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1580
– Werkseintrag –

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1580 · Essay

Ein Gelehrter macht sein eigenes Leben zum Stoff seiner Betrachtungen und schreibt so ein Buch, wie es kein zweites gibt.

Überblick↑

Das Werk Essais ist das Hauptwerk von Michel de Montaigne und erschien erstmals 1580. Der Titel bedeutet so viel wie „Versuche“. In drei Büchern mit insgesamt 107 Kapiteln behandelt Montaigne ohne erkennbare Ordnung die unterschiedlichsten Gegenstände – Medizin, Kunst, Bücher, häusliche Dinge, alte Geschichte, Pferde, Krankheit – und verknüpft sie immer wieder mit Gedanken über sein eigenes Leben und über den Menschen überhaupt. Von 1572 an arbeitete er fast bis zu seinem Tod beständig an dem Text und schrieb ihn dabei immer wieder um. Daraus wurde ein Buch, wie es zu seiner Zeit kein zweites gab: kein bloßes Selbstporträt, sondern, wie es heißt, ein Leben, das sich vor den Augen des Lesers gerade erst bildet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In den drei Büchern der Essais reiht Montaigne 107 Kapitel aneinander, die scheinbar planlos von einem Gegenstand zum nächsten springen. Mal geht es um Medizin oder um Bücher, mal um häusliche Angelegenheiten, um Pferde, um die alte Geschichte oder um die Krankheit. Wichtiges und Belangloses stehen dicht beieinander, fast wie zum Vergnügen durcheinandergewürfelt. Immer wieder wendet sich Montaigne dabei sich selbst zu: Er schildert seine Gesundheit, zeichnet sein eigenes Bild nach Körper und Charakter und denkt über das Leben und über den Menschen nach. So entsteht weniger eine feste Lehre als ein fortwährendes Gespräch des Verfassers mit sich selbst. Wer das Buch aufschlägt, findet keinen durchlaufenden Faden, sondern darf an beliebiger Stelle einsteigen und sich von einem Gedanken zum nächsten tragen lassen.

Die Handlung im Detail↑

Die Arbeit an dem Buch begann Montaigne um 1572, zu einer Zeit, als in Frankreich die Schriften der antiken Denker großen Anklang fanden. Man übersetzte und sammelte Platon, Cicero, Seneca und vor allem Plutarch. Dessen Moralia in der Übertragung von Amyot erschien 1572 und wurde so beliebt, dass binnen zehn Jahren fünf Auflagen folgten. Diesen Büchern ging es weniger darum, die Sprache zu bereichern, als darum, Anleitungen zum guten Leben zu geben. In diesem Geist beginnt auch Montaigne.

Sein wichtigster Gewährsmann ist Plutarch, der im ganzen Werk allgegenwärtig bleibt und am häufigsten zitiert wird. Aus dessen Parallelbiografien, die er in Amyots Fassung besaß, schöpfte er Anregung für zahlreiche Kapitel. An den großen Männern der Geschichte interessierte ihn dabei weniger das bloße Geschehen als das Urteil des Sittenlehrers. In den frühen Kapiteln tritt Montaigne selbst noch kaum hervor. Er ordnet vor allem seine Quellen zu einer kunstvollen Mosaik, die Zitate bilden den eigentlichen Kern, und die Übergänge wirken zunächst ungelenk. Seinen frühen, locker zusammengesetzten Stoizismus übernahm er von Seneca, dessen Briefe an Lucilius er nach den schönsten Stellen durchsuchte. Doch mischte er ohne Bedenken Sätze Epikurs darunter. Was ihn anzog, waren die Maximen von Festigkeit und Würde. Beim Tod Catos von Utica ruft er aus, ein jeder rechtschaffene Mann müsse „stehend sterben“.

Zwischen 1574 und 1579 wandelt sich das Werk. Montaigne beginnt, die gelehrte Prahlerei seiner Zeitgenossen zu verabscheuen, die er anfangs selbst nachgeahmt hatte: „Sie kennen die Theorie aller Dinge – sucht einen, der sie in die Tat umsetzt.“ Als 1580 in Bordeaux die erste Ausgabe erscheint, weicht sie deutlich von den üblichen Vorbildern ab. Wer die Kapitelübersicht durchsieht und beim Titel „Über die Grausamkeit“ eine Sammlung berühmter antiker Beispiele erwartet, wird überrascht. Statt einer Zurschaustellung von Gelehrsamkeit findet er seelenkundliche Beobachtungen und persönliche Überlegungen, gestützt auf wenige gut gewählte Beispiele. An anderer Stelle vertraut der Verfasser dem Leser seinen Gesundheitszustand an oder zeichnet sein eigenes Bild nach Leib und Charakter. Daneben stehen einige magere Kapitel, etwa über die Post oder über die Daumen.

Das Werk wuchs in drei Büchern. Schon 1582 waren Erweiterungen beschlossen. Das dritte Buch erschien erst 1588, nun mit dem ausdrücklichen Willen, sich selbst zu schildern. In seinen letzten Jahren überarbeitete Montaigne den Text mit größter Sorgfalt. Nach 1588 nahm er bis zu seinem Tod mehr als dreitausend Verbesserungen im Einzelnen vor. Ein Handexemplar, in das er seine Zusätze und Korrekturen eintrug, trägt auf dem Titelblatt die Angabe „sechste Auflage“ und eine Zeile aus der Äneis. Dieses Buch wurde zunächst im Kloster der Feuillanten aufbewahrt, ab dem 18. Jahrhundert in der Bibliothek von Bordeaux – daher sein Name „Exemplar von Bordeaux“. Die erste Ausgabe nach seinem Tod wurde um 1590 vorbereitet.

Stil↑

Mit dem Buch schuf Montaigne eine ganz eigene Form, für die er den Namen „essai“ – Versuch, Probe – wählte. Statt einem festen Aufbau zu folgen, springt der Gedanke frei von einem Gegenstand zum nächsten; Wichtiges und Nebensächliches mischen sich wie absichtlich. Den Stoff bildet zunächst die Welt der Bücher: Montaigne sammelt, deutet und erläutert, und über das ganze Werk zieht sich ein dichtes Geflecht von Zitaten, meist lateinischen und griechischen. Manchen Lesern galt diese Gelehrsamkeit als Ballast. Montaigne selbst verglich sein Vorgehen mit einem Strauß fremder Blumen, zu dem er nur das Band geliefert habe, das sie zusammenhält. Mit den Jahren feilte er immer stärker an der Sprache. Er häufte Bilder und Gegensätze, liebte volkstümliche, lebendige Wendungen und machte seinen Ausdruck knapper und entschiedener. Diesem Schliff galt seine ganze Sorgfalt: Allein nach 1588 nahm er über dreitausend kleine Verbesserungen vor, aus reiner Künstlergewissenhaftigkeit. Das Ziel aber blieb stets dasselbe – sich selbst zu beschreiben, ohne die geringste Einzelheit auszulassen.

Rezeption↑

Bei einem Besuch am Hof, kurz nach dem ersten Erscheinen, machte ihm der König ein Kompliment. Montaigne erwiderte, sein Buch müsse dem König wohl gefallen, denn es enthalte nichts anderes als einen Bericht über sein Leben und seine Taten. Bald galt das Werk als ein Buch von ganz eigener Art – „das einzige Buch seiner Gattung auf der Welt“. Bis heute wird über die vielen Zitate gestritten. Die Forscherin Phyllis Gracey sieht in ihnen einen vorsichtigen Schleier, hinter dem Montaigne die Kühnheit seiner Gedanken verbarg. Michel Butor deutet sie als Verbeugung vor der Überlieferung und als feines Gewebe, das das ganze Werk durchzieht. Und noch immer bemühen sich Gelehrte, die Entwicklung von Montaignes Denken durch die verschiedenen Ausgaben hindurch nachzuzeichnen.

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