1963
Die Glasglocke
Überblick↑
Der einzige Roman der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath trägt den Titel Die Glasglocke. Plath wurde vor allem als Lyrikerin bekannt. Das Buch begleitet seine Hauptfigur Esther Greenwood durch den Sommer 1953. Dieser Sommer beginnt mit einem Volontariat bei einem New Yorker Modemagazin und führt in eine schwere Depression, in mehrere Suizidversuche und schließlich in die Behandlung in einer psychiatrischen Klinik. Der Roman erschien am 14. Januar 1963 unter dem Pseudonym Victoria Lucas. Vier Wochen nach der Veröffentlichung nahm sich Sylvia Plath das Leben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Sommer 1953 kommt die neunzehnjährige Esther Greenwood aus einer Vorstadt Bostons zum ersten Mal nach New York. Sie ist eine von zwölf Gewinnerinnen im Schreibwettbewerb einer Modezeitschrift und darf einen Monat in der Redaktion hospitieren. Studentinnen aus ganz Amerika beneiden sie darum. Werbegeschenke und Einladungen häufen sich. Doch der äußere Glanz trügt: Bei einem Bankett vergiftet sich Esther an Krabbenfleisch, das für ein Foto einladend dekoriert war.
In der Großstadt verblasst der Collegeruhm, den Esther sich bislang ehrgeizig erarbeitet hat. Die Redakteurin Jay Cee tadelt sie mehrfach wegen ihres mangelnden Einsatzes. Zwischen der mondänen Doreen und der braven Betsy findet Esther keinen eigenen Platz. Zur alten Strebsamkeit kehrt sie nicht zurück, und die Vergnügungen der Stadt kann sie ebenso wenig genießen. Ihre Männerbekanntschaften enttäuschen sie. Der Heiratsantrag ihres Jugendfreundes Buddy Willard, der an Tuberkulose erkrankt ist, kommt für sie nicht mehr in Frage.
Ihre eigene Lage beschreibt Esther im Bild eines verzweigten Feigenbaums: Jede mögliche Zukunft lockt darin wie eine appetitliche Frucht. Doch sie kann sich für keine entscheiden, denn jede Wahl wäre zugleich eine Absage an alle anderen. Zurück in ihrer Kleinstadt zerrinnen ihre Pläne für den Sommer. Sie schläft kaum noch, wäscht sich nicht mehr und erträgt es nicht, etwas zu tun, das sie am nächsten Tag ohnehin wiederholen müsste. Der Weg führt sie zu einem Psychiater und tiefer in eine Krankheit hinein, in der sie sich von ihrer Umwelt abgeschottet fühlt wie unter einer gläsernen Haube.
Die Handlung im Detail↑
Als die neunzehnjährige Esther Greenwood im Sommer 1953 in New York eintrifft, beneiden sie Collegestudentinnen aus ganz Amerika. Sie hat den Schreibwettbewerb einer Modezeitschrift gewonnen und darf einen Monat in der Redaktion hospitieren. Bei einem Bankett vergiftet sie sich an verdorbenem Krabbenfleisch, das für ein Foto hübsch dekoriert worden war. Ihr bisheriger Collegeruhm verblasst in der Großstadt, und die Redakteurin Jay Cee weist sie wiederholt wegen mangelnden Einsatzes zurecht. Esther steht zwischen zwei Gefährtinnen: der mondänen Doreen und der braven Betsy. Zu ihrer gewohnten Strebsamkeit findet sie nicht zurück, und sich wie Doreen den Vergnügungen und Affären hinzugeben, gelingt ihr ebenso wenig.
Ihre Männerbekanntschaften enttäuschen. Frankie ist zu klein geraten, der Simultandolmetscher Constantin an einer Affäre uninteressiert, und der Peruaner Marco vergewaltigt sie beinahe. Esther hält solche Männer für „Frauenhasser“. Auch der Heiratsantrag ihres an Tuberkulose erkrankten Jugendfreundes Buddy Willard ist keine Alternative mehr. Seit sie erfuhr, dass er ihr seine sexuellen Erfahrungen verschwiegen hatte, nennt sie ihn in Gedanken nur noch einen „Heuchler“. Seine Bemerkung, ihre Gedichte bestünden bloß aus Staub, trifft sie so tief, dass sie noch ein Jahr später nach einer passenden Entgegnung sucht.
Esther vergleicht ihre Lage mit einem verzweigten Feigenbaum, in dem jede mögliche Zukunft wie eine appetitliche Frucht hängt. Entscheiden kann sie sich für keine, weil jede Wahl alle anderen ausschließen würde. Bei einem abschließenden Fototermin sollen die Mädchen mit Requisiten ihres künftigen Werdegangs abgebildet werden. Esther ist die Einzige, die ihre Zukunft nicht benennen kann. Als sie schließlich mit einer Papierrose als Dichterin posiert, brechen die lange aufgestauten Tränen aus ihr heraus. Am letzten Abend nimmt sie Abschied von New York: Kleid für Kleid wirft sie ihre Garderobe aus dem Fenster und lässt sie vom Nachtwind über die Stadt verteilen.
Daheim in ihrer Kleinstadt zerrinnen die Sommerpläne. Zum Schriftstellerseminar wird sie nicht angenommen. Ihre Mutter will ihr Stenografie beibringen, doch Esther kann sich keine Arbeit vorstellen, der sie gerne nachginge und für die man Stenografie benötigte. Der Versuch, einen Roman zu schreiben, kommt über die ersten Zeilen nicht hinaus. An ihrer College-Abschlussarbeit über Finnegans Wake scheitert sie, weil ihr die Wortgebilde von Joyce nichts mehr sagen. Aufnahmebereit ist ihr Geist nur noch für Revolverblätter mit ihren Geschichten über Verbrechen und Selbstmorde. Seit der Rückkehr aus New York schläft sie kaum und hat sich nicht mehr gewaschen. Sie erträgt es nicht, etwas zu tun, das am nächsten Tag ohnehin zu wiederholen wäre.
Auf den Rat einer Freundin sucht sie den Psychiater Doktor Gordon auf. Der interessiert sich mehr für seine früheren Liebschaften an ihrem College als für die Patientin. Seine unsachgemäße Behandlung mit Elektroschocks ist so schmerzhaft und traumatisierend, dass Esther beschließt, sich lieber umzubringen, als das noch einmal zu ertragen. Ihre Gedanken kreisen unablässig um Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen, doch den halbherzigen Versuchen fehlt die letzte Konsequenz. Sie besucht zum ersten Mal das Grab ihres Vaters. Dort wird ihr bewusst, dass sie seit seinem Tod, als sie neun Jahre alt war, nie wieder vollkommen glücklich gewesen ist. Zum ersten Mal kann sie über ihn weinen. Danach weiß sie endgültig, wie sie es tun wird: Sie verkriecht sich in einer Erdhöhle im Keller des Elternhauses und nimmt eine Überdosis Schlaftabletten.
Esther überlebt und wird in die psychiatrische Abteilung des städtischen Krankenhauses eingeliefert. Dort wächst ihr Gefühl, wie durch eine Glasglocke von der Umwelt abgeschottet zu sein. Auch die Überweisung in eine Privatklinik nimmt sie apathisch hin; finanziert wird sie von ihrer Stipendienstifterin, der Schriftstellerin Philomena Guinea. Dort wird Esther zum ersten Mal von einer Frau behandelt. Zu Doktor Nolan fasst sie Vertrauen, zumal die Ärztin die Besuche der Mutter untersagt. Die Psychiaterin unterstützt ihre Patientin auch darin, durch Empfängnisverhütung zu persönlicher Freiheit zu gelangen. Esthers Zustand bessert sich allmählich, und sie hat das Gefühl, dass erstmals wieder frische Luft unter ihre Glasglocke dringt.
Überraschend wird Joan Gilling eingeliefert, Esthers ehemalige Mitschülerin am College und Buddy Willards frühere Freundin. Die Zeitungsberichte über Esthers Suizidversuch haben Joan zu ihrem eigenen angeregt. Zwischen den beiden Frauen schwankt das Verhältnis zwischen Freundschaft und Rivalität, denn Joan erholt sich rasch, während Esthers Genesung stockt. Am Ende ist es Joan, die bei einem erneuten Suizidversuch stirbt. Auf ihrer Beerdigung gewinnt Esther die Überzeugung, mit der Gefährtin auch die eigenen Schatten zu Grabe zu tragen. Inzwischen hat sie aus eigenem Entschluss mit einem selbst gewählten Mann geschlafen; dabei ist ihr größte Wichtigkeit, keine Kinder zu bekommen. Die bevorstehende Entlassung erlebt sie als zweite Geburt. Ob sich die Glasglocke nicht eines Tages erneut über sie senkt, bleibt ihre Sorge, und doch wünscht sie sich ein Ritual, um die Rückkehr ins Leben zu feiern. Am Schluss tritt sie durch die Tür, hinter der die Ärzte über ihre Entlassung entscheiden werden.
Stil↑
Erzählt wird der Roman aus der Sicht Esther Greenwoods, die ihren eigenen Zerfall mit nüchternem, oft bitter komischem Blick beobachtet. Ihre Wahrnehmung liefert dem Buch die Bilder: das für das Foto dekorierte, in Wahrheit verdorbene Krabbenfleisch, die Papierrose beim Fototermin, die Kleider, die vom Nachtwind über New York verteilt werden. Das Bild vom Feigenbaum mit den lockenden Früchten fasst die Unfähigkeit zu wählen in eine einzige, sofort einleuchtende Vorstellung. Der Titel selbst benennt das zentrale Bild: die Glasglocke, unter der die Erzählerin sitzt, von allem abgeschottet und doch alles sehend. Das Werk trägt deutlich autobiografische Züge. Sylvia Plath arbeitete 1953 selbst einen Monat in New York und versuchte im weiteren Verlauf des Jahres, sich das Leben zu nehmen; die Gattungsbezeichnungen Schlüsselroman und Autofiktion treffen das Buch daher gut.
Rezeption↑
Zunächst erschien der Roman unter dem Pseudonym Victoria Lucas. Vier Wochen nach der Veröffentlichung, zehn Jahre nach den darin verarbeiteten Ereignissen, starb Sylvia Plath durch Suizid. In den Vereinigten Staaten kam das Buch erst spät heraus. In den 1970er Jahren wurde Die Glasglocke dann zu einem Kultbuch. Die Zerrissenheit der Hauptfigur zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und den eigenen Wünschen traf die Stimmungslage vieler Frauen. Das trug dazu bei, dass die Autorin nach ihrem Tod zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde. Der Stoff wurde auch für die Bühne bearbeitet; ein Filmprojekt der Regisseurin Sarah Polley schloss sich an.
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