1696
Schelmuffsky
Überblick↑
Bei Schelmuffsky handelt es sich um einen zweiteiligen Lügenroman, den der damals dreißigjährige Theologiestudent Christian Reuter 1696/97 veröffentlichte. Der vollständige Titel lautet in barocker Manier Schelmuffskys Warhafftige Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande. Das Werk steht in der Tradition des Schelmenromans. Der Literaturwissenschaftler Georg Ellinger nannte es „die genialste humoristische Erzählung des siebzehnten Jahrhunderts“.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Held und Ich-Erzähler ist ein gewisser Schelmuffsky, dessen Vornamen wir nie erfahren. Von sich selbst sagt der „allezeit reisefertige“ Mann: „Teutschland ist mein Vaterland, in Schelmerode bin ich geboren“. Schon der Ortsname deutet an, worum es geht: um den Schelm. Sein Lieblingsgetränk ist das „Klebebier“, das angeblich so malzreich ist, dass es zwischen den Fingern klebt und süß wie Zucker schmeckt.
Weil es dem Helden im Haushalt seiner Mutter zu eng wird, lässt er sich Geld geben und bricht zu einer angeblichen Weltreise auf. Von Station zu Station schildert er, wie ihn die Herren bewundern und die Damen entzücken, wie er Stürme, Duelle und ferne Höfe erlebt. Was er erzählt, ist eine einzige Kette prahlerischer Übertreibungen, garniert mit merkwürdiger Geographie – Hamburg liegt bei ihm am selben Fluss wie Leipzig, und Städte rücken nach Belieben zusammen.
Der Reiz des Buches liegt weniger im Ziel der Reise als im Ton des Erzählers, der sich mit jeder Zeile selbst entlarvt, ohne es zu merken. Ein angekündigter dritter Teil ist nie erschienen.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman beginnt mit einer Widmung an den „Hoch-Gebohrnen großen Mogol“ von Agra, bei dem Schelmuffsky angeblich vierzehn Tage verweilen durfte. Zum Dank will er ihm eine in Schweineleder gebundene Fassung seines Reiseberichts schicken, statt des leicht verderblichen Klebebiers. Es folgt eine Mitteilung an den „Curiösen Leser“, in der er sich rühmt, wie weltgewandt und weitgereist er im Vergleich zu seinen Zeitgenossen sei.
Dann setzen etwa zwanzig Kapitel mit einer merkwürdigen Zählung ein: Auf das zweite folgt das sechste, auf das dritte das neunte Kapitel. Die Reise führt zuerst nach Hamburg, das bei ihm am Fluss Elster liegt. In einem Gasthaus trifft er auf noble Gesellschaft, und eine Dame namens Charmante verliebt sich sofort in ihn. Weiter geht es nach Altona und übers Meer nach Schweden, wo er in Stockholm an Land geht. Wieder sind die Herren begeistert und die Damen entzückt, es kommt zu einem Duell, und nach wenigen Wochen erscheint auch Charmante.
Auf der Überfahrt nach Holland wird das Schiff bei einem Sturm an die Klippen der Insel Bornholm geworfen und zerschellt: „O Sapperment! was war da von den Leuten ein Gelamentire in den Wasser!“ Charmante ertrinkt, doch Schelmuffsky rettet sich auf ein Brett und treibt bis nach Amsterdam, an den Ufergarten des Bürgermeisters. Bei einer Hochzeit betrinkt er sich maßlos und speit „der Tebel hohlmer der Braut den Busen gantz voll“. Von dort reist er nach Indien, dem entferntesten Punkt seiner Fahrt. Dort empfängt ihn der große Mogul von Agra, dem er die Finanzen in Ordnung bringt. Zum Dank will ihn der Mogul zum Reichskanzler ernennen, doch Schelmuffsky lehnt großzügig ab. Über Spanien, St. Malo, wo er in Gefangenschaft gerät, London und Hamburg kehrt er nach Hause zurück.
Wieder in Schelmerode angekommen, ist ihm alles so fremd, dass er nach drei Tagen Suche sein eigenes Haus nicht wiederfindet und selbst die Muttersprache verlernt hat. Nach seiner Rechnung war er elf Jahre unterwegs. Doch sein Vetter, der nun bei der Mutter wohnt, wirft ein, es seien kaum vierzehn Tage gewesen: In Wahrheit sei er nicht weiter als eine halbe Meile von seiner Geburtsstadt gekommen und habe alles „mit liederlicher Compagnie im Toback und Branntwein versoffen“.
Die zweite Reise führt nach Venedig, das bei ihm „auff einem großen hohen Stein-Felsen“ liegt. An einer Lottobude auf dem „Sanct Marx-Platz“ gewinnt er mit der Losnummer 11 eine Bartbürste im Wert von sechs Pfennig und mit der Nummer 098372641509 ein Reitpferd im Wert von 500 Reichstalern. Als das Pferd davonläuft, verfolgt er es bis vor die Stadt Padua, die bei ihm „eine halbe Stunde von Rom“ liegt. In Rom küsst er schließlich dem auf einem „Groß-Vater Stuhle“ schlafenden Papst „die stinkenden Füße“. Danach geht es über Polen wieder „nach Teutschland zu“. Der am Schluss angekündigte dritte Teil der Reise ist nicht erschienen.
Stil↑
Die Wirkung des Buches beruht ganz auf der Stimme seines Erzählers. Schelmuffsky berichtet in der Ich-Form, und mit jeder prahlerischen Behauptung entlarvt er sich selbst, ohne es zu bemerken. Seine Geographie ist heiter verdreht: Hamburg liegt an der Elster, Padua eine halbe Stunde von Rom, Venedig thront auf einem hohen Felsen. Diese durcheinandergewürfelte Weltkarte zeigt, dass der große Weltreisende in Wahrheit kaum vor die Tür gekommen ist.
Auch die Kapitelzählung ist verschoben – auf das zweite folgt das sechste, auf das dritte das neunte Kapitel –, als könne der Erzähler nicht einmal die eigene Ordnung halten. Sein Deutsch ist mit derben Ausrufen und Lieblingswendungen gespickt, allen voran die immer wiederkehrende Beteuerung „der Tebel hohlmer“. Dazu treten drastische, komische Bilder wie das Malheur auf der Hochzeit oder der geküsste Papstfuß. Der barocke Bandwurmtitel selbst ist bereits Teil des Spiels: Er verspricht die „allervollkommenste und accurateste Edition“ und übertreibt damit von der ersten Zeile an.
Rezeption↑
Die Nachwirkung des Romans reicht weit über seine Entstehungszeit hinaus. Der Komponist Andreas Heinrich Schultzen (1681–1742) schrieb eine Schelmuffsky-Sonate. Georg Christoph Lichtenberg besaß ein seltenes Exemplar und machte Gottfried August Bürger mit dem Buch bekannt; dessen maßlose Übertreibungen nutzte Bürger als Vorlage für seine Bearbeitung der Reisen des Freiherrn von Münchhausen.
Ab 1804 entdeckten die Heidelberger Romantiker um Clemens Brentano den Roman und gerieten regelrecht ins „Schelmuffskysieren“: Sie streuten mündlich und brieflich Redewendungen aus dem Buch ein. Gemeinsam mit Johann Joseph Görres verfasste Brentano die parodistische Erzählung Geschichte von BOGS dem Uhrmacher. Besonders Wilhelm Grimm unterhielt ab 1809 gern Gesellschaften im Schelmuffsky-Stil und spielte auch in seinen Briefen darauf an. In einem Brief bot er einem Pfarrer scherzhaft „ein Fässchen Klebebier“ an, „worauf man, wenn man einen Nössel getrunken, flugs predigen kann“. Auf Anregung der Brüder Grimm erschien 1817 der erste vollständige Neudruck, nachdem ein entsprechender Plan Achim von Arnims gescheitert war.
Auch Heinrich Heine knüpfte an das Werk an: Seine Pariser Parodie Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski blieb Fragment. Durch deren Lektüre wurde Richard Wagner erstmals auf die Sage vom Fliegenden Holländer aufmerksam. Bis heute erinnert im Umfeld von Reuters Geburtsort einiges an die Figur: eine Schelmuffsky-Straße, der Kräuterschnaps „Schelmuffskys Reise-Elixier“ und seit den 1970er Jahren die „Schelmuffsky-Troffi“, eine Radstrecke rund um den Petersberg bei Halle. Der Roman gilt zudem als eine der Herkunftsgeschichten für den Begriff Zeitungsente, in der Variante Lüg-Ente.
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