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Werkseintrag · Die Gesänge des Maldoror
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Die Gesänge des Maldoror
1869
– Werkseintrag –

Die Gesänge des Maldoror

1869 · Epik

Maldoror, eine vom Dichter entworfene Verkörperung des Bösen, hat sich vorgenommen, Gott und die Menschen an Bosheit zu übertreffen – seine Geschichte gilt als eine der radikalsten Prosadichtungen der abendländischen Literatur und wurde später als Vorläufer des Surrealismus gefeiert.

Überblick↑

Das Werk Die Gesänge des Maldoror stammt von dem französischen Dichter Lautréamont, hinter dessen Pseudonym sich Isidore Lucien Ducasse verbarg. Der Verleger Lacroix druckte es bereits 1869, scheute jedoch aus Furcht vor einer Anklage wegen Blasphemie und Unzucht die Auslieferung; erst 1874 kaufte der Brüsseler Buchhändler Jean-Baptiste Rozez den Lagerbestand auf und brachte das Buch tatsächlich in den Handel. Es gilt als eines der radikalsten Werke der abendländischen Literatur. Auf die Literatur der Moderne und besonders auf den Surrealismus übte es großen Einfluss aus. André Breton nannte das Buch 1940 eine „Apokalypse“ und erklärte, alles noch so Kühne der kommenden Jahrhunderte sei hier bereits „in seinem magischen Gesetz im voraus formuliert worden“. André Gide sah in Ducasse den „Schleusenmeister der Literatur von morgen“.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Maldoror, zugleich Held und Ich-Erzähler, den der Dichter als Verkörperung des Bösen schlechthin entwirft. Maurice Maeterlinck beschrieb ihn als „schwarzen, zerschmetterten Erzengel von unsagbarer Schönheit“. Auf der Erde gestrandet und unter den Menschen lebend, die er verachtet, hat sich Maldoror vorgenommen, ihnen ihre eigene Schlechtigkeit vor Augen zu führen. Sein erklärtes Ziel ist es, Gott und die Menschen an Bosheit zu übertreffen.

Das Werk gliedert sich in sechs Gesänge, die wiederum in einzelne Strophen zerfallen. In wechselnden Masken und Verwandlungen führt Maldoror einen Kampf gegen die Menschheit und gegen Gott, seinen Erzfeind. Seine Grundüberzeugung lautet, dass Leben Leid bedeute und der Mensch schlecht sei. Zwischen die Schilderungen seiner Taten schiebt Lautréamont Passagen, die mit der Geschichte des Helden nichts zu tun haben: So erklingt eine Hymne auf den Ozean und eine Ode auf die Mathematik.

Wer sich dem Buch nähert, sollte wissen, dass es sich um ein Werk voller Grausamkeit und alptraumhafter Bilder handelt. Es entwirft eine finstere Sicht auf Mensch und Schöpfung, die bis zur Blasphemie reicht.

Die Handlung im Detail↑

Maldoror ist die Inkarnation des Bösen, eine „Sonne des Bösen“, die auf unserem Planeten gestrandet ist. Er hat das Gelübde abgelegt, den Schöpfer zu überwinden und Verbrechen zu begehen, um das Verbrechen aufzuheben. Seine Mittel sind Ängste, Entwürdigungen, Dunkelheit und infernalische Grausamkeit. Nachts wird er von Phantomen und der Erinnerung an unaussprechliche Taten heimgesucht. Als satanischer Verführer will er auch andere zum Bösen verleiten, oft nur, um seine Opfer – häufig Kinder – zu quälen.

Im ersten Gesang hat Maldoror „einen Pakt mit der Prostitution geschlossen, um in den Familien Zwietracht zu säen“, und trägt den „Beinamen Vampir“. Seine Bösartigkeit schlägt sich in minuziös beschriebenen Folterszenen nieder, in denen er ein Kind aus dem Bett reißt und mit langen Nägeln quält, ohne es sterben zu lassen, damit er es weiter leiden sehen kann. Maldoror ist Sadist und Erotomane, trägt aber auch masochistische Züge und kennt die Selbstqual: Einmal schlitzt er sich mit einem Federmesser das Fleisch dort auf, wo sich die Lippen vereinigen. Wiederholt beklagt er den Egoismus und die Kälte des Menschen sowie die Grausamkeit Gottes, der ihn erschuf.

Im zweiten Gesang sucht Maldoror eine verwandte Seele. Er findet sie in einer Haiin, die er beim Verschlingen von Schiffbrüchigen beobachtet. Beide erstaunen, so viel grausame Lust im Blick des anderen zu finden, und gleiten in gegenseitiger Bewunderung aufeinander zu. Den Selbstmord als Erlösung untersagt Lautréamont seinem Helden: Maldoror will, dass der Schöpfer den „klaffenden Riss“ seines Lebens zu jeder Stunde der Ewigkeit betrachte.

