1799 – 1837
Alexander Sergejewitsch Puschkin
Kurzporträt↑
Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799–1837) gilt als russischer Nationaldichter und als Begründer der modernen russischen Literatur. Er wurde in Moskau geboren und starb in Sankt Petersburg. Er stammte aus altem Adel. In nur wenigen Jahrzehnten schrieb er Gedichte, Dramen und Versepen, die der russischen Schriftsprache eine neue Richtung gaben. Sein Versepos Eugen Onegin und die Tragödie Boris Godunow zählen zu seinen bekanntesten Werken. Zeit seines Lebens stand er unter dem Druck der Zensur, die bis zum Zaren persönlich reichte. Für seine Landsleute steht er bis heute mit weitem Abstand an der Spitze der russischen Dichtung.
Biografie↑
Puschkin kam am 26. Mai 1799 (julianischer Kalender) in Moskau zur Welt. Er war das zweite von fünf Kindern des vormaligen Gardeoffiziers Sergei Lwowitsch Puschkin und seiner Frau Nadeschda Ossipowna, geborene Hannibal. Väterlicherseits entstammte er dem alten Adelsgeschlecht Puschkin. Der namensgebende Vorfahre Grigori Alexandrowitsch war im 14. Jahrhundert Bojare des Moskauer Großfürsten. Er trug den Beinamen Puschka (Kanone), weil er das Artilleriewesen in Russland einführte. Mütterlicherseits war sein Urgroßvater Abraham Petrowitsch Hannibal ursprünglich ein afrikanischer Sklave, der dem Zaren Peter dem Großen geschenkt wurde. Hannibal wurde dessen Patenkind und stieg später bis zum Generalmajor und Gouverneur von Estland auf.
Die Sommer von 1805 bis 1810 verbrachte Puschkin meist bei seiner Großmutter Maria Alexejewna Hannibal im Dorf Sacharow nahe Moskau. Sechs Jahre lang besuchte er das Lyzeum Zarskoje Selo, eine elitäre Lehranstalt. Sie war am 19. Oktober 1811 eröffnet worden und trägt heute seinen Namen. Von dort erlebte er auch den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812. Als Adeliger war Puschkin weitgehend französischsprachig aufgewachsen und schrieb seine ersten Gedichte im Lyzeum auf Französisch. Erste russische Werke waren unter anderem die Gedichte Mönch (1813), Bowa (1814) und Traum (1816). Anfang 1815 trug er im Beisein G. R. Derschawins sein patriotisches Gedicht Erinnerungen an Zarskoje Selo vor. Es wurde in der Zeitschrift Russisches Museum gedruckt. 1816 wandte sich seine Lyrik der Elegie zu. Noch als Schüler wurde er in Abwesenheit in die Petersburger literarische Gesellschaft Arsamas aufgenommen. Diese war um W. A. Schukowski versammelt und trat für eine Weiterentwicklung der russischen Hochsprache ein.
1817 schloss Puschkin das Lyzeum mit 17 Jahren ab. Als Kollegiensekretär nahm er eine Stellung im Petersburger Kollegium für Auswärtige Angelegenheiten an. Er wurde ein unermüdlicher Theaterbesucher und nahm an den Sitzungen der Arsamas-Gesellschaft teil. Zudem trat er der Literatur- und Theatergemeinschaft Grüne Lampe bei, die von der revolutionär gesinnten Dekabristenbewegung beeinflusst war. Am geheimen Wirken der Dekabristen war er nicht beteiligt, doch vielen ihrer Mitglieder freundschaftlich verbunden. Er schrieb politische Epigramme und Gedichte. In diesen Jahren arbeitete er an dem märchenhaften Versepos Ruslan und Ljudmila, das er im Mai 1820 fertigstellte. Das Werk rief ein starkes und zwiespältiges Echo hervor. Schukowski widmete ihm die Zeilen „Dem siegreichen Schüler vom besiegten Lehrer“. Kritiker dagegen beklagten den Niedergang des „Hohen Kanons“.
Im Frühjahr 1820 musste Puschkin sich für einige Spottgedichte verantworten, in denen er Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens lächerlich gemacht hatte. Einer Verbannung nach Sibirien entging er durch die Protektion einflussreicher Freunde. Im Frühsommer wurde er aber von Petersburg zu General Insow nach Jekaterinoslaw versetzt. Dort erkrankte er und schloss sich dem General Rajewski an, mit dem er zu den kaukasischen Bädern reiste. Von August bis September gelangte er über die Krim nach Odessa. Aus dieser Zeit stammt das romantische Gedicht Der Brunnen von Bachtschissaraj. Bis 1824 lebte er an verschiedenen Orten im Süden des Russischen Kaiserreichs, unter anderem in Odessa, Kischinjow und Kamenka. 1823 begann er sein bedeutendstes Werk, das Versepos Eugen Onegin, das er erst 1830 abschloss.
