1942
Die Glut
Überblick↑
Der Roman Die Glut stammt vom ungarischen Schriftsteller Sándor Márai. Er erschien erstmals 1942 in Budapest, im Original unter dem Titel A gyertyák csonkig égnek – „Die Kerzen brennen bis zum Stumpf“. Erzählt wird die nächtliche Begegnung zweier alter Männer, die einander seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Das Werk kreist um Freundschaft, Verrat und die Frage, was ein ganzes Leben eigentlich getragen hat. In einer neuen deutschen Übersetzung wurde der Roman gegen Ende des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und zu einem großen Verkaufserfolg.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf einem einsamen Jagdschloss am Rande der Karpaten erwartet der alte ungarische General Henrik einen Besuch. Es ist das Jahr 1941, und angekündigt hat sich Konrád, sein Jugendfreund, den er lange nicht mehr gesehen hat. Während Henrik wartet, blickt er auf sein Leben zurück.
In der Jugend waren die beiden Männer eng befreundet, obwohl sie aus sehr verschiedenen Welten kamen: Henrik stammt aus einer reichen Familie des Hochadels, Konrád ist der Sohn eines verarmten Barons. Zwischen die Freundschaft trat schließlich Henriks Ehefrau Krisztina. Ein Vorfall auf einer Jagd und Konráds plötzliches Verschwinden „in die Tropen“ ließen Fragen zurück, die den General sein Leben lang nicht mehr losließen.
Konráds Rückkehr scheint dem alten Mann endlich die Gelegenheit zu geben, diese Fragen zu stellen. Das Gespräch der beiden dauert eine ganze Nacht. Márai lässt den Leser lange im Ungewissen, ob am Ende Klarheit steht.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman spielt im Jahr 1941 auf einem Jagdschloss am Rande der Karpaten. Der alte General Henrik erwartet den Besuch seines Jugendfreundes Konrád und blickt dabei auf sein Leben zurück. Henrik und Konrád waren in ihrer Jugend gute Freunde, obwohl Henrik aus einer reichen Familie des Hochadels stammt, während Konrád der Sohn eines verarmten Barons ist.
Auf einer Jagd legte Konrád mit dem Gewehr auf Henrik an. Er zögerte jedoch zu schießen, verpasste den Moment und verschwand anschließend „in die Tropen“. Am Tag nach Konráds Abreise besuchte Henrik dessen Zimmer, in das Konrád ihn nie hineingelassen hatte, und war überrascht von der geschmackvollen Ausstattung. Dort traf er überraschend auf seine Ehefrau Krisztina, die sich ebenfalls in dem Zimmer umsah. Aus ihrem Verhalten schloss Henrik, dass ihr das Zimmer vertraut war und dass sie ein Liebesverhältnis mit Konrád hatte.
Nach diesem Vorfall wechselten Henrik und Krisztina kein Wort mehr miteinander. Sie bezogen weit voneinander entfernt liegende Gebäude auf Henriks weitläufigem Besitz. Acht Jahre später starb sie. Über Jahre versuchte Henrik, sich den Vorfall zu erklären, das Wesen seiner Beziehung zu Krisztina und seiner Freundschaft zu Konrád zu ergründen und die Motive für den vermuteten doppelten Treuebruch herauszufinden.
Konráds Rückkehr scheint dem General die Möglichkeit zu geben, diese Fragen zu klären. Das sehr einseitige Gespräch dauert die ganze Nacht. In einem langen Monolog rollt Henrik die Ereignisse und seine Folgerungen daraus auf. Mit kurzen Antworten und Einwürfen bekundet Konrád nur sein Interesse und ermuntert Henrik weiterzumachen. Er widerspricht Henriks Deutung der Ereignisse an keiner Stelle.
Eine Antwort auf die Fragen, auf die Henrik die ganze Nacht hinarbeitet, bleibt jedoch aus. Kurz vor der Auflösung verbrennt Henrik selbst das entscheidende Beweismittel: ein Tagebuch seiner Frau. Konrád verweigert daraufhin die Antwort, die er als Einziger kennt. Die zweite Frage will Henrik zunächst gar nicht stellen, da ihm bereits die Antwort auf die erste verweigert wurde, entschließt sich aber doch dazu. Er fragt, „ob der wahre Inhalt“ ihrer beider Leben „nicht ebendiese qualvolle Sehnsucht nach einer toten Frau war“, was Konrád bejaht.
Im Morgengrauen verabschiedet sich Konrád, den Henrik im Lauf des Gesprächs trotz der zurückliegenden Ereignisse als seinen Freund bezeichnet hat. Die beiden Männer trennen sich mit allen Anzeichen freundschaftlichen Respekts voneinander.
Stil↑
Geschrieben ist der Roman in auktorialer Erzählweise: Eine übergeordnete Erzählstimme führt in die Vorgeschichte ein und schildert das Warten des alten Generals. Der eigentliche Kern des Buches ist jedoch ein einziges nächtliches Gespräch, das fast ausschließlich von einer Seite bestritten wird. Henrik spricht in einem langen Monolog, während Konrád nur mit kurzen Antworten und Einwürfen reagiert. Aus dieser Einseitigkeit gewinnt der Text seine Spannung, denn die Fragen des Generals bleiben lange offen.
Prägend ist das Bild der Glut, auf das die deutschen und französischen Titel sich beziehen. Es taucht an mehreren Stellen auf: als sich die beiden Männer kurz vor dem Abschied die Hände an der Glut des abgebrannten Feuers wärmen, als der General das Tagebuch seiner Frau ungelesen in die Glut wirft, und als er von einem Hass spricht, der „schon fast an die Glut großer Beziehungen erinnert – ja, an die Liebe“. So verbindet das Motiv Zuneigung und Rachsucht zu einem Bild.
Auch die Musik hat einen festen Platz im Roman: Die Polonaise-Fantaisie in As-Dur von Frédéric Chopin spielt eine zentrale Rolle. In einer Erinnerung geben der junge Konrád und seine Mutter bei einem Schlosskonzert eine vierhändige Fassung dieses Stücks.
Rezeption↑
Auf Deutsch erschien der Roman zunächst 1950 unter dem originalgetreuen Titel Die Kerzen brennen ab in einer Übersetzung von Eugen Görcz. Die eigentliche Wirkung entfaltete das Werk aber erst Jahrzehnte später. Nach dem großen Erfolg der französischen Ausgabe Les Braises beim Verlag Albin Michel im Jahr 1995 brachte der Piper Verlag das Buch 1999 in einer neuen deutschen Übersetzung von Christina Viragh heraus. Beim Titel Die Glut orientierte sich der Verlag an der französischen Ausgabe. Für Piper wurde die Neuausgabe zu einem finanziellen Erfolg: Innerhalb eines Jahres wurden 200.000 Exemplare verkauft.
Der Stoff fand seinen Weg auf Bühne, Bildschirm und in den Hörfunk. Das Buch wurde zweimal verfilmt, 1967 als Fernsehfilm unter dem Titel Asche und Glut und 2006 in Ungarn. Im Jahr 2000 entstand unter der Regie von Walter Adler eine Hörspielfassung. Márai selbst hatte seinen Roman bereits 1965 unter dem Titel Parázs für die Bühne bearbeitet. Später folgten weitere Dramatisierungen, unter anderem eine englische Fassung von Christopher Hampton, die 2006 in London uraufgeführt wurde.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →