1893 – 1981
Miroslav Krleža
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten Schriftstellern des ehemaligen Jugoslawien und Kroatiens zählt Miroslav Krleža, der 1893 in Zagreb geboren wurde und 1981 ebendort starb. In 66 Schaffensjahren verfasste er über 50 Bücher in nahezu allen Gattungen: Gedichte und Polemiken, Romane und Dramen, Reiseerzählungen und politische Publizistik. Er war ein leidenschaftlicher Erzähler von großer Sprachgewalt, der politische Themen in den Mittelpunkt rückte. Zeit seines Lebens stritt er gegen Dummheit, Doktrin und geistige Enge. Die europäische Kritik sieht in ihm keinen bloßen kroatischen Heimatautor, sondern einen gesellschaftskritischen Wegbereiter europäischer Geistigkeit.
Biografie↑
Aufgewachsen in Zagreb, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, besuchte Krleža dort die Volksschule und bis 1908 die ersten vier Klassen des Gymnasiums. Von 1908 bis 1911 absolvierte er die Kadettenschule in Pécs. Als besonders guter Schüler erhielt er ein kaiserliches Stipendium und besuchte in den folgenden beiden Jahren die Militärakademie Ludoviceum in Budapest.
1913 verließ er das Institut. Über Frankreich reiste er nach Skopje, wo er sich in jugendlicher Begeisterung als Freiwilliger der serbischen Armee anschließen wollte. Bald wurde er als österreichischer Spion verdächtigt und zur Überprüfung nach Belgrad überstellt. Als er sich wieder in die österreichisch-ungarische Monarchie durchschlagen wollte, nahm ihn die österreichische Grenzpolizei fest. Danach kehrte er nach Zagreb zurück, wo seine ersten literarischen Arbeiten entstanden.
Im Ersten Weltkrieg wurde Krleža 1915 in die österreich-ungarische Armee einberufen. Nach einem Aufenthalt im Militärkrankenhaus kam er 1916 für kurze Zeit an die Front nach Galizien. Bald konnte er nach Zagreb zurückkehren, wo er bis Kriegsende in der Etappe diente.
1919 gründete und leitete er die Literaturzeitschrift Plamen (deutsch Die Flamme). Im selben Jahr heiratete er Leposava Kangrga. Von 1923 bis 1927 leitete er die Zeitschrift Književna republika (deutsch Die Literaturrepublik). 1924 reiste er in die Sowjetunion, worauf ihm in seiner Heimat der Reisepass abgenommen wurde. 1932 bereiste er die Tschechoslowakei und Polen. Zusammen mit Milan Bogdanović gründete er 1934 die Zeitschrift Danas (deutsch Heute). Von 1939 bis 1940 leitete er die Zeitschrift Pečat (deutsch Das Siegel).
1941 verhaftete ihn die Gestapo. Auf Intervention des Schriftstellers und hohen Ustaša-Politikers Mile Budak wurde Krleža nach einigen Tagen wieder entlassen. Die Kriegsjahre verbrachte er darauf zurückgezogen in Zagreb.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war er zunächst Redakteur der Zeitschrift Republika. Seit 1947 gehörte er der Jugoslawischen Akademie an und war deren langjähriger Vizepräsident. 1950 organisierte er in Paris eine Ausstellung über mittelalterliche Kunst aus Jugoslawien und wurde im selben Jahr Direktor des neu gegründeten Jugoslawischen Lexikographischen Instituts in Zagreb. In dieser Funktion verantwortete er die Herausgabe verschiedener Lexika und Enzyklopädien. 1962 war er Mitbegründer der Zeitschrift Forum. 1968 erhielt er den Herderpreis der Universität Wien.
