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Porträt Michel de Montaigne
Michel de Montaigne
1533 – 1592
– Autorenporträt –

Michel de Montaigne

1533 – 1592 · 59 Jahre

Begründer des Essays und skeptischer Beobachter des Menschen – sein Nachdenken über das eigene Ich prägte die Tradition der französischen Moralisten und der Aufklärung.

Kurzporträt

Michel Eyquem de Montaigne wurde 1533 auf Schloss Montaigne im Périgord geboren und starb 1592 ebendort. Er war Jurist, Politiker und Philosoph der französischen Spätrenaissance und gilt als Begründer der Essayistik. Mit seinem Hauptwerk, den Essais, schuf er eine völlig neue literarische Form. Er dachte über die eigene Person und über grundlegende Fragen des menschlichen Daseins nach und schrieb dies als tastende Versuche nieder. Geprägt von einer skeptischen Grundhaltung suchte er der Natur des Menschen und vor allem dem Tod auf den Grund zu kommen. Als dem katholischen Glauben verbundener Vermittler hatte er Zugang zu den einflussreichen Persönlichkeiten der französischen Monarchie. Sein liberales und vorurteilsfreies Denken leitete die Tradition der französischen Moralisten und der Aufklärung ein.


Biografie

Montaigne wurde am 28. Februar 1533 als Michel Eyquem auf Schloss Montaigne geboren. Sein Urgroßvater Ramon Felipe Eyquem, ein durch Handel reich gewordener Kaufmann aus Bordeaux, hatte das Schloss im Jahr 1477 erworben. Sein Vater Pierre Eyquem hatte König Franz I. auf dessen Italienfeldzug begleitet und war dort mit den Ideen der Renaissance und des Humanismus in Berührung gekommen. In Bordeaux bekleidete er mehrfach hohe Ämter und wurde schließlich Bürgermeister. Montaignes Mutter, Antoinette de Louppes de Villeneuve, stammte aus Toulouse, möglicherweise aus einer Familie von Marranen, also unter Zwang zum Christentum übergetretenen Juden. Sicher belegt ist dies jedoch nicht. Michel war das älteste von mehreren Kindern, von denen sich zwei später dem Calvinismus zuwandten.

Schon als Säugling kam Montaigne zu einer Amme in einfachen Verhältnissen. Nach seiner Rückkehr stellte der Vater einen aus Deutschland stammenden Hauslehrer namens Horstanus ein. Dieser sprach mit dem Kind nur Latein, sodass das Lateinische dem Jungen fast zur Muttersprache wurde. Von 1539 bis 1546 besuchte Montaigne das Collège de Guyenne in Bordeaux. Dort war er teils gefürchtet, weil er besser Latein sprach als seine Lehrer, und er lernte auch Altgriechisch. Über die Jahre 1546 bis 1554 ist fast nichts bekannt. Vermutlich studierte er die Rechte; ob in Bordeaux, Paris oder Toulouse, ist in der Forschung umstritten. Wahrscheinlich schloss er mit dem akademischen Grad eines licentiatus juris ab.

1554, mit einundzwanzig Jahren, erhielt Montaigne das Amt eines Gerichtsrats am Steuergericht in Périgueux. Als dieses Gericht 1557 aufgelöst wurde, wechselte er an das Parlement von Bordeaux. Dort schloss er eine außergewöhnlich enge Freundschaft mit dem Richterkollegen Étienne de La Boétie. Dessen frühen Tod 1563 betrauerte er lange. Am 23. September 1565 heiratete er Françoise de La Chassaigne. Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, doch nur die Tochter Éléonore erreichte das Erwachsenenalter. 1568 starb sein Vater, und Montaigne erbte das Gut und Schloss Montaigne, nach dem er sich fortan ausschließlich benannte. 1569 vollendete er eine vom Vater gewünschte Übersetzung der Theologia naturalis des katalanischen Theologen Raimundus Sabundus aus dem Lateinischen ins Französische.

