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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Karl Kraus
Karl Kraus
1874 – 1936
– Autorenporträt –

Karl Kraus

1874 – 1936 · 62 Jahre

Österreichischer Satiriker und Sprachkritiker, der von 1899 bis 1936 die Zeitschrift "Die Fackel" herausgab und mit dem Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit" das vielleicht radikalste literarische Zeugnis gegen den Ersten Weltkrieg schuf.

Kurzporträt

Karl Kraus (1874–1936) war ein österreichischer Schriftsteller, Publizist und Satiriker. Sein Name ist untrennbar mit der Zeitschrift "Die Fackel" verbunden, die er 1899 gründete und ab 1912 allein verfasste. Mit beißender Sprachkritik führte er einen lebenslangen Kampf gegen die Phrase, gegen die Verwahrlosung der deutschen Sprache und gegen die Übermacht des Journalismus. Sein satirisches Hauptwerk ist das Weltkriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit (1918/19). Die Schrift Die Dritte Walpurgisnacht enthält seine Antwort auf den Nationalsozialismus. Beide gehören zu den herausragenden Zeugnissen der österreichischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Daneben gilt er als einer der bedeutendsten Aphoristiker deutscher Sprache. Über zwei Jahrzehnte hinweg füllte er siebenhundert öffentliche Lesungen.


Biografie

Karl Kraus wurde am 28. April 1874 als neuntes von zehn Kindern in Böhmen geboren. Bei seinem Geburtsort gibt es eine Doppelschreibweise in den Quellen. Wikidata nennt "Jičín", die Deutsche Biographie verwendet die deutschsprachige Form "Gitschin". Diese begegnet zudem in der Variante "Jitschin". Sein Vater Jacob Kraus (1833–1900) war Papier- und Ultramarinfabrikant. Die Familie war jüdischen Glaubens. Mütterlicherseits gehörte sie über die Mutter Ernestine, geborene Kantor, dem wohlhabenden Großbürgertum an. 1877 zog die Familie nach Wien, wo Kraus zeitlebens bleiben sollte. Beide Eltern starben früh. Seinen Geschwistern blieb er eng verbunden, besonders der älteren Schwester Malvine.

Nach der Matura am Gymnasium Stubenbastei begann Kraus 1892 in Wien ein Jurastudium. Bald wechselte er zu Philosophie und Germanistik und betrieb dieses Studium bis 1896, ohne einen Abschluss zu machen. Bereits als Student schrieb er Literatur- und Theaterkritiken für verschiedene deutsche und österreichische Zeitschriften. Im April 1892 erschien in der Wiener Literaturzeitung eine Besprechung von Gerhart Hauptmanns Die Webern als sein erster journalistischer Beitrag. Versuche als Schauspieler im Vorstadttheater scheiterten. Aus dieser Zeit stammt die Freundschaft mit Peter Altenberg, dessen erstes Buch er an den Verleger S. Fischer vermittelte. Mit der Satire Die demolirte Litteratur (1897) rechnete er mit der Wiener Kaffeehauskultur und den Jung-Wienern um Hofmannsthal und Schnitzler ab. Er feierte damit seinen ersten großen Publikumserfolg, der ihm zugleich dauerhafte Feindschaften eintrug.

Am 1. April 1899 erschien das erste Heft der Zeitschrift "Die Fackel" mit 32 Seiten. Diese Zeitschrift wurde zum Lebenswerk. Ab Ende 1911 schrieb Kraus sie allein. Das letzte Heft erschien im Februar 1936, vier Monate vor seinem Tod. Im selben Jahr 1899 trat er aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus. 1911 ließ er sich am 8. April in der Wiener Karlskirche katholisch taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos. 1922 verließ er auch die katholische Kirche wieder. 1901 musste Kraus nach einer Skandinavienreise erleben, dass sein Verleger Moriz Frisch sich die "Fackel" rechtlich anzueignen versucht hatte. Nach fünfzehn Prozessen gewann Kraus. Danach erschien das Blatt im Selbstverlag bei der Druckerei Jahoda & Siegel.

Ab 1902 widmete sich Kraus mit Sittlichkeit und Kriminalität der Justizkritik. 1907 erregte seine Erledigung Maximilian Hardens im Zusammenhang mit der Eulenburg-Affäre Aufsehen. Von 1906 an veröffentlichte er in der "Fackel" Aphorismen. Sie wurden später in den Bänden Sprüche und Widersprüche (1909), Pro domo et mundo (1919) und Nachts (1924) gesammelt. Am 13. Januar 1910 hielt er im Berliner "Verein für Kunst" seine erste öffentliche Vorlesung. Sie sollte die erste von 700 werden. Im selben Jahr erschien Heine und die Folgen. Eng waren auch seine Verbindungen mit Herwarth Walden, dem Herausgeber der Berliner Zeitschrift "Der Sturm". Mit ihm hatte er zwischen 1909 und 1912 über 644 Briefwechsel.

Am 8. September 1913 lernte Kraus die böhmische Baronin Sidonie Nádherná von Borutín kennen. Mit ihr verband ihn bis zu seinem Tod eine konfliktreiche, intensive Beziehung. Eine Heirat soll Rainer Maria Rilke hintertrieben haben, mit Hinweis auf Kraus' jüdische Herkunft. Auf Schloss Janowitz, dem Familiensitz der Nádhernys, entstanden zahlreiche Werke. Daneben unterhielt Kraus weitere Beziehungen. Am eingehendsten dokumentiert ist die zu Irma Karczewska, auf die er 1905 aufmerksam wurde, als sie noch keine 15 Jahre alt war. Sie nahm sich Jahre nach dem endgültigen Ende des Kontakts 1925 das Leben.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs schwieg die "Fackel" zunächst monatelang. Erst im Dezember 1914 meldete sich Kraus mit dem berühmt gewordenen Aufsatz In dieser großen Zeit zu Wort und wandte sich entschieden gegen den Krieg. Mehrere Hefte wurden beschlagnahmt oder von der Zensur behindert. 1915 begann er mit der Arbeit am monumentalen Drama Die letzten Tage der Menschheit. Es erschien 1919 als Sonderheft der "Fackel" und 1922 als Buch. 1919 sammelte er seine Kriegsaufsätze unter dem Titel Weltgericht. 1921 antwortete er auf einen Angriff Franz Werfels mit dem satirischen Drama Literatur oder Man wird doch da sehn.

In den Zwanzigerjahren prägten zwei große Auseinandersetzungen sein Wirken. Ab 1924 führte er den Kampf gegen den erpresserischen Boulevardverleger Imre Békessy. Unter dem Schlachtruf "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" konnte Kraus ihn 1926 zur Flucht aus Wien zwingen. 1927 folgte die erfolglose Aufforderung an den Wiener Polizeipräsidenten Johann Schober, nach der blutigen Niederschlagung der Julirevolte zurückzutreten. Beide Konflikte verarbeitete er 1928 im Stück Die Unüberwindlichen. Ab 1925 setzten sich Freunde dafür ein, ihn für den Nobelpreis vorzuschlagen. Charles Andler nominierte ihn 1926, 1928 und 1930. Mitglied war Kraus in dieser Zeit der Prager Stammtischrunde "Pátečníci" um Karel Čapek und Tomáš Garrigue Masaryk.

Ab 1930 las Kraus im Rundfunk und nahm Schallplatten auf. 1931 brachte die Berliner Staatsoper Unter den Linden seine Bearbeitung von Offenbachs La Périchole heraus. 1932 erschien seine Neuübersetzung der Shakespeare-Sonette. Nach Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 schwieg die "Fackel" monatelang. Kraus arbeitete an einem großen Text über das nationalsozialistische Regime. Vor allem aus Sorge um mögliche Vergeltung an anderen Menschen verzichtete er auf dessen Veröffentlichung. Dieses Werk, Die Dritte Walpurgisnacht, erschien erst 1952 postum. Stattdessen druckte Kraus im Oktober 1933 ein einziges, dünnes Heft mit dem Gedicht Man frage nicht. Er unterstützte den autoritär regierenden Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, von dem er sich Schutz vor dem Nationalsozialismus erhoffte. Damit entfremdete er sich Teilen seiner Anhänger.

Im Februar 1936, nach Erscheinen der "Fackel" Nr. 922, wurde Kraus in der Dunkelheit von einem Radfahrer angefahren. Er litt danach an starken Kopfschmerzen und Gedächtnisschwund. Am 2. April 1936 hielt er im Wiener Konzerthaus seine 700. und letzte Vorlesung. Am 10. Juni erlitt er im Café Imperial einen schweren Herzinfarkt. Er starb am 12. Juni 1936 in seiner Wohnung in der Lothringerstraße 6 in Wien. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Kraus blieb ledig und starb fast mittellos – die Erlöse seiner Lesungen hatte er ausnahmslos gemeinnützigen Zwecken gewidmet.


Literarische Merkmale

Im Mittelpunkt von Kraus' Schreiben steht die Sprachkritik. Bei anderen Autoren und vor allem bei der Tagespresse nahm er Phrase, Floskel und die Verwahrlosung der deutschen Sprache wahr. Das machte er zum Gegenstand satirischer Sezierung. Sein berühmtes Motto "Was wir umbringen" setzte er dem reißerischen "Was wir bringen" der Zeitungen entgegen. Dahinter stand die Überzeugung, dass eine manipulierte, sinnentleerte Sprache zur leeren Hülle wird. Hinter dieser Hülle nistet sich politische Gewalt ein. Den welthistorischen Umschlag dieser Sprachlosigkeit in offene Gewalt sah er, so die Deutsche Biographie, im Ersten Weltkrieg.

In der "Fackel" entwickelte Kraus eine eigene literarisch-satirische Form. Dazu gehören Glossen, die mit Zeitungssprache als Material arbeiten, außerdem Parodien, Polemiken und vor allem Aphorismen. Diese Aphoristik macht ihn nach Auskunft der Wikipedia zu einem der wichtigsten Aphoristiker deutscher Sprache. Die NDB beschreibt seine Texte als "allmähliche Verfertigung des Gedankens durch Sprachreflexion": nicht Meinungsbildung, sondern Denkbewegung am Material der Sprache.

