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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Hamletmaschine
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Die Hamletmaschine
1978
– Werkseintrag –

Die Hamletmaschine

1978 · Drama

In seinem Theaterstück „Die Hamletmaschine“ sprengt Heiner Müller Shakespeares „Hamlet“ auf nur neun Seiten in fünf verstörende Traumbilder voller Gewalt, Aufruhr und Kaltem Krieg.

Überblick

Das Theaterstück Die Hamletmaschine von Heiner Müller entstand im Rahmen einer Übersetzung von William Shakespeares Hamlet. Der Text erschien 1978 und wurde am 30. Januar 1979 uraufgeführt. Auf nur rund neun Seiten verdichtet Müller den Stoff der Vorlage zu einem radikal verknappten, in fünf Abschnitte gegliederten Stück. Aus Shakespeares Trauerspiel bleiben nur Bruchstücke: Motive, Figuren und Bilder werden aufgesprengt und mit Anspielungen auf die Gegenwart des Kalten Krieges verschränkt. Das Werk gilt als eines der bekanntesten Beispiele für das postmoderne Theater deutscher Sprache.

Inhalt (ohne Spoiler)

In fünf kurzen Abschnitten löst Müller die vertraute Handlung von Shakespeares Hamlet auf. Zu Beginn spricht eine Gestalt, die einmal Hamlet war und die sich mit den Worten „Ich war Hamlet“ einführt. Sie erinnert an das Begräbnis des Vaters und blickt voller Abscheu auf sich selbst und auf eine Welt, die von Gewalt und den Spannungen des Kalten Krieges geprägt ist. Mutter und Onkel, der Mörder des Vaters, sind inzwischen ein Paar.

Neben der männlichen Hauptfigur tritt Ophelia auf, die aus der Rolle des Opfers heraustritt und sich auflehnt. Immer wieder verlässt der Sprecher die Ebene des Theaterspiels und redet als Schauspieler oder als Autor über sich selbst. Bilder von Zerstörung, Aufständen und Verweigerung durchziehen den Text. Die Figuren treffen aufeinander, wandeln sich und stellen die Frage, ob dieses Drama überhaupt noch gespielt werden kann. Wer das Stück liest, begegnet weniger einer fortlaufenden Geschichte als einer Folge verstörender Szenen und Traumbilder.

Die Handlung im Detail

Der erste Abschnitt zeigt einen träumend Redenden, der Hamlet war oder auch eine Spiegelung des Autors sein könnte. Sein erster Satz lautet: „Ich war Hamlet“. Er erinnert sich an das Staatsbegräbnis seines Vaters, dem er zunächst als Beobachter, dann als Handelnder beiwohnte. Weil der Vater ein „Großer Geber von Almosen“ war, zerteilt Hamlet die Leiche und verteilt sie an die hungernden Elendsgestalten ringsum. Mutter und Onkel, der Mörder, sind ein Paar geworden; Hamlet schlägt ihnen vor, sich auf dem Sarg des Vaters zu vereinigen. Dann erscheint der Geist des Vaters, den Hamlet ebenso verachtet wie sich selbst. Als sein Freund Horatio auftritt, tritt Hamlet kurz aus der Rolle und spricht als Schauspieler; er schickt den Freund fort mit den Worten „KEIN PLATZ FÜR DICH IN MEINEM TRAUERSPIEL“. Schließlich will er die Mutter wieder zur Jungfrau machen, indem er ihr das Kleid zerreißt und sie vergewaltigt. So wird der Sprecher, dem die Gewalt der Menschheit verhasst ist, selbst zum Gewalttäter.

Der zweite Abschnitt trägt den Titel „Das Europa der Frau“. Hier tritt Ophelia auf, die „aufgehört hat, sich zu töten“ und aus der Rolle des Opfers in die der Rächerin wechselt. Sie zertrümmert die Einrichtung des Zimmers, zerreißt die Bilder der Männer, denen sie sich hingegeben hat, und danach ihr Kleid. Zuletzt reißt sie sich das Herz aus der Brust und tritt „gekleidet in ihr Blut“ auf die Straße.