1571, mit achtunddreißig Jahren, quittierte Montaigne sein Richteramt und zog sich auf sein Schloss zurück. Dort stützte er sich auf eine für die Zeit umfangreiche Privatbibliothek von etwa tausend Bänden, die ihm zu großen Teilen La Boétie vermacht hatte. Er begann, markante Sätze klassischer Autoren aufzuschreiben und zum Ausgangspunkt eigener Überlegungen zu machen. Aus diesen Versuchen entstand allmählich eine neue literarische Form. Trotz seines Rückzugs blieb er in die religiösen und politischen Wirren seiner Zeit verstrickt. Nach den Massakern der Bartholomäusnacht 1572 schloss er sich dem katholischen Lager an. 1574 aber trat er vor dem Parlement in Bordeaux für eine Versöhnung der Konfessionen ein und ließ sich von Heinrich von Navarra zum Kammerherrn ernennen.

Seit 1577 litt Montaigne unter Nierenkoliken. 1580 brach er deshalb zu einer Bäderreise auf, von der er sich Linderung erhoffte. Die Reise führte ihn zunächst über Paris, wo ihn König Heinrich III. empfing. Weiter ging es durch französische, schweizerische und deutsche Bäder bis nach Rom, das er Ende November 1580 erreichte. Dort wurde er von Papst Gregor XIII. empfangen und ließ die Essais von der päpstlichen Zensur prüfen. Ihm wurden nur geringfügige Änderungen auferlegt. Während der Reise erhielt er in Lucca die Nachricht, dass er einstimmig zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt worden war. Montaigne beschrieb diese Reise in einem Tagebuch, das er nicht veröffentlichte. Das Manuskript wurde erst 1770 wiedergefunden und 1774 gedruckt.

Das Amt des Bürgermeisters von Bordeaux übte Montaigne von 1581 bis 1585 aus. 1583 wurde er trotz heftiger Opposition der Katholischen Liga wiedergewählt. Heinrich III. setzte auf sein diplomatisches Geschick, um zwischen Katholiken und Reformierten zu vermitteln. Im April 1585 erreichte das Ränkespiel der Katholischen Liga seinen Höhepunkt. Der Versuch, Bordeaux unter ihre Gewalt zu bringen, scheiterte jedoch. Während des sogenannten Krieges der drei Heinriche übernahm Montaigne die Aufgabe eines Vermittlers. Sowohl Heinrich III. als auch Heinrich von Navarra ernannten ihn zu ihrem Kammerherrn. Heinrich von Navarra, der spätere König Heinrich IV., besuchte ihn auf Schloss Montaigne. Montaigne akzeptierte den Krieg in seinen politischen Funktionen, hasste aber Gewalt und vor allem den Bürgerkrieg.

In seinen letzten Jahren erweiterte Montaigne die Essais stark und fügte einen dritten Band hinzu. Im Januar 1588 reiste er nach Paris, um die neue Fassung drucken zu lassen. Unterwegs wurde er von Wegelagerern ausgeraubt, bekam das Manuskript aber zurück. In Paris geriet er in einen Aufstand gegen Heinrich III. und wurde kurzzeitig in der Bastille eingekerkert. Durch Intervention der Königinmutter Katharina von Medici kam er jedoch nach wenigen Stunden wieder frei. In dieser Zeit lernte er Marie de Gournay kennen. Sie wurde ihm zu einer geistigen Ziehtochter und nahm am Fortgang der Änderungen Anteil. Montaigne starb am 13. September 1592 während einer Messe in der Schlosskapelle. Eine Fachärztekonferenz stellte 1996 als Todesursache einen Schlaganfall fest.


Literarische Merkmale

Mit seinem Hauptwerk, den Essais, begründete Montaigne die literarische Form des Essays. Das Wort leitet sich vom französischen essayer, „versuchen", ab. Vorläufer gab es durchaus; so inspirierte ihn der humanistische Autor Pedro Mexía. Die Essais entstanden zwischen 1572 und Montaignes Tod 1592. In ihnen behandelt er Gegenstände von ganz unterschiedlichem Rang in kaleidoskopischer Vielfalt nebeneinander: konfessionelle Streitfragen, Medizin, grundlegende Probleme der menschlichen Erkenntnis, das zwischenmenschliche Zusammenleben, Aberglauben, aber auch Reiten und Pferde. Leitmotivische Gedanken ergeben sich oft erst auf den zweiten Blick.

