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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Émile Verhaeren
Émile Verhaeren
1855 – 1916
– Autorenporträt –

Émile Verhaeren

1855 – 1916 · 61 Jahre

Belgischer Dichter französischer Sprache, der aus dem Symbolismus eine musikalische Großstadtlyrik von sozialem Bewusstsein formte.

Kurzbiografie↑

Als belgischer Dichter, der in französischer Sprache schrieb, zählt Émile Verhaeren zu den bekannten Stimmen der europäischen Lyrik um 1900. Geboren 1855 im Dorf Sint-Amands an der Schelde, ging er vom Symbolismus aus und entwickelte in freien Versen eine großstädtische Lyrik von großer Musikalität, die von sozialem Bewusstsein geprägt war. Mit den Sammlungen über die moderne Großstadt und ihren Gegensatz zum Landleben wurde er weit über Belgien hinaus berühmt; seine Werke wurden weltweit übersetzt. Während des Ersten Weltkriegs schrieb er pazifistische Gedichte. Er starb 1916 in Rouen bei einem Unfall.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Verhaeren als Sohn wohlhabender Eltern im Dorf Sint-Amands an der Schelde bei Antwerpen. In der Familie sprach man Französisch, im Dorf und in der Schule dagegen brabantisch, einen flämischen Dialekt. Als Jugendlicher besuchte er das französischsprachige jesuitische Internat Sainte-Barbe in Gent. Dort war der spätere Dichter Georges Rodenbach sein Klassenkamerad und Freund. Anschließend studierte Verhaeren Rechtswissenschaft an der Katholischen Universität Löwen. Hier traf er Literaten aus dem Umkreis der Zeitschrift La Jeune Belgique und veröffentlichte 1879 erste eigene Artikel in Studentenzeitschriften.

Beim wöchentlichen Salon des sozialistischen Schriftstellers Edmond Picard in Brüssel begegnete er Schriftstellern und Künstlern der Avantgarde. In dieser Zeit gab er die juristische Laufbahn auf und entschied sich für das Schreiben. Er veröffentlichte Gedichte und kritische Artikel in belgischen und ausländischen Zeitschriften, unter anderem in L'Art moderne und La Jeune Belgique. Als Kunstkritiker förderte er junge Künstler wie James Ensor.

Um 1883 erschien mit Les flamandes eine erste Sammlung realistisch-naturalistischer Gedichte über seine Heimat. Die Avantgarde nahm sie begeistert auf, im ländlichen Milieu seiner Heimat aber verursachte sie einen Skandal: Verhaerens Eltern versuchten sogar mit Hilfe des Dorfpastors, die gesamte Auflage aufzukaufen und zu vernichten. Es folgten weitere Gedichtbände. Düstere symbolistische Gedichte kennzeichnen die Sammlungen Les moines, Les soirs, Les débâcles und Les flambeaux noirs.

Die Malerin Marthe Massin, bekannt für ihre Aquarelle, hatte er 1889 kennengelernt; 1891 heiratete er sie und ließ sich in Brüssel nieder. Seine Liebe zu Marthe schlug sich in drei Sammlungen von Liebesgedichten nieder: Les heures claires, Les heures d'après-midi und Les heures du soir.

In den 1890er Jahren wandte sich Verhaeren vermehrt sozialen Fragen und sozialistischen Theorien zu. Die Atmosphäre der Großstadt und ihren Gegensatz zum Landleben verarbeitete er in den Sammlungen Les campagnes hallucinées, Les villes tentaculaires und Les villages illusoires sowie im Theaterstück Les Aubes. Durch diese Gedichte wurde er berühmt, sein Werk wurde übersetzt und besprochen. Er selbst reiste für Lesungen und Vorträge durch große Teile Europas.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und das neutrale Belgien von deutschen Truppen besetzt wurde, stand Verhaeren auch in Deutschland auf der Höhe seines Ruhms. Während des Krieges schrieb er pazifistische Gedichte und wandte sich mit den Sammlungen La Belgique sanglante, Parmi les cendres und Les ailes rouges de la guerre gegen den Krieg. Sein Glaube an eine bessere Zukunft wurde zunehmend von Resignation überschattet. Er veröffentlichte dennoch in antideutschen Propagandazeitschriften und wollte mit Reden die Freundschaft zwischen Frankreich, Belgien und Großbritannien stärken. Nach einem Vortrag in der französischen Stadt Rouen starb er durch einen Unfall: Beim Besteigen eines abfahrenden Zuges rutschte er aus und wurde überrollt.

Die französische Regierung wollte Verhaeren ein Ehrengrab im Pariser Panthéon errichten, doch die Familie lehnte ab und ließ ihn auf dem Soldatenfriedhof von Adinkerke bestatten. Wegen der vorrückenden Truppen wurden seine sterblichen Überreste noch während des Krieges nach Wulveringen überführt und 1927 endgültig in seinem Heimatdorf Sint-Amands beigesetzt. Dort erinnert seit 1955 ein Museum an ihn.


Literarische Merkmale↑

Ausgangspunkt von Verhaerens Dichtung war der Symbolismus. Aus ihm entwickelte er eine großstädtische Lyrik, die er in freiem Versmaß verfasste und mit einer großen Musikalität ausstattete. Prägend ist dabei ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein: Immer wieder stellte er die moderne Großstadt und ihr hektisches Leben dem stillen Landleben gegenüber. Seine frühen Gedichte über die flämische Heimat waren noch realistisch-naturalistisch gehalten. Später schlug sein Werk düstere, symbolistische Töne an, ehe er in den Sammlungen der 1890er Jahre seine Visionen einer neuen Zeit und die Atmosphäre der Metropole festhielt.


Rezeption↑

Berühmt wurde Verhaeren vor allem durch seine Gedichte über die Großstadt; sein Werk wurde weltweit übersetzt und besprochen. Zahlreiche Künstler, Dichter und Schriftsteller bewunderten ihn, suchten seine Nähe und übertrugen seine Werke, darunter André Gide, Rainer Maria Rilke und Stefan Zweig. Auch Georges Seurat und Paul Signac, Auguste Rodin sowie Maurice Maeterlinck und Stéphane Mallarmé gehörten zu seinem weiten Bekanntenkreis. Nach dem Material beeinflusste er zudem die Künstler des Futurismus.

Ins Deutsche brachten sein Werk unter anderem Stefan George und Stefan Zweig. Zweig veröffentlichte Nachdichtungen ausgewählter Lyrik und legte 1917 auch persönliche Erinnerungen an Verhaeren vor. Neuere deutsche Ausgaben wie die Auswahl Das Leben, das leise, das Leben, das wilde hielten sein Werk im deutschen Sprachraum gegenwärtig.

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