1855
Die Großmutter
Überblick↑
Der Roman Die Großmutter von Božena Němcová erschien 1855 und gilt als einer der meistverkauften Klassiker der tschechischen Literatur. Er zeichnet das Bild einer weisen, gütigen alten Frau, die auf einem böhmischen Landsitz bei ihrer Tochter lebt und deren Kinder erzieht. Für Schauplatz und Figuren griff die Autorin auf reale Vorbilder zurück: Sie verbrachte ihre Jugend bei der Großmutter auf Schloss Ratibořice. Das Werk verbindet die Schilderung ländlichen Lebens mit einem warmen Blick auf Kindheit, Alter und Volksfrömmigkeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zu Beginn kommt die Großmutter auf einen böhmischen Landsitz. Dort hilft sie ihrer Tochter, die als Bedienstete der Fürstin Zaháňská arbeitet, bei der Betreuung der Kinder und im Haushalt. Bald ist die alte Frau weithin für ihre Gutmütigkeit und ihre Weisheit bekannt.
Im Mittelpunkt steht ihr Umgang mit den Enkeln Barunka, Vilém, Jan und Adélka. Sie erzieht die Kinder, beantwortet geduldig ihre Fragen und erzählt ihnen Geschichten – darunter die von ihrer Begegnung mit Kaiser Joseph II. Vom früheren Leben der Großmutter erfährt man nur andeutungsweise.
Neben der hellen Gestalt der Großmutter tritt eine düstere Gegenfigur auf: die stumme Viktorka, die im Wald lebt und an einem Wehr ihrem toten Kind vorsingt. Die Großmutter mahnt die Kinder, das Schicksal der verwirrten Frau zu achten. So entsteht ein Bild vom Lauf des Landlebens, in dem sich Alltag, Naturverbundenheit und das Wissen um Leid und Vergänglichkeit mischen.
Die Handlung im Detail↑
Die Großmutter zieht auf einen böhmischen Landsitz, um ihrer Tochter beizustehen, die im Dienst der Fürstin Zaháňská steht. Sie übernimmt einen Teil der Kinderbetreuung und der Hausarbeit. Rasch gewinnt sie durch ihre Gutmütigkeit und ihre Lebensklugheit das Vertrauen der Umgebung und wird weithin bekannt.
Ihr Alltag mit den Enkeln Barunka, Vilém, Jan und Adélka bildet den Kern der Erzählung. Sie erzieht die Kinder, geht auf ihre Fragen ein und erzählt ihnen Geschichten. Darunter ist die Erinnerung an ihr Zusammentreffen mit Kaiser Joseph II. Von ihrem eigenen früheren Leben gibt sie nur bruchstückhaft preis.
Als Gegenbild zur lichten Gestalt der Großmutter steht Viktorka, eine stumme Frau, die im Wald lebt und an einem Wehr ihrem toten Kind vorsingt. Die Großmutter fordert die Kinder auf, das Schicksal der wahnsinnigen Frau mit Respekt zu betrachten. Eines Tages wird Viktorka vom Blitz erschlagen.
Die Erzählung schließt mit dem Tod der Großmutter und ihrem Begräbnis.
Für Schauplatz und Personen nutzte die Autorin reale Vorbilder. Němcová war die Tochter eines Dienstmädchens und verbrachte ihre Jugend bei ihrer Großmutter auf Schloss Ratibořice. In die Figur der Fürstin arbeitete sie Züge der Herzogin Wilhelmine von Sagan ein. Als Vorlage für Viktorka diente eine 1868 gestorbene Frau, für die in Červený Kostelec ein symbolisches Grab errichtet wurde.
Stil↑
Getragen wird das Werk von einer episodischen Erzählweise, die sich am Lauf des ländlichen Lebens orientiert. Anstelle einer straff geführten Handlung reihen sich Alltagsszenen, Gespräche und eingeflochtene Geschichten aneinander. Vieles wird aus der Nähe zu den Kindern erzählt, so dass Fragen, Erklärungen und Erzählungen der Großmutter den Ton bestimmen.
Kennzeichnend ist die Arbeit mit Gegensätzen. Der hellen, weisen Großmutter stellt die Autorin die dunkle, verstörte Viktorka gegenüber. So treten die freundliche Ordnung des Landlebens und das Wissen um Leid und Vergänglichkeit nebeneinander. Vom Vorleben der Hauptfigur bleibt vieles bewusst im Andeutungshaften, wodurch die Gestalt der Großmutter etwas Vorbildhaftes gewinnt.
Rezeption↑
Zu den beständigsten Werken der tschechischen Literatur zählt Die Großmutter: In tschechischer Sprache wurde der Roman über 350 Mal aufgelegt und in etwa 40 Sprachen übersetzt. Die erste Übertragung ins Deutsche besorgte Jan Ohéral bereits 1858. Es folgten weitere deutsche Fassungen, unter anderem von Antonín Smital (1885), Kamil Eben (1924), Hanna und Peter Demetz (1959), Günther Jarosch (1962) und Josef Mühlberger (1981). Filip Rězak übertrug das Werk ins Obersorbische, Jan Urban Jarník 1885 ins Rumänische, Rudolf Jan Slabý ins Katalanische und Spanische.
Auch andere Künste griffen den Stoff auf. Die erste Verfilmung stammt von Thea Červenková aus dem Jahr 1921. František Čáp verfilmte den Roman 1940, Antonín Moskalyk 1971, mit Libuše Šafránková in der Rolle der Barunka. Jaroslav Seifert verfasste über die Figur der Viktorka das Gedicht Píseň o Viktorce (1950).
Bis in die Landschaft reicht die Wirkung des Buches. Das Naturdenkmal Babiččino údolí („Großmuttertal“) rund um Schloss Ratibořice trägt seit 1952 seinen Namen nach dem Roman.
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