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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die letzten Tage der Menschheit
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Cover Die letzten Tage der Menschheit
Die letzten Tage der Menschheit
1922
– Werkseintrag –

Die letzten Tage der Menschheit

1922 · Tragödie

Aus tausenden echten Zitaten von Kaisern, Generälen, Journalisten und Kriegsgewinnlern montiert Karl Kraus ein gewaltiges Drama, das den Ersten Weltkrieg nicht an der Front sucht, sondern in den Phrasen der Heimatfront.

Überblick↑

Eine Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog. Karl Kraus hat sie zwischen 1915 und 1922 als Antwort auf den Ersten Weltkrieg geschrieben. In 220 Szenen führt Kraus die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges vor. Diese Szenen beruhen zu großen Teilen auf echten Dokumenten der Kriegsjahre. Das Stück ist nach seinen eigenen Worten einem „Marstheater“ zugedacht. Es wurde bis heute nie vollständig auf einer Bühne gezeigt. Es gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen Antikriegswerke des 20. Jahrhunderts.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Eine fortlaufende Geschichte gibt es nicht. Das Drama besteht aus 220 unterschiedlich langen Szenen. Sie zeigen eine Vielzahl realer und erfundener Figuren in Situationen des Kriegsalltags – vom Kaiser Franz Joseph und Kaiser Wilhelm II. bis zum namenlosen einfachen Soldaten. Die Szenen sind zeitlich geordnet. Im Vorspiel spielen sie im Sommer 1914 vor Kriegsausbruch. Dann führen sie durch die viereinhalb Kriegsjahre in den fünf Akten. Schließlich folgt ein Epilog, der ganz auf den Schlachtfeldern spielt.

Nur wenige Szenen führen den Leser nah an die Kämpfe oder direkt an die Front. Die eigentlichen Gräuel sieht Kraus woanders: im Verhalten der Menschen, die den Ernst und den Schrecken des Krieges weder wahrnehmen wollen noch können. Sie bereichern sich fern vom Schauplatz und beschönigen das Geschehen mit Phrasen. Die wahren Zielscheiben sind Journalisten, Kriegsgewinnler und hohe Militärs, die sich abseits der Front in ihrem Rang sonnen. Eine Figur, der Nörgler, fungiert als Alter Ego des Autors und kommentiert das Treiben.

Die Handlung im Detail↑

Das Werk reiht 220 Szenen aneinander, die wie ein Querschnitt durch die Kriegsgesellschaft wirken. Hohe Würdenträger, Soldaten, Geschäftsleute, Schriftsteller, Frauen, Kinder, Wiener Kaffeehausgäste und Berliner Beamte treten auf. Im feinen Ton sprechen Bürger über die Feinde, die doch „die größte Pakasch sind auf Gottes Erdboden“ (I, 11). Der „Krieg sei ausgebrochen“, heißt es immer wieder, so als sei er eine Naturkatastrophe, für die niemand verantwortlich ist. Der Nörgler hält dem entgegen: „Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!“ – ein Satz, in dem Kraus' Kritik in einem Wortspiel verdichtet ist: Es geht um Geschäfte, um Profit, um Handel.

Das Drama folgt der Chronologie des Krieges. Das Vorspiel zeigt den Sommer 1914 unmittelbar vor Kriegsausbruch. Die fünf Akte gehen die viereinhalb Kriegsjahre durch. Der Epilog, in expressionistischer Form gehalten, spielt zur Gänze auf den Schlachtfeldern. Am Ende steht eine apokalyptische Szene: Die Menschheit wird durch den Kosmos ausgelöscht. Das letzte Wort spricht Gott, und es lautet: „Ich habe es nicht gewollt.“ Dieser Schlusssatz ist zugleich eine Anspielung auf einen Ausspruch Kaiser Wilhelms II.

Stil↑

Kraus' Technik ist die der Montage. Über die Hälfte des Textes besteht aus wörtlichen Zitaten, die er über Jahre gesammelt hat: Zeitungsartikel, zufällig erlauschte Gespräche und solche, an denen er selbst beteiligt war, Briefe, Verlautbarungen, Gerichtsurteile, Verordnungen und Erlässe, Annoncen, Ansprachen, Tagebücher, Kriegspredigten, Prospekte, dazu Postkarten, Photos und Plakate. Diese Fundstücke setzt Kraus in den Dialogen so zusammen, dass die gedankenlose Rücksichtslosigkeit, die Dummheit und die Verlogenheit der Sprecher von selbst hervortreten.

Die Sprache des Werks ist ein Gemisch aus jüdischen, wienerischen und berlinerischen Wortfetzen, mundartlichen Ausdrücken, Redensarten, geflügelten Worten, Phrasen sowie literarischen und musikalischen Anspielungen. Das Ergebnis ist eine groß angelegte Collage. Kraus selbst hat das Verfahren einmal so beschrieben: gesammelt, montiert, einverleibt, verdaut und als großes Drama wieder ausgespuckt. Im Mittelpunkt steht das Entlarven der Phrase, der Worthülse, die das Töten beschönigt und die Verantwortung verschleiert.

Rezeption↑

Schon vor der Veröffentlichung des Gesamtwerks erschienen Auszüge in Kraus' Zeitschrift „Die Fackel“. Der Friedensnobelpreisträger Alfred Fried schrieb im Mai 1920 in seiner „Friedens-Warte“, bis zu diesem Stück habe man den Ersten Weltkrieg nur von der Vorderseite gesehen: die brennenden Dörfer, die Verwundeten, die zerfetzten Leiber. Kraus aber zeige den Krieg „in erschreckender Plastik zum erstenmal dreidimensional“. Er richte den Blick auf die noch größeren Gräuel auf der Rückseite: das Getriebe der Profiteure, „in den Tagen, da für Henker und Schieber das goldene Zeitalter anbrach“. Der Regisseur Berthold Viertel nannte es „das gewollt furchtbarste Buch dieser Zeit“. Der Journalist Franz Taucher sprach vom „grausigsten Spiegel, der jemals einer gepeinigten Menschheit vor das entstellte Antlitz gehalten wurde“. Kurt Tucholsky urteilte im Berliner Tageblatt vom 22. Januar 1920: „Was hier gestaltet ist, mag sich oft erst nach der Gestaltung ereignet haben. Und was sich nicht ereignet hat, das hat nur vergessen, sich zu ereignen – so grauenhaft echt ist das alles.“

Die Aufnahme war dennoch zögerlich. Helmuth Kiesel würdigt das Werk als groß dimensioniertes, facettenreiches und vielschichtiges Weltkriegsdrama. Er zitiert den Kraus-Forscher Edward Timms, der von einem „Meisterwerk der Antikriegssatire“ spricht. Während der jahrelangen Arbeit am Stück habe sich Kraus selbst gewandelt: vom „loyalen Satiriker“ zum „Republikaner mit starken sozialistischen Sympathien“. Kiesel beleuchtet den Pazifismus des Textes zurückhaltend, gestützt auf einen Artikel Tucholskys aus der Weltbühne vom Oktober 1927. Kaum ein Zeitgenosse habe „eine ganze Epoche seines Lebens als sinnlos“ abtun können. Daher die anfänglich verhaltene Resonanz. Franz Schuh hat das Werk 2025 als österreichisches Nationaldrama bezeichnet.

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