1827
Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung
Überblick↑
Als komödiantischen Widerpart zu seiner düsteren, nihilistischen Tragödie Herzog Theodor von Gothland vollendete Christian Dietrich Grabbe 1822 das Stück Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Im Druck erschien es 1827. Es gilt als eine der großen deutschen Komödien. Es vermischt Posse, Commedia dell'arte, ätzende Literatur- und Gesellschaftssatire sowie possenhaften Unsinn. Eine Inszenierung erlebte Grabbe selbst nicht. Erst 1876, in seinem 40. Todesjahr, fand eine erste Privatinszenierung am Akademietheater in Wien statt. 1907 folgte die offizielle Uraufführung in einer Bearbeitung von Max Halbe an dessen Bühne „Intimes Theater für dramatische Experimente“ in München.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf einem deutschen Schauplatz treibt der Teufel höchstpersönlich sein Unwesen. Eine Liebesintrige nach dem Muster der Commedia dell'arte verwickelt eine Schar bürgerlicher und adliger Figuren. Im Verlauf des Stücks fallen Adel, Kleinbürgertum, Wissenschaft und Literatur gleichermaßen der Lächerlichkeit anheim.
Die Handlung im Detail↑
Grabbe legt seinem Stück eine Liebesintrige im Schema der Commedia dell'arte zugrunde und verwebt sie mit einer wilden Bilderfolge aus Posse, Rüpelszenen und beißender Satire. Der Teufel selbst tritt auf und kommentiert die Welt mit einem inzwischen berühmten Satz: Sie sei „ein mittelmäßiges Lustspiel, welches ein unbärtiger, gelbschnabeliger Engel, der […], wenn ich nicht irre, noch in Prima sitzt, während seiner Schulferien zusammengeschmiert hat“. Klopstocks Messias benutzt er als „altes, unfehlbares Schlafmittelchen“, die Helden der klassischen Literatur von der Antike bis zur deutschen Klassik tummeln sich samt ihren Autoren bevorzugt in der Hölle. Der Herr Mollfels seinerseits meint, die Regierungen seien grausam gegen das Publikum, weil sie „immer noch zaudern, endlich einmal einen Schock Poeten wegen ihrer elenden Gedichte hinzurichten“. In der letzten Szene zerbricht Grabbe die Bühnenillusion vollends: Die Figuren Wernthal und Mordax flüchten in den Orchestergraben, und der Autor Grabbe erscheint selbst auf der Bühne.
Stil↑
Grabbe mischt drastische Situationskomik, Rüpelszenen, Satire und Groteske zu einer schillernden, epischen Bilderfolge. Das Stück steht außerhalb der klassischen wie der romantischen Komödie. In seiner grell-verzweifelten Grundstimmung erinnert es eher an die Tragikomödien J. M. R. Lenz' als an das gepflegte Lustspiel. Die Liebesintrige nach Commedia-dell'arte-Schema bildet ein konventionelles Gerüst. Grabbe sprengt es mit Literatursatire, possenhaftem Unsinn und einem berühmten Bruch der Bühnenillusion. Die „äußere tollkomische Erscheinung“, so Grabbe 1827 an seinen Verleger Kettembeil, trägt einen bösen, sarkastischen Witz. Dieser Witz lässt die versöhnende Perspektive der romantischen Ironie weit hinter sich.
Rezeption↑
Mit seinem bösen Witz, seinem Sarkasmus und seiner tollkomischen Wucht hat das Stück bis heute wenig von seinem Elan eingebüßt. So hat es sich als eines der wenigen nichtklassizistischen Lustspiele der deutschen Literatur im Repertoire der Bühnen behauptet. Aufgeführt wurde es zu Grabbes Lebzeiten nicht. Die erste Privatinszenierung folgte 1876 am Wiener Akademietheater. Die offizielle Uraufführung fand 1907 in Max Halbes „Intimem Theater für dramatische Experimente“ in München statt. Verglichen wird das Stück immer wieder mit Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater, dem ein ähnliches Spiel mit Illusionsbrechung und Literatursatire eigen ist. Grabbes Kritik an der biedermeierlichen Gesellschaft wird zur Karikatur einer „verkehrten Welt“. In ihr verfallen Adel, Kleinbürgertum, Wissenschaft und Kultur gleichermaßen der hoffnungslosen Lächerlichkeit. Der Rang des Werks gilt in der Forschung als unbestritten. Die Deutungen seiner „tieferen Bedeutung“ gehen auseinander: Benno von Wiese und Gerhard Kaiser lesen es nihilistisch-verzweifelt, Manfred Schneider politisch-utopisch. Herbert Kaiser sieht in ihm das bloße Spiel.
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