach München. Sein Verstand schärft sich, er beginnt, die Welt zu durchschauen und ihre Trivialität zu verspotten: „Komik und Elend – Komik und Elend." Da sein Herz tot und ohne Liebe sei, gerate er in Abenteuer des Fleisches, stürze sich in Wollust und heiße Schuld und leide unsäglich. Hin- und hergeworfen zwischen eisiger Geistigkeit und verzehrender Sinnenglut führt er ein erschöpfendes Leben. In dieser Zeit reift seine Künstlerschaft, sein Name wird in der literarischen Öffentlichkeit zur Formel für Vortrefflichkeit. Als Schaffender kann er sich akzeptieren, als Mensch nicht. Man müsse, so erkennt er, „gestorben sein, um ganz ein Schaffender zu sein".

Über Dreißig und berühmt, sucht Tonio die befreundete russische Malerin Lisaweta Iwanowna in ihrem Atelier auf, um mit ihr das Wesen des Künstlertums zu erörtern. Gefühl allein, so weiß er, reicht zur künstlerischen Gestaltung nicht; nur das in „kalten Ekstasen" kalkulierte Werk wirkt auf den Betrachter. Kälte und Einsamkeit sonderten den Künstler von der Menschheit ab, der vollkommene Künstler sei ein verarmter Mensch, der das Menschliche darstelle, ohne daran teilzuhaben. Und doch gesteht er Lisaweta eine „verstohlene und zehrende Sehnsucht nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit". Lisaweta hört zu und nennt ihn am Ende, halb scherzend, halb ernst: einen „verirrten Bürger".

Tonio will sich „auslüften" und nach Dänemark reisen. Es zieht ihn nach Seeluft, skandinavischer Küche, nach den nördlichen Namen, deren Klang ihn berührt – „einen Laut wie ‚Ingeborg', ein Harfenschlag makelloser Poesie". Auch seine alte Vaterstadt liegt auf dem Weg; nach dreizehn Jahren wird er sie zum ersten Mal wiedersehen.

In der Vaterstadt erkennt ihn niemand mehr. Er geht an Inge Holms Haus vorbei, bleibt vor der Villa der Hansens stehen, betritt das alte Vaterhaus und findet zu seiner Verwunderung eine Volksbibliothek darin eingerichtet. An der Hotelrezeption erregt sein zurückhaltendes Auftreten Verdacht: Ein Polizist hält ihn für einen gesuchten Hochstapler, der auf der Flucht von München nach Kopenhagen sei. Tonio führt keinen Pass mit sich, nur einige Geldscheine und den Korrekturabzug einer Novelle, in der sein Name gedruckt steht. Mit diesem Bogen legitimiert er sich, und es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet die Kunst, die ihn von den Bürgern trennt, ihn vor den Bürgern rettet.

Per Schiff fährt Tonio über die Ostsee nach Kopenhagen. Er erlebt das Meer seiner Kindheit, lässt den kalten Schaum wie eine Liebkosung über sein Gesicht spritzen. In Kopenhagen sieht er überall blaue Augen und blonde Haare, Gesichter wie in den Träumen, die er in der Vaterstadt geträumt hat. Er reist weiter nach Helsingör und von dort mit dem Wagen ins kleine Badehotel von Aalsgaard.

Dort, in der stillen dänischen Sommerfrische, ereignet sich der eigentliche innere Höhepunkt. Eines Tages trifft eine Schar Ausflügler ein, unter ihnen ein junges blondes Paar, das in Tonio wehmütige Erinnerungen an Hans Hansen und Ingeborg Holm weckt. Am Abend wird ein Ball veranstaltet, kommandiert von einem eitlen Festordner, der sein Französisch und seine Nasallaute wie einst François Knaak vorführt. Die alte Tanzstundenszene wiederholt sich unter veränderten Vorzeichen. Tonio steht auf der nächtlichen Terrasse und sieht den Tanzenden im Licht zu. Heimweh erschüttert ihn so heftig, dass er ins Dunkel zurückweicht, damit niemand das Zucken seines Gesichts sieht. Hätte er doch sein können wie Hans Hansen, frei vom Fluch der Erkenntnis, in seliger Gewöhnlichkeit leben und lieben! Doch noch einmal anfangen, das hülfe nichts: Es würde wieder so kommen, denn manche gingen mit Notwendigkeit in die Irre, weil es einen rechten Weg für sie gar nicht gebe. Und doch ist er glücklich wie damals – „denn sein Herz lebte".

Das neunte und letzte Kapitel besteht aus einem Brief an Lisaweta Iwanowna, in dem Tonio das Ergebnis seiner Selbstfindung zusammenfasst: „Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolgedessen ein wenig schwer." Die Künstler nennen ihn einen Bürger, die Bürger halten ihn für verdächtig. Er ahnt eine noch größere Laufbahn und verspricht Besseres: „Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde Besseres machen, Lisaweta, – dies ist ein Versprechen." Seine tiefste, verstohlenste Liebe gehöre den Blonden und Blauäugigen, den hellen Lebendigen, den Glücklichen und Gewöhnlichen. „Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit." Aus dem Leiden am eigenen Außenseitertum ist die Quelle des künftigen Werks geworden.

Stil

Die Novelle ist in neun knappe Kapitel gegliedert. Ihr Aufbau ist auf strenge Symmetrie angelegt. Die Tanzstunde der Jugend findet im dänischen Ballsaal ihr Echo. Der affektierte François Knaak kehrt im eitlen Festordner wieder. Die blonden Gestalten von Hans und Inge tauchen im Ausflüglerpaar erneut auf. Diese kunstvoll geknüpften Korrespondenzen werden durch wiederkehrende Leitmotive gestützt: die blauen Augen, das blonde Haar, das Meer, das Geigenspiel, die „Wonnen der Gewöhnlichkeit". So erhält der Text einen beinahe musikalischen Bauplan.

Thomas Manns Sprache wechselt zwischen feiner Ironie und lyrischem Ton. Im Bürgerlichen wie im Künstlerischen erkennt der Erzähler scharf die Komik und benennt sie mit kühler Distanz. In den Naturszenen, den Erinnerungen und Sehnsuchtsmomenten kippt der Satz ins Hymnische. Der innere Monolog und das ausführliche Gespräch mit Lisaweta Iwanowna rücken die Reflexion über das Künstlertum ins Zentrum. Die erzählerische Bewegung gerät dabei nicht ins Stocken.

Rezeption

Tonio Kröger gilt als eine der bekanntesten und meistgelesenen Erzählungen Thomas Manns. Seit langem steht sie im Kanon der deutschen Schullektüre. Der Literaturwissenschaftler Hans Rudolf Vaget urteilt 2001 zurückhaltend, es sei „keine völlig befriedigende, aber zweifellos eine bedeutende Erzählung". 1964 verfilmte Rolf Thiele den Stoff fürs Kino. Vor allem aber lebt das Werk durch seine Formel vom Künstler weiter, der „zwischen zwei Welten" steht. Sie ist zur stehenden Wendung geworden, mit der seither viele Außenseiter-Existenzen beschrieben werden.

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