Der dritte Gesang steigert den Hass bis zur Blasphemie. Maldoror zeigt eine Frau, die er in den Wahnsinn getrieben hat, indem er ihre kleine Tochter vergewaltigt, seine Bulldogge auf sie gehetzt und den Leichnam mit einem Taschenmesser ausgeweidet hat. An anderer Stelle findet Maldoror in einem Bordell ein sprechendes Haar, das nach seinem Herrn ruft. Als der Herr zurückkommt, ist es Gott selbst, voller Scham, „abscheulich betrunken“ auf der Straße liegend. Reumütig hält er Gericht über sich und erkennt das Recht des Menschen auf Revolte gegen seinen Schöpfer an.

Im vierten Gesang wird ein Mann drei Tage an den Haaren aufgehängt, geteert und ausgepeitscht, weil er sich geweigert hat, mit seiner Mutter zu verkehren. Der Ekel vor dem Leben wächst so sehr, dass der Erzähler seine Verzweiflung nur noch los wird, indem er Hässlichkeit und Verfall in dichten Bildern beschwört. Maldoror sieht sich hier auch selbst: schmutzig, von Läusen zerfressen, mit Grind bedeckt, seit vier Jahrhunderten regungslos auf einem unförmigen Möbel sitzend.

Die ersten fünf Gesänge enthalten auch Passagen, die von Maldorors Geschichte unabhängig sind. Lautréamont kritisiert die Literaturkritik, verherrlicht in einer flutenden Hymne den Ozean – „Ich grüße dich, alter Ozean!“ – und rühmt in einer Ode die Mathematik als „grandiose Dreifaltigkeit“ aus Arithmetik, Algebra und Geometrie.

Der sechste und letzte Gesang wird im Text selbst als „kleiner Roman“ bezeichnet. Er erzählt die Geschichte des Jünglings Mervyn, für dessen Schönheit Lautréamont die berühmte Metapher „schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ prägt. Maldoror verfolgt Mervyn durch Paris, um Gott „die Beute abspenstig zu machen“. Gott schickt einen Erzengel in Gestalt eines Taschenkrebses, um den Jüngling zu retten, doch Maldoror erschlägt ihn. Mervyn fällt Maldoror anheim: Dieser steckt ihn in einen Sack, schlägt ihn gegen ein Brückengeländer und schleudert ihn schließlich von der Säule der Place Vendôme über die Seine hinweg gegen die Kuppel des Panthéon, wo sein Skelett hängen bleibt.

Stil↑

Ganz eigenwillig ist die Form des Werks. Es tritt als Prosadichtung auf, gegliedert in sechs Gesänge, die sich wiederum in Strophen unterteilen. Diese Anlehnung an epische und lyrische Muster steht im Widerspruch zum Inhalt und erzeugt eine eigentümliche Spannung. Neben die erzählenden Teile treten Anrufungen, Hymnen und Oden, etwa die Lobpreisung des Ozeans und der Mathematik.

Kennzeichnend ist die Neigung zu äußersten Gegensätzen und zum Absonderlichen. Lautréamont zerreißt die Welt in schroffe Widersprüche, lässt das Lebendige tot und das Anorganische lebendig werden. Sein Blick sucht das Finstere, Düstere und Abstoßende und beschwört Hässlichkeit und Verfall in dichten symbolischen Bildern. Die berühmte Metapher vom „zufälligen Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ zeigt, wie er scheinbar unvereinbare Dinge gewaltsam zusammenzwingt und daraus ein Bild von rätselhafter Schönheit gewinnt.

Die Sprache steigert sich bis zur Blasphemie und scheut vor der detaillierten Schilderung von Grausamkeiten nicht zurück. Immer wieder wendet sich der Erzähler direkt an den Leser und fordert ihn heraus.

Rezeption↑

Große Wirkung entfaltete das Buch auf die Literatur der Moderne und besonders auf den Surrealismus. Es zählt zu den radikalsten Werken der abendländischen Literatur. André Breton nannte es 1940 eine „Apokalypse“ und sah in ihm alles Kühne der kommenden Jahrhunderte vorweggenommen. André Gide erkannte in Ducasse den „Schleusenmeister der Literatur von morgen“. Maurice Maeterlinck prägte für die Hauptfigur das Bild vom „schwarzen, zerschmetterten Erzengel von unsagbarer Schönheit“. So blieb das Werk lange ein Geheimtipp, ehe es von späteren Dichtern als Vorläufer ihrer eigenen Bestrebungen entdeckt und gefeiert wurde.

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