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Porträt Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé
1861 – 1937
– Autorenporträt –

Lou Andreas-Salomé

1861 – 1937 · 75 Jahre

Lou Andreas-Salomé war Schriftstellerin und Psychoanalytikerin der Jahrhundertwende, bekannt durch ihr Werk über Religion, Philosophie und Psychoanalyse ebenso wie durch ihre engen Verbindungen zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud.

Kurzbiografie↑

Als Schriftstellerin, Essayistin und Psychoanalytikerin gehört Lou Andreas-Salomé zu den bemerkenswerten Frauengestalten der Jahrhundertwende. Geboren 1861 in Sankt Petersburg als Tochter einer russisch-deutschen Familie, führte sie ein ungewöhnlich unabhängiges, reisefreudiges Leben. Sie schrieb über Religion, Philosophie und Kultur, verfasste Romane und Essays und wandte sich in ihren späteren Jahren der Psychoanalyse zu. Bekannt wurde sie ebenso durch ihr Werk wie durch ihre engen Verbindungen zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud. Sie starb 1937 in Göttingen.


Biografie↑

Louise von Salomé kam am 12. Februar 1861 als jüngstes von sechs Kindern und einziges Mädchen in Sankt Petersburg zur Welt. Ihr Vater Gustav von Salomé stammte von südfranzösischen Hugenotten ab und machte in der russischen Armee eine militärische Karriere bis in den Generalstab; 1831 wurde er in den Adelsstand erhoben. Die Mutter Louise, geborene Wilm, war norddeutsch-dänischer Herkunft. In der wohlhabenden, kulturell vielseitigen Familie wurden drei Sprachen gesprochen: Deutsch, Französisch und Russisch. Biographen sehen in dieser glücklichen Kindheit die Grundlage für ihre intellektuelle Neugier und ihre innere Unabhängigkeit.

Als junge Frau geriet sie in Spannung zu ihrer streng protestantischen Familie: Sie verweigerte die Konfirmation und trat 1877 aus der Kirche aus. Ein Jahr später starb ihr Vater. Über eine Cousine lernte sie den niederländischen Pastor Hendrik Gillot kennen, bei dem sie Unterricht in Philosophie, Literatur und Religion nahm. Gillot gab ihr den Namen „Lou“, den sie zeitlebens behielt. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, lehnte sie ab und brach den Kontakt ab. Im Herbst 1880 zog sie mit ihrer Mutter nach Zürich und hörte dort als Gasthörerin Vorlesungen in Philosophie und Theologie. Laut der Neuen Deutschen Biographie studierte sie bei Alois Emanuel Biedermann Religionsgeschichte und Philosophie. Ein Lungenleiden zwang sie, das Studium zu unterbrechen; zur Heilung reiste sie in ein wärmeres Klima und traf im Februar 1882 in Rom ein.

In Rom fand sie über ein Empfehlungsschreiben Zugang zum Kreis der Schriftstellerin Malwida von Meysenbug. Dort begegnete sie dem Philosophen Paul Rée und bald darauf Friedrich Nietzsche. Beide Männer machten ihr Heiratsanträge, beide wies sie zurück; mit Rée verband sie eine enge Freundschaft. Sie entwarf das Wunschbild einer Arbeitsgemeinschaft zu dritt, ihrer „Dreieinigkeit“, die alle drei zum gemeinsamen Studieren und Schreiben zusammenführen sollte. Dieser Plan scheiterte an der Eifersucht der Männer. Den Sommer 1882 verbrachten Nietzsche und Salomé philosophierend in Tautenburg. Die Beziehung endete nach einer letzten Begegnung im Herbst 1882 in Leipzig. Nietzsche reagierte danach mit Verzweiflung und heftigen Vorwürfen; die beiden sahen sich nie wieder. In ihrem Buch Nietzsche in seinen Werken von 1894 versuchte sie später, den Denker durch den Menschen zu erläutern.

Mit Paul Rée lebte sie von 1882 bis 1885 freundschaftlich in Berlin zusammen. In diesem Kreis von Wissenschaftlern war sie die einzige Frau. 1885 erschien unter dem Pseudonym Henri Lou ihr erster Roman Im Kampf um Gott, der die Frage behandelt, was geschieht, wenn der Mensch seinen Glauben verliert. Die Kritiken waren gut, das Pseudonym wurde bald durchschaut, und der Erfolg machte sie in Berlin bekannt.

Im August 1886 lernte sie in Berlin den fünfzehn Jahre älteren Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen, der entschlossen war, sie zu heiraten, und seine Absicht durch einen Suizidversuch vor ihren Augen unterstrich. Nach längeren inneren Kämpfen willigte sie 1887 ein, stellte aber die Bedingung, die Ehe niemals sexuell zu vollziehen. Die schwierige, widersprüchliche Ehe erwies sich als überraschend haltbar. Salomé führte fortan ein Leben in zwei Hälften: eine bürgerliche mit Ehemann und häuslichen Pflichten, daneben ein unabhängiger Bereich mit Reisen und gelegentlichen Liebhabern. Nachdem Andreas 1903 auf einen Lehrstuhl an der Universität Göttingen berufen worden war, lebte das Paar dort im eigenen Haus, das sie „Loufried“ nannte.

Nach ihrer Heirat knüpfte sie Kontakte zum Friedrichshagener Dichterkreis und zur Freien Volksbühne, die dem Naturalismus nahestanden. In diesem Umfeld verkehrten unter anderen Gerhart Hauptmann, Maximilian Harden, Wilhelm Bölsche, Richard Dehmel und Frank Wedekind. Ihr Interesse galt den Dramen Henrik Ibsens und der Frage, wie eine Ehe der Selbstverwirklichung der Frau Raum lassen könne. Ihr Buch Henrik Ibsens Frauengestalten von 1892 festigte ihren Ruf als beachtenswerte Autorin.

