Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ruth
Eingang · Werke · Ruth
Cover Ruth
Ruth
1895
– Werkseintrag –

Ruth

1895 · Roman

Die sechzehnjährige Waise Ruth unterwirft sich ganz der strengen Erziehung ihres Lehrers Erik, um sich geistig zu entfalten – doch das weckt in seinem Haus Gefühle, die sie so nicht gewollt hat.

Überblick↑

Der Roman Ruth von Lou Andreas-Salomé erschien 1895 bei der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger in Stuttgart. Die Geschichte spielt in und um St. Petersburg im ausklingenden 19. Jahrhundert. Sie erzählt von der Beziehung zwischen der sechzehnjährigen Ruth und ihrem Lehrer Erik. Im Mittelpunkt stehen die Geschlechterrollen jener Zeit und die Frage, was Emanzipation für eine junge Frau bedeuten kann. Die Handlung ist an eigene Erfahrungen der Autorin angelehnt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Ruth, eine sechzehnjährige Waise, die bei Onkel und Tante in St. Petersburg lebt. Ihr Lehrer Erik wird auf sie aufmerksam, weil sie sich von ihren Mitschülerinnen abhebt: Sie erfindet Geschichten, hinterfragt Gewohnheiten und verbindet kindliche Naivität mit auffälliger Klugheit. Als Erik eine Hausarbeit von ihr entdeckt, die sie statt in einem Aufsatz in gedichteten Versen verfasst hat, wird sein Interesse geweckt.

Ruth verlässt die Mädchenschule und nimmt Einzelunterricht bei Erik. Auf ihren Wunsch findet dieser in Eriks Landhaus außerhalb der Stadt statt, wo auch seine bettlägerige Frau Klare-Bel und der gemeinsame Sohn Jonas leben. Ruth vergöttert ihren Lehrer und ist bereit, sich seiner strengen Erziehung ganz zu unterwerfen, um ihre Fähigkeiten zu entfalten. Doch was sie als Weg zu geistiger Reife versteht, weckt in Eriks Haus Gefühle und Erwartungen, die sie so nicht gewollt hat. Der Roman führt die verschiedenen Vorstellungen von Liebe, Unterordnung und Selbstbehauptung eng aneinander.

Die Handlung im Detail↑

Der Lehrer Erik wird auf die sechzehnjährige Ruth aufmerksam. Zunächst belauscht er ein Pausengespräch, in dem Ruth durch frei erfundene Geschichten über Beziehungen zu Männern im Mittelpunkt ihrer Mitschülerinnen steht. In der nächsten Stunde fällt sie ihm erneut auf, weil sie eine Hausarbeit in gedichteten Versen statt als Aufsatz abgegeben hat.

Ruth verlässt die Mädchenschule und nimmt Einzelunterricht bei Erik. Mit Erlaubnis ihres Onkels und ihrer Tante findet der Unterricht in Eriks Landhaus außerhalb von St. Petersburg statt. Dort leben auch Eriks bettlägerige Frau Klare-Bel und der gemeinsame Sohn Jonas, der ebenso alt ist wie Ruth. Im Verlauf der Geschichte zieht Ruth ganz zu Eriks Familie.

Ruth vergöttert Erik und ist bereit, sich ihm zu unterwerfen, um an seiner strengen Erziehung zu wachsen. Erik aber begreift nach und nach, dass er sie nicht nur als gefügige Schülerin sieht, sondern als Frau begehrt. Auch sein Sohn Jonas verliebt sich in Ruth. Jonas will sie zunächst in kindlichen Rollenspielen zur Frau haben, was Ruth ablehnt; er ist bald eifersüchtig auf den Vater, mit dem sie lieber Zeit verbringt.

Erik schickt Ruth zum Studium nach Heidelberg und gibt sie in die Obhut eines Studienfreundes, der dort inzwischen Professor für Medizin ist. Nach einigen Monaten büxt sie aus und kehrt unangekündigt zu Eriks Haus zurück. Inzwischen ist Klare-Bel ausgezogen: Erik hat ihr seine Liebe zu Ruth gestanden. Sie verurteilt ihn nicht, will sich ihm aber nicht länger unterordnen, wenn dies nicht mehr Ausdruck gegenseitiger Liebe ist. Im Haus angekommen, sprechen erst Jonas, dann Erik aus, dass sie Ruth jeweils zur Frau nehmen wollen. Ruth ist überrascht und ernüchtert. Sie hatte als Schwester oder Tochter Teil der Familie sein wollen, nicht als Ehefrau. Noch am selben Tag reist sie ohne Abschied wieder ab.

Stil↑

Getragen wird die Erzählung von einer genauen Beobachtung des Seelenlebens ihrer Figuren. Zeitgenössische Rezensenten hoben die psychologische Feinheit hervor, mit der Andreas-Salomé ihre Gestalten zeichnet. Sichtbar wird das an den Nebenfiguren, die den Konflikt weiter ausleuchten: Klare-Bel findet ihr Glück gerade in der Unterordnung unter den Mann, während die junge Witwe Warwara Michailowna Eriks Vorstellung von Liebe klug und selbstbewusst widerspricht.

Die Deutung der Figur Erik greift auf Gedanken Friedrich Nietzsches zurück, denn an ihm wird die Idee des Übermenschen verhandelt. Auch der sprachliche Ton der Erzählung wurde als von Nietzsche geprägt beschrieben. Erik selbst versteht sich weniger als Lehrer denn als „Menschengestalter“ und glaubt sein Handeln an höheren Idealen ausgerichtet – eine Selbstsicht, die der Roman leise unterläuft.

Rezeption↑

Aufgenommen wurde der Roman bei seinem Erscheinen mit Interesse. Zwischen 1895 und 1928 kam er in zehn Auflagen zu je tausend Exemplaren heraus. Die Publizistin Elisabeth Hamann nannte die Erzählung ein „novellistisches Curiosum“, und der Rezensent Hans Pauli beschrieb Andreas-Salomé als eigenartige, schwer zugängliche Schriftstellerin. Zeitgenössische Kritiker rückten das Werk in die Nähe von Nietzsches Denken. Rainer Maria Rilke, Sigmund Freud und Fritz Mauthner lasen den Roman mit Begeisterung.

Bekannter als ihr Werk blieb bis heute die Person der Autorin, die als Vertraute und Geliebte berühmter Männer wie Freud und Nietzsche im Gedächtnis ist. Die Schriftstellerin und Journalistin Mithu Sanyal führt das auch darauf zurück, dass Andreas-Salomé kein Vorbild für die Frauenbewegung war. Zwar führte sie selbst ein selbstbestimmtes Leben, setzte sich aber nicht für die Emanzipation aller Frauen ein, etwa durch die Forderung nach dem Frauenwahlrecht. So bemühte sich auch die zweite Welle der Frauenbewegung nicht um die Wiederentdeckung ihres Werkes, wie es bei Autorinnen wie Virginia Woolf oder Charlotte Perkins Gilman geschah. Ihre Figuren Ruth, Klare-Bel und Warwara taugen denn auch nicht als feministische Vorbilder, behaupten sich aber jede auf ihre Weise gegen Eriks Zugriff.

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