1928
Die Glembays
Überblick↑
Das Drama Die Glembays gehört zu den bekanntesten Bühnenwerken des kroatischen Schriftstellers Miroslav Krleža. Es zeigt in drei Akten den Verfall einer reichen Zagreber Patrizierfamilie, deren Wohlstand auf Betrug und Verbrechen ruht. Im Mittelpunkt steht der Zusammenprall zwischen dem Künstler Leone Glembay und seiner Familie, von der er sich lossagen möchte. Zusammen mit In Agonie zählt es zu den am häufigsten gespielten Stücken Krležas, im Inland wie im Ausland.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Handlung spielt 1913, ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs, im Anwesen der Familie Glembay in Zagreb. Anlass ist die Feier zum siebzigjährigen Bestehen der Firma Glembay & Co. Nach dem Fest verabschieden sich die Gäste – hochrangige Offiziere, ein Bischof und andere Vertreter der oberen Gesellschaft.
Zum ersten Mal seit elf Jahren ist auch Leone Glembay wieder im Elternhaus, der Sohn aus der ersten Ehe des Firmenchefs Ignaz Glembay. Leone ist Doktor der Philosophie und Künstler. Er versteht sich als bloßer Gast im eigenen Elternhaus und zieht eine scharfe Grenze zwischen sich und der Verwandtschaft, die er als von Betrug und Verbrechen umgeben sieht.
In diese Stimmung platzt eine unangenehme Nachricht: In einer sozialistischen Zeitschrift ist ein Leserbrief erschienen, der Ignaz' Frau, die Baronin Charlotte Castelli-Glembay, für den Tod zweier Frauen verantwortlich macht. Während die Familie fieberhaft nach einer Verteidigung sucht, zeigt sich, dass Leone mehr über den Vorfall weiß, als den Übrigen lieb ist. Zwischen Vater und Sohn, zwischen Leone und der Stiefmutter bauen sich alte Spannungen auf, die das Werk Akt für Akt zuspitzt.
Die Handlung im Detail↑
Nach der Jubiläumsfeier der Firma Glembay & Co. verabschiedet die Familie ihre vornehmen Gäste. Leone Glembay, der Sohn aus Ignaz' erster Ehe, ist nach elf Jahren erstmals wieder zu Hause. Mit Angelika, der Witwe seines verstorbenen Bruders Ivan, führt er ein Gespräch über Vernunft und Sinnlichkeit, das die Regieanweisung als „Flirt“ bezeichnet und das erotisch angedeutet ist. Beim Betrachten der Ahnenporträts kommen weitere Verwandte und Vertraute hinzu, darunter der Theologe Aloys Silberbrandt und der Hausarzt Dr. Altmann. Leone spricht offen aus, dass er sich als „Passant“ im Hause Glembay fühle und mit dieser Familie nichts zu tun haben wolle.
Dann bringt Robert, ein Neffe des Ignaz, eine dringende Nachricht: In einer sozialistischen Zeitschrift beschuldigt ein Leserbrief die Baronin Charlotte, den Tod zweier Frauen verschuldet zu haben. Sie soll mit ihrer Kutsche eine Frau namens Rupert angefahren haben. Deren schwangere Schwiegertochter Fanika Canjeg habe sich aus einem Fenster des Glembay-Hauses gestürzt, nachdem man ihr die erbetene Hilfe verweigert hatte. Die Baronin gibt sich unschuldig und will den Brief gar nicht anhören; sie zieht sich mit dem Vorwand einer Migräne zurück. Dabei kommt heraus, dass sie die junge Frau abgewiesen hatte, weil diese keine Visitenkarte vorweisen konnte.
Leone gesteht, den Vorfall selbst miterlebt zu haben. Er habe der abgewiesenen Frau geraten, sich nicht zu erniedrigen, und ihr kurz darauf eine Nähmaschine gekauft und geschickt – was sie jedoch nicht mehr erfuhr. Silberbrandt hält ihm vor, gerade er sei am Tod der Frau schuld, weil er ihr jeden Glauben genommen habe. Am Ende des ersten Aktes weist Leone Silberbrandt darauf hin, dass er von dessen Verhältnis mit der Baronin Charlotte weiß. Diesem Gespräch lauscht Ignaz aus dem Nebenzimmer.
Der zweite Akt spielt in Leones Zimmer, wo dieser für die Abreise packt. Silberbrandt bittet ihn, dem Vater nichts von der Affäre zu verraten oder das Ganze als Scherz auszugeben. Leone weist ihn ab. Dann tritt Ignaz ein. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn kommt nur mühsam in Gang, denn ihr Verhältnis war stets zerrüttet. Es geht um Leones Künstlerdasein, um die ungesunde Lebensweise des Vaters und um Leones verstorbene Mutter, an deren Tod er die Stiefmutter Charlotte für schuldig hält. Ignaz dagegen schwärmt davon, dass die Baronin ihn erst das Leben gelehrt habe.