Eine entscheidende Wende brachte 1897 die Begegnung mit Rainer Maria Rilke in München. Er verehrte die ältere Frau überschwänglich, und auch sie war heftig verliebt, behielt jedoch die Beherrschung. Sie drängte ihn, an seinem allzu pathetischen Ausdruck zu arbeiten, veranlasste ihn, seinen Vornamen René in Rainer zu ändern, machte ihn mit dem Denken Nietzsches bekannt und lenkte sein Interesse auf Russland. 1899 und 1900 unternahmen sie zwei gemeinsame Russlandreisen, bei denen sie auch Tolstoi besuchten; die Eindrücke sollen in Rilkes Stundenbuch ihren Niederschlag gefunden haben. Beunruhigt durch Rilkes seelische Anfälle beendete sie 1901 die Liebesbeziehung mit einem Abschiedsbrief. Aus ihr wurde eine enge Freundschaft, die bis zu Rilkes Tod 1926 anhielt.

Ihre letzten fünfundzwanzig Jahre prägte die Begegnung mit Sigmund Freud, den sie 1911 auf dem psychoanalytischen Kongress in Weimar kennenlernte. Von 1912 bis 1913 hielt sie sich in Wien auf, hörte Freuds Vorlesung und nahm an seinen Sitzungen teil; sie nannte diese Zeit ihr psychoanalytisches Studienjahr. Freud schätzte sie hoch und nannte sie die „Dichterin der Psychoanalyse“. Auf seinen Rat wurde sie Psychoanalytikerin: 1915 eröffnete sie in ihrem Göttinger Wohnhaus die erste psychoanalytische Praxis der Stadt, 1922 wurde sie in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen, und 1923 wirkte sie in Königsberg als Lehranalytikerin. Zum 75. Geburtstag Freuds schrieb sie 1931 den offenen Brief Mein Dank an Freud.

1930 starb ihr Ehemann an einem Krebsleiden, nachdem sich die beiden nach langer Sprachlosigkeit wieder näher gekommen waren. Vor einer Krebsoperation 1935 gab Salomé ihren letzten Patienten ab. Am Abend des 5. Februar 1937 starb sie im Schlaf in Göttingen. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie eingeäschert und im Grab ihres Mannes auf dem Göttinger Stadtfriedhof beigesetzt. Wenige Tage nach ihrem Tod ließ die Gestapo ihre Bibliothek beschlagnahmen, mit der Begründung, sie habe als Mitarbeiterin Freuds eine „jüdische Wissenschaft“ betrieben.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für ihr Schreiben ist die enge Verbindung von eigenem Leben und geistiger Arbeit. Laut der Neuen Deutschen Biographie verarbeiten ihre Werke nachdenkend ein Leben, das den wesentlichen Erscheinungen seiner Gegenwart zugewandt war – von den Jugendgedichten über Erzählungen, die sich mit dem kindlichen und jugendlichen „Zwischenland“-Alter beschäftigen, bis zu den eigenständigen Deutungen der Werke ihrer Freunde. Als besonders gelungen gilt dort der Lebensrückblick, den sie als einsam gewordene, über siebzigjährige Frau verfasste.

Ihre Themen lagen früh im Bereich der Religion, der Philosophie und der Kulturwissenschaft. Schon ihr erster Roman kreiste um den Verlust des Glaubens, ein Problem, mit dem sie sich in ihrer eigenen Jugend hatte auseinandersetzen müssen. In ihren Ibsen-Studien fragte sie nach den Bedingungen einer Ehe, die der Selbstverwirklichung der Frau Raum lässt. Auch der Psychoanalyse gab sie eine eigene Prägung: Sie deutete deren Begriffe eigenwillig und in vorwiegend poetischer, literarischer Form. Freud akzeptierte diese Ausdeutung ohne Widerspruch und unterschied sie von sich selbst mit den Worten, sie sei die „Dichterin der Psychoanalyse“, während er Prosa schreibe.


Rezeption↑

Bereits ihre frühen Bücher fanden Anerkennung: Der Erstlingsroman erhielt gute Kritiken, und die Studie über Ibsens Frauengestalten wurde einhellig gelobt. Anna Freud sagte später über ihr Nietzsche-Buch, Andreas-Salomé habe damit die Psychoanalyse vorweggenommen. Sigmund Freud erinnerte in seinem Nachruf von 1937 daran, dass sie dem im Leben hilflosen Dichter Rilke „zugleich Muse und sorgsame Mutter“ gewesen sei.

Ihr Nachleben ist bis heute stark von den Männern geprägt, mit denen ihr Weg sich kreuzte. Zahlreiche Biographien stellen sie als Weggefährtin von Nietzsche, Rilke und Freud vor. Zu den umfangreicheren Darstellungen zählen die Bücher von H. F. Peters, Cordula Köpcke, Linde Salber, Werner Ross und Kerstin Decker. Daneben rückt die Forschung sie zunehmend als eigenständige Autorin und als Pionierin der Moderne in den Blick, etwa in Arbeiten von Christiane Wieder und Cornelia Pechota. An sie erinnern in Göttingen eine Gedenktafel, ein nach ihr benannter Weg und ein psychoanalytisches Institut, das ihren Namen trägt. 2016 verfilmte Cordula Kablitz-Post ihr Leben unter dem Titel Lou Andreas-Salomé.

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