Montaigne veränderte den Stil des bislang vorherrschenden Traktates. Angeregt wurde er durch antike Autoren wie Lukrez, Cicero, Seneca und Platon sowie durch die Epikureer, die Stoa und die Skeptiker. So fügte er spontan wirkende, assoziative Einfälle zu anekdotischen Texten zusammen. In seinem Schreiben lässt sich eine Entwicklung erkennen. Zunächst finden sich häufiger bekannte Textstellen aus der klassischen Literatur. Diese werden nach und nach von Schilderungen aus seiner persönlichen Erfahrungswelt abgelöst und münden schließlich in die Ergründung des menschlichen Seins. Die Essais folgen gleichsam dem Bewusstseinsstrom des Autors. Montaigne schildert seine Gedanken, als sei das Blatt vor ihm sein Gegenüber, dem er sich anvertraut wie einst seinem verstorbenen Freund La Boétie. Beim Wiederlesen begegnete ihm der eigene Text neu, sodass er ihn aus veränderter Perspektive korrigierte, ergänzte oder verwarf.

Die Essais waren das erste bedeutende philosophische Werk in französischer Sprache, denn solche Schriften wurden damals vorwiegend auf Lateinisch verfasst. Montaigne war ein Eklektiker und kein expliziter Vertreter einer bestimmten philosophischen Schule. Pierre Villey teilte seine geistige Entwicklung in drei Phasen ein: eine von den Stoikern geleitete Jugendzeit, eine skeptische Krise um 1575/76 und schließlich eine Reifephase, die an einen Epikureer erinnerte.

Grundlegend war seine skeptische Haltung. Mit Hilfe der pyrrhonischen Skepsis, die er bei Sextus Empiricus kennengelernt hatte, bezweifelte er die menschliche Erkenntnisfähigkeit. Die Sinne seien unzuverlässig, ein untrügliches Kriterium der Wahrheit nicht zu finden. Diesen Skeptizismus verstand Montaigne jedoch nicht zerstörerisch, sondern als positive Grundeinstellung, die jeden Dogmatismus und Fanatismus ablehnt. Skepsis, Toleranz und die Ergründung der eigenen Person gehören für ihn zusammen. Eng damit verbunden war seine lebenslange Beschäftigung mit dem Tod, etwa im Kapitel Philosophieren heißt sterben lernen. Vor allem unter dem Einfluss von Lukrez entwickelte er die Vorstellung von einem bejahten Leben und einem Tod in Würde.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten und kurz nach seinem Tod fanden die Essais weite Verbreitung. Die ersten beiden Bände wurden bald mehrfach nachgedruckt. Eine Gesamtausgabe erschien posthum 1595 in Paris, herausgegeben von seiner Frau Françoise, seiner geistigen Ziehtochter Marie de Gournay und Pierre de Brach. John Florio gab 1603 die erste Übersetzung in eine Fremdsprache heraus, ins Englische, und begründete damit eine in England aufblühende literarische Gattung. Vermutlich beruht darauf auch die deutschsprachige Schreibung „Essay".

Montaignes Wirkung auf das geistige Leben war beträchtlich. René Descartes bezog sich in seinem Discours de la méthode mehrfach auf ihn. In einigen späten Dramen Shakespeares, vor allem in Der Sturm, ist der Einfluss von Montaignes Gedanken unverkennbar. Blaise Pascal setzte sich in seinem Entretien avec M. de Saci sur Épictète et Montaigne und in den Pensées eingehend mit ihm auseinander. Er orientierte sich an seinem Schreibstil und übernahm viele Zitate aus den Essais. Seine vorurteilsfreie Menschenbetrachtung und sein liberales Denken leiteten die Tradition der französischen Moralisten und der Aufklärung ein. Sie beeinflussten zahlreiche Philosophen und Schriftsteller, unter ihnen Voltaire und Friedrich Nietzsche.

Nicht überall stieß das Werk auf Zustimmung. Am 28. Januar 1676 wurden die Essais unter Papst Clemens X. auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Ein Beanstandungspunkt war, dass Montaigne sich positiv über Niccolò Machiavelli äußerte. Diese Indizierung wurde erst durch Papst Pius IX. im Jahr 1854 wieder aufgehoben. Montaignes literarisches Schaffen fiel in die Zeit der französischen Religionskriege. Die intensive Gewalterfahrung jener Jahre mag seine grundlegende Skepsis verstärkt haben.

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