1824 wurde Puschkin aus dem Staatsdienst entlassen, nachdem er sich in einem Brief wohlwollend über den Atheismus geäußert hatte. Er wurde auf das elterliche Gut Michailowskoje verbannt und lebte dort unter ständiger Aufsicht der Behörden. In diesen Jahren unterhielt er einen intensiven literarischen Briefwechsel und arbeitete an einem Gedichtband. Zudem beendete er die Tragödie Boris Godunow, mit der er sich weit von den eingefahrenen Wegen der russischen Dichtung entfernte. Nach einer Audienz bei Zar Nikolaus I. durfte er von 1826 bis 1831 wieder in Moskau und Petersburg leben. Doch seine Werke wurden vom Zaren persönlich zensiert, und sein Lebenswandel wurde auch wegen seiner Verbindungen zu den Dekabristen streng kontrolliert.
Eine Wende brachte 1831 die Heirat mit Natalja Gontscharowa, die er 1830 kennengelernt hatte. Zur Hochzeit erhielt Puschkin von seinem Vater das Dorf Boldino, rund 250 Kilometer von Nischni Nowgorod entfernt. Er wollte es nur kurz besuchen, doch eine Choleraepidemie zwang ihn zum Bleiben. Der Aufenthalt wurde seine größte Schaffensperiode. 1831 zog das Paar nach Petersburg. Dort nahm es mit Unterstützung von Gontscharowas wohlhabender Verwandtschaft am mondänen Leben des Zarenhofes teil. Das frustrierte Puschkin, der sich nach Unabhängigkeit sehnte. Seine Werke entstanden nun unter großem psychischem Druck. Erst 1836 durfte er die Literaturzeitschrift Sowremennik (Der Zeitgenosse) herausgeben. Er starb am 29. Januar 1837 (julianischer Kalender) in Sankt Petersburg.
Literarische Merkmale↑
Sprachlich bereitete Puschkin in seinen Gedichten, Dramen und Erzählungen der Verwendung der Volkssprache den Weg. Vor dem Einmarsch Napoleons 1812 hatte die russische Oberschicht Französisch gesprochen. Nach dem Brand Moskaus stellte man sich die Frage, warum man die Sprache des Feindes spreche. In diese Lücke trat Puschkins Werk. Er schuf einen erzählerischen Stil, der Drama, Romantik und Satire mischte – eine Verbindung, die seitdem untrennbar mit der russischen Literatur verbunden ist.
Schon früh suchte er bewusst nach neuen Formen. Mit dem Versepos Ruslan und Ljudmila verband er das Sagenhafte mit dem Historischen und das Komische mit dem Heroischen. Damit überschritt er die Form des klassizistischen Epos. Mit der Tragödie Boris Godunow entfernte er sich weit von den eingefahrenen Wegen der russischen Dichtung. Seine frühe Poesie strahlt eine unstillbare Lebenslust aus. Ab 1816 wurde die Elegie zu einer seiner hauptsächlichen Dichtformen. Anregungen fand Puschkin bei Voltaire und in den Tragödien Shakespeares.
Rezeption↑
Den meisten seiner Landsleute gilt Puschkin als der russische Nationaldichter schlechthin. Er steht mit weitem Abstand vor im Ausland oft bekannteren Schriftstellern wie Tolstoi, Dostojewski, Gogol oder Pasternak. Sein Stil vereinte Drama, Romantik und Satire. Er prägte zahlreiche russische Dichter sehr stark und ist seither fest mit der russischen Literatur verbunden.
Auch im öffentlichen Gedenken ist sein Name allgegenwärtig. Der Alexander-Sergejewitsch-Puschkin-Preis und die Puschkin-Medaille wurden ihm zu Ehren benannt. In Russland tragen zahlreiche Einrichtungen seinen Namen. Dazu gehören das ehemalige Zarskoje Selo, das seit 1918 Puschkin heißt, sowie das Puschkin-Museum. In der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR wurden gemäß der Ausrichtung auf die Sowjetunion zahlreiche Straßen nach ihm benannt. Hinzu kommen Denkmäler und Plaketten.
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