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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Eugen Onegin
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Eugen Onegin
1825
– Werkseintrag –

Eugen Onegin

1825 · Epik

Ein gelangweilter junger Petersburger Dandy weist auf dem Land die Liebe eines stillen Mädchens zurück – und begegnet ihr Jahre später als verwandelter Dame der vornehmen Welt wieder.

Überblick

Eugen Onegin ist ein Versroman des russischen Dichters Alexander Sergejewitsch Puschkin. Puschkin schrieb ihn zwischen 1823 und 1830. Vollständig erschien das Werk erstmals 1833. Es schildert die kulturelle Lage Russlands um 1820 am Beispiel junger Adliger in St. Petersburg, Moskau und auf den Landgütern der Provinz. Eugen Onegin gilt als das moderne russische Nationalepos. Puschkin gilt als Begründer der russischen Literatursprache.

Inhalt (ohne Spoiler)

Eugen Onegin ist gerade zwanzig, elternlos und einziger Sohn eines Adligen. Dieser hat das Vermögen mit Bällen verschwendet. In St. Petersburg führt Onegin das Leben eines Dandys. Als er ein Landgut erbt, zieht er sich, der Großstadt überdrüssig, in die Provinz zurück und lebt dort wie ein Einsiedler.

In der Nachbarschaft lernt er den jungen Dichter Wladimir Lensky kennen, der nach einem Studium in Göttingen nach Russland zurückgekehrt ist. Lensky führt ihn in das Haus seiner Verlobten Olga Larina ein. Dort lebt auch deren Schwester Tatjana: still, verträumt, eine begeisterte Leserin von Richardson und Byron. Tatjana fühlt sich von dem weltgewandten Onegin angezogen und gesteht ihm in einem leidenschaftlichen Brief ihre Liebe. Wie er darauf reagiert und wohin das Geflecht aus Freundschaft, Verliebtheit und gesellschaftlicher Konvention führt, entfaltet sich über mehrere Jahre und über die Schauplätze Land und Stadt hinweg.

Der Roman erzählt vom Aufeinanderprallen westlich geprägter Eleganz und altrussischer Landtradition. Er erzählt von verpassten Augenblicken und von der Frage, ob das Leben eine zweite Chance gewährt.

Die Handlung im Detail

Eugen Onegin, zwanzigjährig und elternlos, lebt zunächst als Dandy in St. Petersburg. Nach dem Erbe seines Onkels zieht er sich auf dessen Landgut zurück, verpachtet die Ländereien bequemlichkeitshalber an seine Leibeigenen und meidet die Nachbarn. Er badet, wandert, liest, spielt Billard, zeichnet Karikaturen und trinkt Champagner.

Mit dem jungen Poeten Wladimir Lensky, frisch aus Göttingen heimgekehrt, wo er Kant, Schiller und Goethe studiert hat, schließt er Freundschaft. Lensky führt ihn bei seiner Verlobten Olga Larina ein. Im Hause der Larins, in dem alte russische Bräuche, Lieder und Aberglauben gepflegt werden, lebt auch Olgas Schwester Tatjana. Die stille, verträumte Tatjana liest viel und träumt sich in die Welten Richardsons, Maturins und Byrons; Onegin leiht ihr Bücher. Sie verliebt sich in ihn und gesteht ihm in einem leidenschaftlichen Brief ihre Liebe, die sie als schicksalhaft empfindet.

Onegin deutet den Brief als Heiratsantrag und weist Tatjana bei nächster Gelegenheit kühl zurück: Für die Ehe fühle er sich nicht geschaffen, sie werde ihn bald vergessen und einen Würdigeren heiraten. Der örtliche Klatsch hält die beiden dennoch für ein künftiges Paar.

Zwei Wochen vor Lenskys Hochzeit mit Olga feiert Tatjana ihren Namenstag. Lensky hat Onegin eine kleine Familienfeier versprochen, tatsächlich findet sich dieser auf einer lauten Tanzerei wieder, einer Provinzparodie der Petersburger Bälle. Tatjanas Verwirrung, der Klatsch der Gäste und ältere Meinungsverschiedenheiten – Onegin hatte sich geweigert, Lenskys Gedichte zu lesen, und Olga oberflächlich genannt – verärgern ihn. Er beschließt, sich an Lensky zu rächen, indem er ununterbrochen mit Olga tanzt und mit ihr flirtet. Als die Rache gelungen ist, verliert er das Interesse an Olga und verlässt das Haus; Tatjana bleibt verstört zurück.

Lensky fordert Onegin durch einen Mittelsmann zum Duell. Onegin versucht, die Sache als Missverständnis darzustellen, gibt aber den gesellschaftlichen Konventionen nach, um sich nicht lächerlich zu machen. Beim Duell schießt er kaltblütig zuerst und trifft den Freund tödlich.

Von Gewissensbissen gequält, verlässt Onegin sein Landgut mit unbekanntem Ziel. Tatjana sucht heimlich sein Haus auf, liest in seinen Büchern und versucht, über seine Lesemarken sein Wesen zu erkunden. Olga betrauert Lensky nur kurz und heiratet bald einen Offizier, der sie in eine andere Provinz mitnimmt. Tatjana bleibt mit der Mutter zurück und weist ohne Begründung jeden Bewerber ab. Bei einem Besuch der Tante in Moskau wird sie in die Gesellschaft eingeführt, an einen älteren General verheiratet und verwandelt sich in eine vollendete Dame der vornehmen Welt.

