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Werkseintrag · Der Tod in Venedig
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Cover Der Tod in Venedig
Der Tod in Venedig
1912
– Werkseintrag –

Der Tod in Venedig

1912 · Novelle

Ein berühmter Schriftsteller reist nach Venedig zur Erholung – und verliert dort an einem schönen Knaben am Strand alles, was sein strenges Leben bisher zusammengehalten hat.

Überblick

Die Novelle Der Tod in Venedig zählt zu den berühmtesten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur. Thomas Mann schrieb sie 1911. Zuerst erschien eine signierte Vorzugsausgabe von 100 Exemplaren, dann ein Vorabdruck in der Neuen Rundschau. Ab 1913 kam sie als Einzelband im S. Fischer Verlag heraus. Im Mittelpunkt steht Gustav von Aschenbach, ein berühmter, geadelter Schriftsteller von etwas über fünfzig Jahren. Sein streng auf Leistung gestelltes Leben gerät auf einer Reise nach Venedig aus den Fugen. Thomas Mann selbst nannte sein Werk die „Tragödie einer Entwürdigung". Es ist die Geschichte eines Mannes, der einem schönen Knaben verfällt und über dieser späten Leidenschaft Haltung und Selbstachtung verliert.

Inhalt (ohne Spoiler)

An einem Maitag des Jahres 1911 unternimmt der berühmte Schriftsteller Gustav von Aschenbach in München einen Spaziergang. Am Nördlichen Friedhof begegnet er einem fremd wirkenden Wanderer. Dessen Anblick weckt in ihm eine unerwartete Reiselust. Aschenbach ist seit langem verwitwet, lebt allein und ist gewohnt, sich seine Arbeit jeden Tag aufs Neue abzuringen. Er beschließt aufzubrechen.

Nach einem enttäuschenden Aufenthalt an der istrischen Adriaküste reist er weiter nach Venedig, eine Stadt, die er aus jungen Jahren kennt. Im Bäderhotel am Lido bezieht er Quartier. Dort fällt ihm in der Hotelhalle eine vornehme polnische Familie auf. Vor allem ein etwa vierzehnjähriger Knabe von vollendeter Schönheit zieht ihn an, den er bei sich Tadzio nennen hört. Der sonst so beherrschte Aschenbach beobachtet den Jungen täglich am Strand. Zunächst deutet er seine Faszination als ästhetisches Kennertum. Doch mit jedem Tag wird der Bann stärker.

Das schwüle Klima Venedigs bekommt ihm nicht, und einmal steht er schon im Begriff, abzureisen. Bald jedoch zeigt sich, dass über der Lagunenstadt mehr als nur ungesunde Luft liegt. Es gehen Gerüchte über eine Seuche um, der die Behörden geflissentlich nicht nachgehen. Aschenbach gerät immer tiefer in den Sog seiner Leidenschaft und in das gefährliche Geheimnis der Stadt.

Die Handlung im Detail

Anfang Mai 1911 spaziert Gustav von Aschenbach durch den Englischen Garten in München und gelangt bis zum Nördlichen Friedhof. Auf der Freitreppe zur Aussegnungshalle bemerkt er einen Mann in Wanderkleidung, der ihn so kriegerisch und gerade ins Auge anblickt, dass er sich abwendet. Im Weitergehen spürt er eine seltsame innere Ausweitung, eine schweifende Unruhe, die er als Reiselust deutet. Der über fünfzigjährige, längst verwitwete und allein lebende Schriftsteller, dessen Werk ihm Ruhm und den Adelstitel eingetragen hat, beschließt, etwas Abwechslung zu suchen. Sein Charakter wird beschrieben als der eines Mannes, der ohne robuste Natur jede Leistung der Selbstdisziplin abringen muss: Disziplin und Pflicht stammen von der preußisch-schlesischen Beamtenseite des Vaters, die künstlerische Anlage vom musikalischen Großvater mütterlicherseits.

Nach Triest und Pola landet Aschenbach zunächst auf einer Insel an der istrischen Adriaküste. Der Strand bleibt unter seinen Erwartungen. Einer plötzlichen Eingebung folgend nimmt er das Schiff nach Venedig. An Bord fertigt ihn ein schmieriger Zahlmeister mit phrasenhaften Reden ab, und an Deck beobachtet er mit Widerwillen einen grell geschminkten Alten, der sich an eine Gruppe junger Männer hängt und sich durch Trinken, Rauchen und anzügliche Bemerkungen jugendlich gibt. In Venedig will Aschenbach mit der Gondel zur Vaporetto-Station, doch der einsilbige Gondoliere rudert ihn eigenmächtig zum Lido. Während Aschenbach kurz Geld wechseln geht, verschwindet der Mann; ein Helfer erklärt, der Gondoliere sei der einzige ohne Lizenz gewesen.

Abends entdeckt Aschenbach in der Hotelhalle am Tisch einer polnischen Familie einen langhaarigen Knaben „von vielleicht vierzehn Jahren", der ihm vollkommen schön erscheint. Er rechtfertigt sich seine Faszination als ästhetisches Urteil und beruft sich auf eine Kunstauffassung, die das Sinnliche der Kunst leugnet. Doch von Tag zu Tag wird die Bewunderung stärker. Das schwüle Wetter, die Mischung aus Seeluft und Scirocco macht ihm zu schaffen; Schweiß- und Fieberanfälle treiben ihn schließlich zur Abreise. Auf dem Bahnhof zeigt sich, dass sein Koffer irrtümlich nach Como geschickt wurde. Aschenbach nimmt diese Komplikation zum willkommenen Vorwand und kehrt ins Hotel zurück. In sich hineinblickend gesteht er sich ein, dass ihm Tadzios wegen der Abschied so schwer gefallen ist. Als das Gepäck zwei Tage später eintrifft, denkt er nicht mehr ans Aufbrechen.