Der dritte Abschnitt, das „Scherzo“, führt Hamlet und Ophelia in einer überwiegend stummen, pantomimischen Folge von Aktionen zusammen. Hamlet muss sich in der „Universität der Toten“ dem Ballett der Toten und den toten Philosophen stellen, die ihn mit ihren Büchern bewerfen. Ophelia fordert ihn auf, ihr Herz zu essen; Hamlet antwortet, er wolle eine Frau sein – die einzige dialogische Stelle des ganzen Textes. Das Bild wird grotesk gesteigert: Hamlet legt Frauenkleider an und erhält von Ophelia eine „Hurenmaske“ aufgeschminkt. Zuletzt erscheint Horatio erneut als Gespenst und tanzt mit Hamlet. In seinen Entwürfen bezeichnete Müller diese Szene als „Traum im Traum“.

Der vierte Abschnitt, „Pest in Buda Schlacht um Grönland“, löst die Figur endgültig auf. Hamlet legt Kostüm und Maske ab und erklärt, er sei nicht Hamlet: „Mein Drama findet nicht mehr statt [...] Ich spiele nicht mehr mit.“ Der Autor, der kein Drama Shakespeares mehr schreiben kann, steht im Budapester Aufstand von 1956 „auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber“ – zerrissen zwischen der Treue zur kommunistischen Utopie und dem Mitgefühl mit der antistalinistischen Erhebung. Eine Anweisung fordert, mit dem Beil die Köpfe von Marx, Lenin und Mao zu spalten. Im zweiten Teil, „Schlacht um Grönland“, tritt an die Stelle des Hamletdarstellers ganz die Gestalt des Autors mit seinen Traum- und Assoziationsräumen.

Im fünften Abschnitt beschwört Ophelia die vollständige Vernichtung der Welt: „ich ersticke die Welt, die ich geboren habe zwischen meinen Schenkeln“. Während sie das sagt, wird sie von Männern in Mullbinden geschnürt. Am Ende bleibt sie wieder als Unterdrückte allein auf der Bühne zurück.

Stil

Bemerkenswert ist zunächst die äußerste Knappheit: Auf nur rund neun Seiten drängt Müller den ganzen Stoff zusammen. Statt einer fortlaufenden Handlung reiht das Stück fünf kurze, überschriebene Abschnitte aneinander, die eher wie Traumbilder als wie Szenen eines herkömmlichen Dramas wirken. Der Text arbeitet mit Entstellung und Verdichtung: Motive aus Shakespeares Hamlet werden zerschlagen und zu neuen, grotesken Bildern zusammengefügt. Nach dem Regisseur Jean Jourdheuil handelt es sich um einen „Theatertraum“ mit ödipalen und an Sigmund Freud erinnernden Zügen.

Auffällig ist auch, dass es fast keinen Dialog gibt. Weite Teile sind Monolog oder stumme, pantomimische Aktion; nur eine einzige Stelle ist wirklich zwiegesprächig. Immer wieder durchbricht Müller die Illusion des Theaters: Die Figur tritt aus ihrer Rolle heraus und spricht als Schauspieler oder als Autor über das eigene Stück. Einzelne Sätze und Anweisungen erscheinen in Großbuchstaben und heben sich wie Rufe oder Losungen aus dem Text heraus. Kraftvolle, oft drastische Bilder von Gewalt, Zerstückelung und Verweigerung bestimmen den Ton.

Rezeption

Bekannt geworden ist das Stück vor allem als knappe, radikale Umformung eines klassischen Stoffes: Aus Shakespeares Trauerspiel bleiben nur Bruchstücke, die Müller mit Anspielungen auf die politische Gegenwart des Kalten Krieges verbindet, besonders auf den Budapester Aufstand von 1956. Der Text wurde für die Bühne bearbeitet; zu den Inszenierungen zählt eine Produktion unter der Regie von Hervé Loichemol unter dem Titel Hamlet-Machine. Bis heute gilt das Werk als eines der meistdiskutierten Beispiele des postmodernen Theaters im deutschsprachigen Raum.

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