Der Streit eskaliert. Leone zerpflückt die ganze Person seiner Stiefmutter, die aus einem Stundenhotel stammen soll, zählt ihre früheren Liebhaber auf und belegt sie. Schließlich gibt er zu, während seines Studiums in Cambridge, in seinen Zwanzigern, selbst ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben. Der Vater schlägt ihm ins Gesicht. Ignaz lässt den Kammerdiener Charlotte holen – doch sie ist nicht in ihrem Zimmer zu finden, in das sie sich angeblich wegen der Migräne zurückgezogen hatte. Während der Diener sie sucht, bricht Ignaz tot zusammen.
Im dritten Akt sitzt Leone vor dem Totenbett des Vaters und zeichnet den Toten. Die Verwandten, der Priester und der Arzt bewundern das Blatt, doch Leone ist unzufrieden und zerreißt es. Ein Anruf bringt ans Licht, dass die Firma hoch verschuldet ist. Charlotte weiß davon noch nichts; sie glaubt, als Witwe ein großes Vermögen geerbt zu haben. Sie sucht das Gespräch mit Leone und gesteht, die Ehe mit Ignaz nur aus finanziellen Gründen eingegangen zu sein. Sie erzählt von ihrer schweren Kindheit und Jugend, stellt Leones „einfaches Leben“ dem ihren gegenüber und betont, das Geld verdient zu haben. Zuletzt gesteht sie, ihn noch immer zu lieben.
Leone lässt sich von dieser Rührung nicht einnehmen, sondern provoziert sie. Er klärt Charlotte über die wahre Finanzlage auf, worauf sie in einen Wahn verfällt und alle beschuldigt, ihr das „wohlverdiente Geld“ geraubt zu haben. Sie versucht ihre Liebe zu beweisen und zeigt eine Haarlocke Leones, die sie seit ihrem alten Verhältnis in einem Medaillon trägt. Leones Zorn wächst. Als Charlotte schließlich der bis dahin stillen Angelika ein Verhältnis mit einem Kardinal vorwirft und deren Scheinheiligkeit andeutet, verliert Leone die Beherrschung. Er greift nach einer Schere. Charlotte flieht aus dem Zimmer, Leone verfolgt sie. Das Drama endet mit dem Ausruf: „Herr Doktor hat die Baronin abgestochen!“
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Drama in drei Akten, das die klassische Einheit von Ort und knapper Zeit wahrt: Die Handlung entlädt sich innerhalb weniger Stunden in den Räumen eines einzigen Hauses. Krleža verdichtet den Zerfall einer Familie auf lange, zugespitzte Gesprächsszenen, in denen die Fassade der vornehmen Gesellschaft nach und nach abgetragen wird.
Eine Besonderheit liegt in der Sprache. Im Original wechseln die Figuren fortwährend zwischen dem Kroatischen, dem Deutschen, dem Lateinischen und dem Italienischen. Dabei überwiegt das Deutsche als vornehme Fremdsprache, denn es gehörte zur Ausdrucksweise der oberen Zagreber Gesellschaft. Dieses beständige Wechseln der Sprachen wird als Makkaronismus oder Multilingualismus beschrieben und spiegelt die gesellschaftliche Welt der Glembays wider.
Das Werk arbeitet zudem mit vielfältigen Anspielungen auf andere Dichtung. So finden sich Verweise auf Dante Alighieris Göttliche Komödie ebenso wie auf Fjodor Dostojewskis Die Brüder Karamasow. In der Forschung gilt das Stück als Künstlerdrama, weil es die Stellung des modernen Künstlers in der Gesellschaft seiner Zeit zum Thema macht.
Rezeption↑
Schon nach der ersten Aufführung im Kroatischen Nationaltheater in Zagreb im Februar 1929 war Die Glembays ein großer Erfolg. Das Stück wurde rasch weit über Kroatien hinaus gespielt, unter anderem in München, Prag, Moskau, Budapest, Graz, Wien und Triest. Zusammen mit In Agonie zählt es zu den am häufigsten aufgeführten Dramen des Autors. Über Jahrzehnte folgten zahlreiche Inszenierungen an Bühnen in ganz Südosteuropa und darüber hinaus, bis hin zu einer Aufführung in München und Wien im Jahr 2013.
Auch fürs Kino und Fernsehen wurde der Stoff aufgegriffen: 1979 entstand eine russische Verfilmung, 1988 eine kroatische unter der Regie von Antun Vrdoljak. Übersetzungen erschienen unter anderem ins Ungarische, Slowenische, Tschechische, Slowakische, Russische, Albanische, Niederländische und Deutsche.
In der Forschung wird das Drama wegen seines Themas, des Zerfalls einer Familie, mit Thomas Manns Roman Buddenbrooks in Verbindung gebracht. Es trägt Züge eines Familienromans, in dem sich das erwachsene Kind mit seiner Herkunft auseinandersetzt und beweisen will, kein Teil dieser Familie zu sein.
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