Sein literarisches Selbstverständnis fasste er programmatisch im Essay Heine und die Folgen (1911) und in der Gedenkrede Nestroy und die Nachwelt (1912). Hier zog er die Grenze zwischen einer Literatur, die "sich Gedanken macht über die Dinge", und einer Schreibweise, die ornamentiert und der Presse zuarbeitet. Maßstab wahrer Literatur war für ihn Shakespeare. Dessen Sonette dichtete er 1932 neu nach, und dessen Dramen bearbeitete er teils selbst – darunter Timon von Athen, König Lear und Macbeth.

Die letzten Tage der Menschheit entstand als "Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog" zwischen 1915 und 1922. Das Werk treibt das satirische Verfahren ins Apokalyptische. Es ist – so die NDB – keine traditionelle Endzeitvision und keine ökonomische Untergangsanalyse. Es ist die radikale Schilderung einer Zerstörung des konkreten Bewusstseins durch den Ersatz wirklicher Sprache durch bloßes Gerede.

Eine eigene Werkform bildeten Kraus' siebenhundert öffentliche Vorlesungen. In ihnen las er aus eigenen und fremden Schriften, darunter Shakespeare, Johann Nestroy und Operetten von Jacques Offenbach. Zeugen wie Elias Canetti haben die suggestive Wirkung seiner Sprachgewalt überliefert. Die Vorlesungen waren nach Lesart der NDB nicht bloß Rezitationen, sondern Erinnerung an ein in der Vergangenheit bewahrtes Sprachbewusstsein. Auch der Lyriker Kraus verstand seine bewusst epigonale Form als Versuch, dieses Sprachbewusstsein zu erneuern. Seine Gedichtsammlung Worte in Versen erschien zwischen 1916 und 1930 in neun Bänden.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten polarisierte Karl Kraus. Seine ersten satirischen Auftritte trugen ihm den Publikumserfolg ebenso ein wie die "bittere Feindschaft" der von ihm bloßgestellten Literaten. Ab 1925 setzte sich der Wiener Arzt Victor Hammerschlag gemeinsam mit dem Schriftsteller Sigismund von Radecki dafür ein, ihm den Nobelpreis für Literatur zuzuwenden. Charles Andler nominierte ihn 1926, 1928 und 1930. Verliehen wurde der Preis nicht. Die Nationalsozialisten setzten sein Werk umgehend auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums". Bei der öffentlichen Bücherverbrennung verschonten sie es aber – worüber Kraus selbst sich spöttisch verwundert äußerte.

Über die wechselhafte Nachwirkung notierte Hans Weigel: "Als er starb, schien er sich überlebt zu haben. Da er fünfzehn Jahre später aufzuerstehen begann, sahen wir, daß er überlebt hatte und uns überleben wird." Tatsächlich erschien das verschwiegene Werk Die Dritte Walpurgisnacht erst 1952 posthum. Heinrich Fischer gab von 1952 bis 1967 ausgewählte Teile des Werks in sechs Bänden im Kösel-Verlag heraus. Auf Initiative des Marbacher Verlagsbuchhändlers Friedrich Pfäfflin entstand zwischen 1968 und 1973 ein kompletter Reprint der "Fackel", ebenfalls im Kösel-Verlag.

Ein großer Teil des Nachlasses liegt heute in der Wienbibliothek im Rathaus. Eine weitere Sammlung, die von Friedrich Pfäfflin, befindet sich seit 2019 im Brenner-Archiv der Universität Innsbruck. Bereits Ludwig von Ficker, Herausgeber der Zeitschrift "Der Brenner" und seit 1911 mit Kraus persönlich bekannt, hatte sich die "Fackel" zum Vorbild genommen. 1999 widmeten ihm das Deutsche Literaturarchiv Marbach und das Jüdische Museum Wien große Ausstellungen. 2018 folgte in Wien "Geist versus Zeitgeist: Karl Kraus in der Ersten Republik".

Die Urteile blieben kontrovers. Hellmut Andics schrieb 1984 von Kraus' "Demoliertätigkeit an literarischen Denkmälern" und nannte die "Fackel" das "Exekutivorgan einer kulturellen Sittenpolizei". Demgegenüber wirkte Kraus auf die österreichische Literatur bis in die Gegenwart prägend. Ein Beispiel dafür ist Elias Canetti: Er verehrte ihn zunächst als unbedingtes Vorbild, gewann dann kritisch Abstand und milderte nach Erscheinen des Briefwechsels mit Sidonie Nádherný in den siebziger Jahren seine Haltung erneut. In der Literaturkritik beriefen sich Edwin Hartl in Österreich und Wilhelm Hindemith in Deutschland langjährig auf Kraus als Maßstab. Der Essayist Erwin Chargaff nannte ihn seinen "einzigen wirklichen Lehrer". Auch der US-amerikanische Romancier Jonathan Franzen zählt zu seinen Lesern. 2014 erschien eine Graphic Novel nach Die letzten Tage der Menschheit, illustriert von David Boller.

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