Jahre später kehrt der inzwischen sechsundzwanzigjährige Onegin nach langem, ziellosem Reiseleben nach St. Petersburg zurück, gelangweilt und müßig wie zuvor. Auf einem Ball erkennt er Tatjana kaum wieder. Während sie ihm gelassen und selbstsicher begegnet, verliert er die Fassung. Wie ein verliebter Junge folgt er ihr überall hin, schreibt Briefe, die unbeantwortet bleiben, und verzehrt sich in unerwiderter Liebe.

Als er sie endlich allein sprechen kann, erinnert sie ihn an seine Predigt von einst, mit der er sie zurückgewiesen habe, gerade als ein gemeinsames Glück nah erreichbar schien. Sie würde ihr Petersburger Glanzleben jederzeit gegen das alte Landleben mit ihren Büchern eintauschen, und sie liebe ihn noch immer – aber sie werde ihren Mann, dem sie Treue geschworen hat, nicht verlassen.

Der Roman endet weder als Komödie mit der glücklichen Vereinigung des Paares noch als Tragödie mit dessen Tod, sondern offen: Onegins weiteres Schicksal bleibt unbekannt.

Stil

Puschkin gilt mit seinem Gesamtwerk und besonders mit dem Eugen Onegin als Begründer der russischen Literatursprache. Um 1820 sprach die russische Oberschicht Französisch. Amtliche und wissenschaftliche Texte wurden auf Französisch verfasst, kirchliche und ältere weltliche auf einem Kirchenslawisch, das niemand mehr ohne Weiteres verstand. Der Literaturwissenschaftler Wladimir Jelistratow vergleicht Puschkins Eingriffe in die Sprache mit chirurgischer Arbeit: Er verzichtete auf überflüssige Archaismen und räumte gründlich auf. Seit ihm gibt es die russische Literatursprache, in der die großen Romane des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden.

Der Versroman ist in acht Kapitel oder Gesänge gegliedert. Jedem ist ein kurzes Motto aus der französischen, italienischen oder antiken Literatur oder eines russischen Autors vorangestellt. Insgesamt umfasst er 384 Strophen. Die sogenannte Onegin-Strophe baut auf dem Sonett auf: vierzehn Zeilen in vierfüßigen Jamben mit einem strengen Reimschema. Dieses wird über den ganzen Roman hinweg eingehalten. Nur die Briefe Tatjanas und Onegins sowie Tatjanas Traum fallen heraus. Die Ausgabe letzter Hand enthält zusätzlich ein Vorwort Puschkins und etwa achtzehn mehr oder weniger vollendete Strophen über Onegins Reisen.

Erzählt wird aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers, der sich als „Freund und Bruder" Onegins gibt. Wie bei Sterne oder Diderot begleitet und kommentiert dieser Erzähler die Handlung ironisch, redet den fiktiven Leser an, räsoniert mit ihm und schweift immer wieder ab. Er ergeht sich in Exkursen über die feine russische Gesellschaft und ihre Konventionen, über Literatur und über die Defizite der russischen Sprache beim Schreiben des Romans, bis hin zu fast fetischistischen Lobreden auf die Schönheit des weiblichen Fußes. Eingeschoben sind ganze Gedichte und lyrische Naturbilder. Der Roman steckt voller Zitate und Anspielungen auf russische Autoren, europäische Philosophen und die aktuelle Politik – selbst Nabokov hat in seinem zweibändigen Kommentar nicht alle entschlüsselt.

Rezeption

Tschaikowskis Opernfassung förderte eine verkürzte Sicht. Im Bewusstsein des Publikums wurde der Roman oft auf eine romantische Liebesgeschichte voller Entsagung reduziert. Das weite gesellschaftliche Panorama der Zarenzeit unter Alexander und Nikolaus, das Puschkin entfaltet, trat dahinter zurück.

Pjotr Iljitsch Tschaikowski komponierte nach einem Libretto von Konstantin Schilowski die Oper Eugen Onegin mit dem Untertitel Lyrische Szenen. Sie wurde am 29. März 1879 im Moskauer Maly-Theater von Studenten des Konservatoriums unter Nikolai Rubinstein uraufgeführt. Zwei Jahre später folgte die Premiere am Bolschoi-Theater unter Eduard Nápravník. Die Oper gehört bis heute zu den meistgespielten Werken auf europäischen und amerikanischen Bühnen. Deutsche Libretti schrieben August Bernhard, Max Kalbeck sowie Wolf Ebermann gemeinsam mit Manfred Koerth.

John Cranko verwandelte den Stoff in ein Ballett zu Musik Tschaikowskis in der Bearbeitung von Kurt-Heinz Stolze. Das Stuttgarter Ballett brachte es 1965 zur Uraufführung. 2009 folgte in Moskau ein Onegin-Ballett mit der Choreografie von Boris Eifman. Zum 100. Todestag Puschkins schrieb Sigismund Krzyzanowski eine Bühnenfassung. Sergej Prokofjew komponierte die Musik dazu. Das Stück fiel der stalinschen Kulturpolitik zum Opfer. Die Noten galten lange als verschollen und wurden erst 1980 auf BBC Radio 3 unter Edward Downes uraufgeführt. 2014 hatte an der Hamburgischen Staatsoper das Ballett Tatjana mit der Musik von Lera Auerbach und der Choreografie von John Neumeier Premiere.

Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, beginnend mit einem Stummfilm von 1911 und zuletzt mit Ralph Fiennes in der Titelrolle in Onegin von 1999. Dazu kommen Opernverfilmungen von Roman Tichomirow (1959) und Petr Weigl (1988). 2017 entstand ein Spielfilm der szenischen Aufführung des Vakhtangov-Staatstheaters unter der Regie von Rimas Tuminas. Berühmte Szenen des Romans malten Ilja Repin und weitere russische Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ganze Illustrationszyklen schufen unter anderen Johann Matthias Ranftl, Josef Engelhart und Fritz Eichenberg.

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