Sein Verhältnis zur Politik blieb spannungsreich. In den dreißiger Jahren wurde er aus der Partei ausgeschlossen, obwohl Josip Broz Tito in langen Gesprächen auf ihn einzuwirken versuchte. Nach dem politischen Bruch Jugoslawiens mit der Sowjetunion 1948 stand er plötzlich auf der richtigen Seite, ohne sich bewegt zu haben. 1967 unterschrieb er die Deklaration über den Namen und die Lage der kroatischen Literatursprache, die gegen die Dominanz des Serbischen protestierte. Daraufhin erzürnte sich Tito ein zweites Mal über ihn; Krleža trat aus dem Bund der Kommunisten Kroatiens aus und schwieg fortan, auch während des kroatischen Frühlings 1970/71. Krleža starb 1981 in Zagreb und wurde auf dem Friedhof Mirogoj beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Große Sprachgewalt und ein außerordentlicher Fleiß kennzeichnen das Werk Krležas. Er bediente sich verschiedener Schreibstile, vom Naturalismus über Symbolismus und Realismus bis zum Expressionismus. Vor allem aber war er ein leidenschaftlicher Erzähler, der Gefühlskälte zutiefst verabscheute.
Politische Themen standen bei ihm ganz oben. Wortreich und gereizt reagierte er, wenn es um Gott und Geistliche ging, um seine Hassliebe zu Kakanien, um das Kleinbürgertum, die degenerierte Aristokratie oder um gewissenlose Geschäftemacher, die er auch dort durchschaute, wo sie sich kroatisch gaben. Dummheit und doktrinäre Uneinsichtigkeit griff er bei jeder Gelegenheit an. Von Anfang an wandte er sich gegen alles Orthodoxe, auch gegen die orthodox-marxistische Auffassung der Literatur.
Krleža war Atheist, und in all seinen Werken sind Gott und die Kirche ein Thema, die Kirche überwiegend negativ gezeichnet. Dabei lässt er seine Helden antithetisch und antinomisch denken, ganz im Sinne der barocken Lyrik, sodass sie sogar den Atheismus in Frage stellen. Einen positiv gezeichneten Geistlichen gibt es in seinem Werk nicht. Manche Kritiker halten diese durchgehend negative Darstellung für tendenziös und pamphletisch und sehen darin eine Minderung des künstlerischen Werts. Krleža selbst räumte gegenüber dem Journalisten Enes Čengić ein, er habe zu einseitig, antikatholisch gearbeitet. Politisch schrieb er zwar linksorientiert, blieb aber ein undogmatischer Sozialist: sozialkritisch, doch nicht parteipflichtig.
Rezeption↑
Als einer der wichtigsten Autoren im ehemaligen Jugoslawien genoss Krleža hohes Ansehen, auch außerhalb seiner Heimat. Rühmende Kollegen und Bewunderer fand er in Italien, Österreich, Frankreich und in fast allen europäischen Ländern. Karl-Markus Gauss würdigte seine Sprachgewalt und seinen weiten Blick über die Grenzen der eigenen Sprache, Kultur und Epoche hinaus. Ivo Goldstein hingegen warnte, Krleža sei ein sehr grober Schriftsteller, den Menschen mit feinen Nerven nicht lesen sollten.
Seine linksorientierte Haltung wirkte sich in Kroatien lange negativ auf die Bewertung seiner literarischen Leistung aus; sein Werk blieb im Schatten der Politisierung, und erst in jüngerer Zeit ist eine vorsichtige Renaissance zu spüren. Der Kroatistikprofessor Krešimir Nemec stellte bedauernd fest, Krleža habe sich nie kritisch über Jugoslawien geäußert, weder über die Massenexekutionen nach 1945 noch über Tito oder dessen Gefängnisinsel Goli Otok. Zugleich setzte er sich engagiert ein: Er ermöglichte es Danilo Kiš, dessen Roman Grabmal für Boris Dawidowitsch zu veröffentlichen, und intervenierte bei Tito, um für den herzkranken Partisanengeneral Franjo Tuđman eine Haftverkürzung zu erwirken.
Dass zum 100. Geburtstag 1993 der erste Band der Krležiana erschien, ist nach Velimir Visković dem Premierminister Tuđman zu verdanken, der Europa zeigen wollte, dass der Staat seinen großen linken Intellektuellen ehrt. Die europäische Kritik sieht in Krleža keinen klein-kroatischen Heimat- und Staatsautor, sondern einen gesellschaftskritischen und publizistischen Wegbereiter europäischer Geistigkeit.
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