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Werkseintrag · Die Hauptmannstochter
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Die Hauptmannstochter
1836
– Werkseintrag –

Die Hauptmannstochter

1836 · Roman

Russland 1774: Ein junger Offizier verliebt sich in die Tochter seines Hauptmanns – und gerät zwischen die Fronten des Pugatschow-Aufstandes.

Überblick

Mit der Hauptmannstochter legte Alexander Puschkin 1836 seinen letzten Prosatext vor. Es ist ein historischer Roman, an dem er mehr als dreieinhalb Jahre gearbeitet hatte. Er erschien im vierten Band der Literaturzeitschrift Sowremennik. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Offizier Pjotr Grinjow und Mascha, der Tochter eines Festungshauptmanns an der Steppengrenze des Russischen Reiches. Den Hintergrund bildet der Pugatschow-Aufstand von 1774. Schon 1848 brachten zwei deutsche Übersetzer den Roman fast gleichzeitig heraus: Christian Gottlob Tröbst in Jena und Wilhelm Wolfsohn in Leipzig.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der siebzehnjährige Adelssohn Pjotr Grinjow soll seinen Militärdienst antreten. Der Vater schickt ihn in die ferne Festung Belogorskaja an der Kirgisensteppe. Schon auf der Reise gerät er in einen Schneesturm. Sein Leben verdankt er einem fremden Wanderer, dem er aus Dankbarkeit seinen Hasenpelz schenkt. Die Tragweite dieser Begegnung zeigt sich erst später.

Die kleine, schlecht befestigte Festung befehligt der gutmütige Hauptmann Mironow seit zwanzig Jahren. Dort lernt Pjotr dessen Tochter Mascha kennen und verliebt sich in sie. Bald hat er einen Rivalen: den nach Belogorskaja strafversetzten Offizier Schwabrin, der Mascha selbst nachstellt. Aus Eifersucht und Streit wird ein Duell. Ein verweigerter Vatersegen erschwert die geplante Heirat.

Während die jungen Leute um ihre Zukunft ringen, zieht im Hintergrund eine ungleich größere Bedrohung herauf. Der Don-Kosak Jemeljan Pugatschow gibt sich als der ermordete Zar Peter III. aus. Er sammelt Tausende um sich und erobert eine Festung nach der anderen. Bald steht sein Heer vor den Toren Belogorskajas. Der Roman verknüpft die private Liebesgeschichte mit den Wirren eines blutigen Aufstandes. Seinen Helden stellt er vor Entscheidungen zwischen Eid, Liebe und schierem Überleben.

Die Handlung im Detail

Pjotr Andrejewitsch Grinjow, Sohn eines Gutsbesitzers und ehemaligen Premiermajors im Gouvernement Simbirsk, wächst als einziges überlebendes von neun Kindern auf. Sein Erzieher ist der treue Reitknecht Saweljitsch, der ihm Lesen und Schreiben beibringt; der Franzose Beauprès lehrt ihn das Degenfechten. Mit siebzehn wird er vom Vater fortgeschickt – nicht in die Garde nach Petersburg, sondern in den Dienst nach Orenburg. In Simbirsk verliert er bei Rittmeister Surin am Billardtisch hundert Rubel, was den treuen Saweljitsch in Verzweiflung stürzt.

Auf der Weiterreise gerät die Kutsche in einen Schneesturm. Ein leicht gekleideter Wanderer führt sie in eine Herberge. Pjotr schenkt ihm zum Dank seinen Hasenpelz und ein Glas Branntwein – ohne zu ahnen, wen er da vor sich hat. In Orenburg wird er nicht in der Stadt eingesetzt, sondern in die vierzig Werst entfernte Festung Belogorskaja am Rand der Kirgisensteppe versetzt: ein Dorf hinter einem Bretterzaun, befehligt vom alten Hauptmann Iwan Kusmitsch Mironow, dessen Frau Wassilissa Jegorowna in Wahrheit das Sagen hat. Hier lebt auch ihre Tochter Marja, genannt Mascha.

Der ebenfalls in der Festung dienende Offizier Schwabrin – wegen eines Duells dorthin strafversetzt – freundet sich mit Pjotr an, redet aber zugleich schlecht über Mascha. Als Pjotr Schwabrins Verleumdungen widerspricht, kommt es zum Duell. Wassilissa Jegorowna versucht das Treffen zu verhindern, scheitert aber. Während des Kampfes ruft Saweljitsch seinen Herrn; Pjotr wendet sich um, und Schwabrin trifft ihn mit einem Degenstoß unterhalb der rechten Schulter. Im Hause Mironow wird Pjotr gesundgepflegt. Er gesteht Mascha seine Liebe, sie erwidert sie. Doch der Vater versagt schriftlich den Segen zur Heirat – er hat vom Duell erfahren, vermutlich durch eine Denunziation Schwabrins, der bei Mascha selbst zuvor abgeblitzt war. Pjotrs Vater will den Sohn sogar versetzen lassen.

Inzwischen erhebt sich der Raskolnik Jemeljan Pugatschow, der sich nach der Ermordung des Generalmajors Traubenberg an die Spitze der Jaik-Kosaken stellt und sich als der überlebende Zar Peter III. ausgibt. Er nimmt die nahe Festung Nishneosjornaja ein und lässt dort alle russischen Offiziere hängen. Mironow versucht noch, einen gefangenen Baschkiren zu verhören, doch dessen Zunge ist verstümmelt. Belogorskaja wird eingekesselt, ehe Mascha in Sicherheit gebracht werden kann. Die Garnison wirft die Gewehre weg, Hauptmann Mironow wird gehängt, seine Frau erschlagen. Mascha kann sich beim Popen verstecken.

Vor Pjotr steht in Pugatschow plötzlich der einstige Wanderer aus dem Schneesturm wieder. Aus Dankbarkeit für Hasenpelz und Branntwein begnadigt der Aufrührer ihn und lässt ihn ziehen. Schwabrin dagegen schlägt sich auf die Seite Pugatschows und erhält das Kommando über Belogorskaja – Mascha bleibt in seiner Gewalt. Pjotr reitet nach Orenburg und versucht, einen Entsatzzug zu erwirken, doch der General lehnt ab. Als ihn die Nachricht erreicht, Schwabrin wolle Mascha zur Heirat zwingen, bricht er allein auf. Unterwegs läuft er Pugatschow erneut in die Arme und gesteht ihm offen, was er vorhat. Der falsche Zar fährt sogar mit nach Belogorskaja und schenkt Mascha die Freiheit. Erst jetzt verrät der wutentbrannte Schwabrin, dass Mascha die Tochter Mironows ist – jenes Hauptmanns, den Pugatschow hängen ließ. Doch wem Pugatschow einmal die Freiheit zugesprochen hat, dem nimmt er sie nicht wieder.

Pjotr will Mascha zu seinen Eltern bringen, trifft unterwegs aber auf das Detachement seines alten Bekannten Surin und bleibt bei der Truppe; Saweljitsch geleitet Mascha allein weiter. Pugatschow wird schließlich geschlagen, flieht nach Sibirien, sammelt dort Sträflinge und wird doch noch gefangen genommen. Pjotr seinerseits wird verhaftet und nach Kasan gebracht: Seine vertrauliche Fahrt mit dem Aufrührer ist nicht unbemerkt geblieben. Schwabrin, ebenfalls gefangen, beschuldigt ihn, als Spion Pugatschows nach Orenburg geschickt worden zu sein. Maschas Namen nennt er vor Gericht nicht – und auch Pjotr verschweigt sie, um sie nicht in die Sache zu ziehen. So kann er sich nicht verteidigen und wird nach Sibirien verbannt.

Den Rest seiner Geschichte kennt der Ich-Erzähler nur vom Hörensagen. Seine Eltern haben Mascha lieb gewonnen. Diese reist nun selbst zur Zarin, erhält Audienz und legt ihr die ganze Geschichte dar. Die Herrscherin hat ein offenes Ohr. Ein Herausgeber-Nachsatz fasst das Ende zusammen: Gegen Ende 1774 kommt Pjotr frei, Mascha und er heiraten, ihre Nachkommen leben im Gouvernement Simbirsk.

Stil

Puschkin wählt für seinen historischen Roman die Form des Ich-Berichts. Pjotr Grinjow schreibt rückblickend als alter Mann die Erinnerungen seines Lebens auf. Ergänzt wird das durch einen fiktiven Herausgeber, der am Ende die Familienüberlieferung abrundet. Diese schlichte, persönlich gefärbte Erzählhaltung gibt dem Buch seinen unverwechselbaren Ton: nüchtern, knapp, ohne Pathos.

Das große historische Geschehen ist der Pugatschow-Aufstand von 1774. Er wird nicht in heroischen Schlachtgemälden vorgeführt, sondern bricht in eine kleine Familiengeschichte ein. Puschkin bleibt, wie man es genannt hat, auf „mittlerem" Niveau. Er erzählt von einer abgelegenen Festung, von einem Vater, einer Mutter, einer Tochter, einem Verlobten. Das große Welttheater scheint nur durch diese kleinen Verhältnisse hindurch.

Rezeption

Schon Nikolai Gogol stellte den Roman an die Spitze der russischen Prosa: „Im Vergleich mit ihr sind alle unsere Romane und Novellen wie Zuckerwasser." Puschkin nimmt das Großartige der historischen Gestalt Pugatschows zurück und erzählt stattdessen eine Familiengeschichte. Gerade dadurch wirkte er bahnbrechend für jene russische Prosa, die später bis zu Tolstois Krieg und Frieden führt.

Im deutschsprachigen Raum erschienen schon 1848 zwei Übersetzungen nahezu gleichzeitig: durch Christian Gottlob Tröbst in Jena und Wilhelm Wolfsohn in Leipzig. Im 20. Jahrhundert wurde der Text immer wieder neu übertragen. Eine Ausgabe in der Übersetzung Arthur Luthers erschien 1973 im Aufbau-Verlag. Eine Neuübersetzung von Ilma Rakusa lobte die Zeit im März 2000 als „schlicht bezaubernde Lektüre".

Auch das Kino hat den Stoff über Jahrzehnte hinweg aufgegriffen: von Juri Taritschs Stummfilm The Captain's Daughter (1928) über Viktor Tourjanskys Wolga in Flammen (1934), Mario Caminis Aufstand in Sibirien (1947), Wladimir Kaplunowskis Die Hauptmannstochter (1958) und Alberto Lattuadas Sturm im Osten (1958) bis zu Leonardo Cortese Miniserie La figlia del capitano (1965) und Alexander Proschkins Die russische Revolte (2000). Auch ein dramatisch-musikalisches Werk wurde aus dem Roman gewonnen.

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