Nun gibt sich der sonst kühle Aschenbach seinem Gefühl ganz hin. Er verfolgt die polnische Familie durch Venedig und imaginiert in antikisierender Sprache Gespräche, wie Sokrates sie mit dem jungen Phaidros über die Schönheit geführt hat. Das vierte Kapitel mündet in das Geständnis „Ich liebe dich!" – obwohl er kurz zuvor gesehen hat, wie Tadzio wie Narziss in den Spiegel des Wassers lächelte.

Im fünften Kapitel erreicht eine aus Indien kommende Cholera-Epidemie Venedig. Mehrere Versuche, sich bei Einheimischen über die Seuche zu informieren, scheitern; selbst der diabolisch wirkende Anführer einer Bande von Straßenmusikanten, die abends vor den Hotelgästen auftritt, gibt keine Auskunft. Die örtlichen Behörden vertuschen die Lage, um keinen internationalen Skandal zu provozieren. Erst der Angestellte eines englischen Reisebüros klärt Aschenbach auf. Doch der von seiner Leidenschaft Heimgesuchte verwirft den Gedanken, Tadzios Mutter zu warnen – er ertrüge die Trennung nicht.

Aschenbach verliert nun alle Selbstachtung. Beim Coiffeur lässt er sich die Haare färben, das Gesicht schminken und steht damit auf derselben Stufe wie jener geckenhafte Alte, den er auf der Hinreise mit Abscheu gemustert hatte. In einem nächtlichen Traum gerät er unter die zügellos feiernden Anhänger eines Dionysos-Kultes und ist mitten unter ihnen, als „seine Seele Unzucht und Raserei des Unterganges kostete". Auf einem Streifzug durch die Gassen kauft er überreife Erdbeeren und isst sie. Tage später sinkt er an seinem Strandstuhl in sich zusammen und beobachtet Tadzio ein letztes Mal am Meer. Dem Sterbenden scheint, der Knabe lächle und winke ihm zu und deute mit der anderen Hand hinaus aufs offene Meer. „Und, wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen." Aschenbach stirbt an der Cholera.

Stil

Thomas Mann hat seine Novelle selbst die „Tragödie einer Entwürdigung" genannt und den Begriff Tragödie wörtlich gemeint. Das Werk übernimmt mehrere klassizistische Bauformen. Die fünf Kapitel entsprechen den fünf Akten des klassischen Dramas mit der horazischen Gliederung in Exposition, Komplikation, Peripetie, Retardation und Katastrophe. Über die Handlung legt sich eine mythologische Tiefenperspektive. Vielfach verweist der Erzähler auf Platons Dialog Phaidros. Im vierten Kapitel nimmt die Prosa selbst einen antikisierenden Sprachrhythmus an. Die Straßenmusikanten parodieren den Chor der griechischen Tragödie und erinnern an den Ursprung des Theaters im Dionysos-Kult.

Im Zentrum steht die Künstlerproblematik. Aschenbach hat sich Ruhm und Größe asketisch erkämpft, ohne menschliche Bindung. Am Bild des androgynen Knaben gerät er in einen Rausch, den er sich philosophisch zu rechtfertigen versucht. Im imaginierten Phaidros-Dialog gesteht Aschenbach zugleich die Scharlatanerie alles Künstlerischen ein: Die meisterhafte Form sei Lüge, der Weg über die Sinne führe nicht zur Weisheit, sondern zum Abgrund.

Ein durchgehendes Motiv ist der Todesbote, der in wechselnder Gestalt auftritt: der fremde Wanderer vor der Friedhofshalle, der gespenstische Zahlmeister auf dem Schiff, der lizenzlose Gondoliere, der wie Charon über die Lagune setzt, und der freche Anführer der Straßenmusikanten. Alle vier werden ähnlich beschrieben: fremd, rothaarig, bartlos, schmächtig, mit vorspringendem Adamsapfel, bleich und stumpfnäsig. Im Schlussbild wird auch Tadzio zur Todesbote-Gestalt, zu einer Hermes-Figur, die die Seele des Sterbenden hinausgeleitet. Hinzu treten zahlreiche kleinere Todeszeichen: der Name Aschenbach, der „Asche in einen Bach" anklingen lässt; die Gondel, die schwarz wie ein Sarg ist; der Fieberdunst der Lagune; das Meer als Bild des Maßlosen und Ewigen; der Granatapfelsaft, der auf den Persephone-Mythos anspielt. Über allem steht der Gegensatz zwischen apollinischer Zucht und dionysischer Entgrenzung. Er kulminiert in Aschenbachs nächtlichem Traum.

Rezeption

Die Novelle Der Tod in Venedig gilt als eine der bekanntesten deutschsprachigen Novellen. Sie hat eine außergewöhnliche Wirkungsgeschichte erfahren. Besonders prominent ist Luchino Viscontis Verfilmung Tod in Venedig von 1971. Sie machte das Werk einem breiten internationalen Publikum vertraut. Hinzu kommen mehrere dramatisch-musikalische Bearbeitungen unter den Titeln Death in Venice, Dood in Venetië und Morte a Venezia. Die Novelle hat sich damit als ein Stoff erwiesen, der Literatur, Film und Musiktheater gleichermaßen geprägt hat.

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