1895
Die Groszstadt lauert
Überblick↑
Bei dem Werk Die Großstadt lauert handelt es sich um eine Sammlung von zwanzig Gedichten des belgischen Dichters Émile Verhaeren, die 1895 erschien. Der Originaltitel lautet Les Villes tentaculaires. Der Band bildet ein Gegenstück zu einer früheren Sammlung desselben Autors, Les Campagnes hallucinées von 1893. Beide Werke wurden 1904 beim Verlag Mercure de France in einem gemeinsamen Band neu herausgegeben. Im Mittelpunkt stehen die Verstädterung der Welt und die Umwälzungen des industriellen Zeitalters.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Gedichte kreisen um ein großes Thema der Zeit: das Anwachsen der modernen Großstadt und die Erschütterung, die sie über Land und Leute bringt. Verhaeren zeichnet das Bild einer Stadt, die wie ein Lebewesen mit vielen Armen alles an sich zieht – Menschen, Arbeit, Handel. Schauplätze sind der Hafen, die Fabriken, die Börse, der Basar, das Museum und die Straßen mit ihren Menschenmengen.
Dem Band ist eine Gegenwelt zugeordnet: die Landschaft, das flache Land, die Bauern. In der Zusammenschau mit der Schwestersammlung Les Campagnes hallucinées entsteht ein Doppelbild von Stadt und Land. Die eine Seite schildert das Leben der Bauern, die andere das Leben in der großen modernen Stadt. Beide Teile verbindet der Gedanke, dass sich das Land entvölkert und die Städte wachsen.
Die Handlung im Detail↑
Als Gedichtsammlung erzählt das Werk keine durchlaufende Geschichte, sondern reiht Bilder und Stimmungen aneinander. Von 1904 an wurden die beiden zusammengehörigen Bände häufig gemeinsam gedruckt und ergaben so einen großen Bogen.
Der Teil Les Campagnes hallucinées ist dem Landleben gewidmet. Zwischen die Gedichte sind mehrere „Narrenlieder“ eingestreut. Es folgen Stationen des ländlichen Lebens: der schlechte Ratgeber, die Wallfahrt, das Fieber, die Sünde, die Bettler, die Kirmes, die Plage, der Aufbruch und der Spaten. Diese Bilder zeichnen das Los der flämischen Bauern, ihre Not und ihren allmählichen Niedergang.
Der Teil Die Großstadt lauert setzt mit der Ebene ein und führt dann in die Stadt hinein. Wiederkehrend erscheint das Gedicht „Ein Standbild“, das den Band gliedert. Nacheinander treten auf: die Seele der Stadt, die Kathedralen, der Hafen, die Schaustellungen, die Spaziergängerinnen, die Fabriken, die Börse, der Basar, der Markttisch, der Aufruhr und das Museum. Gegen Ende stehen Gedichte über den Tod, die Suche, die Ideen und schließlich der Blick nach vorn mit „Der Zukunft entgegen“. So mündet die Sammlung in einen Ausblick auf das Kommende.
Beide Teile verbindet ein Grundgedanke, den kein Wirtschaftskundiger bestreiten würde: Das Land verliert seine Menschen an die Städte. In Verhaerens Bildsprache heißt das, die verstörten Landschaften würden von den Städten gepackt und verschlungen.
Stil↑
Kennzeichnend ist eine großangelegte, wuchtige Sprache. Der Kritiker Remy de Gourmont beschrieb den Eindruck, Verhaeren habe soziologische Abhandlungen in Verse gebracht, die er nicht als Prosa zu schreiben gewagt habe – in schroffe und ein wenig wilde Verse. Er nannte Verhaerens Sprache großartig und zugleich dichterisch ungenau.
Ein bestimmendes Bild trägt das ganze Werk: die Stadt als Wesen mit vielen Armen, das die entvölkerten Landschaften an sich reißt und aufsaugt. Die Wiederholung einzelner Gedichttitel, etwa der „Narrenlieder“ und des „Standbilds“, gibt beiden Sammlungen einen festen Rhythmus. Stefan Zweig hob hervor, dass Verhaeren den Schmerz der Menschenmenge in ein Gefühl der Lust verwandelt habe.
Rezeption↑
Aufgenommen wurde das Werk als Teil eines zusammengehörigen Doppelwerks. Von 1904 an erschienen die beiden Sammlungen häufig in einem Band und wurden gemeinsam gelesen. Remy de Gourmont würdigte sie in seinen literarischen Betrachtungen als parallele Studien: die eine über die sittliche und stoffliche Lage der flämischen Bauern, die andere über das Leben in der großen modernen Stadt. Auch Stefan Zweig äußerte sich anerkennend über Verhaeren und dessen Umgang mit dem Gefühl der Masse. In der Verbindung von dichterischer Sprache und gesellschaftlichem Blick sahen die Zeitgenossen das Besondere des Werks.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →