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Schau heimwärts, Engel!
1929
– Werkseintrag –

Schau heimwärts, Engel!

1929 · Roman

Die Geschichte eines wachen, bücherverliebten Jungen aus den Bergen North Carolinas, den es aus der Enge des Elternhauses in die weite Welt hinauszieht.

Überblick↑

Der Roman Schau heimwärts, Engel! von Thomas Wolfe erschien 1929 und war das erste Buch des Autors. Er gilt als stark autobiografischer amerikanischer Entwicklungsroman. Die Hauptfigur Eugene Gant wird meist als Selbstbildnis des Autors verstanden. Das Buch schildert knapp die frühen Jahre von Eugenes Vater, folgt dann aber vor allem Eugene selbst – von seiner Geburt im Jahr 1900 bis zu seinem endgültigen Aufbruch von zu Hause mit neunzehn Jahren. Schauplatz ist die erfundene Stadt Altamont, hinter der sich Wolfes Heimatstadt Asheville in North Carolina verbirgt. Im Jahr 2000 erschien unter dem Titel O Lost eine wiederhergestellte Fassung des ursprünglichen Manuskripts.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht die Familie Gant in der kleinen Bergstadt Altamont in North Carolina. Der Vater Oliver ist ein Mann großer Gefühle, der Shakespeare liest und im Haus mächtige Feuer in Gang hält – zugleich aber gegen die Trunksucht kämpft, die sein Leben überschattet. Die Mutter Eliza, praktisch und sparsam, führt später eine Pension. Aus der Ehe gehen mehrere Kinder hervor. Eines von ihnen ist Eugene, ein aufgewecktes, bücherverliebtes Kind, das früh eine besondere Nähe zum Vater findet und der ganze Stolz seiner Eltern ist.

Das Buch begleitet Eugene durch Kindheit und Schuljahre. Es erzählt von Lehrern und Mitschülern, vom Erwachen seiner Liebe zur Dichtung, von den Spannungen im Elternhaus und von den älteren Brüdern, die auf sehr verschiedene Weise ihren Weg suchen. Mit wachsendem Alter regt sich in dem empfindsamen Jungen die Sehnsucht nach einer weiteren Welt jenseits der engen Heimatstadt.

Die Handlung im Detail↑

Die Handlung beginnt beim Vater. Olivers erste Ehe endet tragisch; danach verfällt er dem Alkohol, und der Kampf gegen die Trunksucht bleibt die große Auseinandersetzung seines Lebens. Er heiratet erneut – Eliza –, baut ein neues Haus und gründet eine Familie. Sechs Kinder überleben.

Eugenes Geburt folgt einer schweren Niederkunft, während der Vater betrunken im Erdgeschoss sitzt. Dennoch verbindet Oliver früh ein besonderes Band mit diesem Sohn. Er bekommt sein Trinken eine Zeit lang in den Griff, doch die Ehe wird zunehmend belastet, weil Elizas Geduld schwindet. Trotz seiner Fehler ist Oliver der Halt der Familie: Er liest Shakespeare, lässt seine Tochter Helen Gedichte vortragen und hält große Feuer im Haus in Gang, als Sinnbild der Wärme. Eugenes frühe Schulzeit bringt einige Zusammenstöße mit Lehrern, doch das Kind liebt Bücher, ist klug und der Stolz beider Eltern. Die Mutter behandelt ihn weiter wie ein kleines Kind und will nicht wahrhaben, dass er heranwächst.

Eugene gewinnt einen Schreibwettbewerb und darf eine private Vorbereitungsschule besuchen, später die Universität von North Carolina. Geführt wird die Schule von dem Lehrerehepaar John Dorsey Leonard und seiner Frau Margaret, die eine Vorbereitungsakademie betreiben und Eugene gegen hundert Dollar im Jahr aufnehmen – ein Betrag, den Eliza nur widerwillig aufbringt. Von beiden lernt er die Grundlagen; vor allem Margaret ermutigt ihn, in Dichtung und antikes Drama einzutauchen. Den Leonards wird er wie ein eigener Sohn.

Unter den Brüdern ist Stevie, der älteste, ein Aufschneider und geschäftstüchtiger Unternehmer, geplagt von schmerzenden, faulenden Zähnen. Der jüngere Luke schlägt denselben Weg ein; beide sind Hochstapler und Schlitzohren. Der stille, gütige, grüblerische Ben dagegen steht Eugene nahe und nimmt ihn in Schutz.

Nach dem ersten Studienjahr verbringt Eugene den Sommer wieder in Altamont und verliebt sich in Laura James, eine einundzwanzigjährige Untermieterin in der Pension seiner Mutter. Er wird geradezu besessen von ihr. Am Ende des Sommers eröffnet sie ihm, dass sie mit einem Mann in Norfolk in Virginia verlobt ist. Eugene stürzt in eine Schwermut, die ihn noch zwei Jahre verfolgt.

Oliver Gant unterzieht sich unterdessen einer Strahlenbehandlung gegen seinen Krebs an der Johns-Hopkins-Klinik in Baltimore.

Eugene kehrt an die Universität zurück und wirft sich in die Arbeit: Er wird Herausgeber der Studentenzeitung, der Literaturzeitschrift und des Lyrikblattes, nimmt an einem Seminar für Bühnenautoren teil und erntet Anerkennung. Im Frühjahr 1918 stirbt sein Zimmergenosse überraschend an einem Herzleiden, was Eugene erneut in Schwermut stürzt. Im Sommer 1918 arbeitet er auf den Werften von Norfolk, um Geld für das kommende Studienjahr zu verdienen; doch der Plan wird zum Albtraum, und er lebt den größten Teil des Sommers obdachlos und hungernd.

Im Herbst 1918 ruft die Mutter ihn dringend nach Hause: Sein Bruder Ben liegt mit einer Lungenentzündung im Sterben und fällt bald ins Koma; kurz darauf stirbt er. Eugene geht an die Universität zurück und schließt sein Studium ab. Sein Mentor, der Englischprofessor Vergil Weldon, ermutigt ihn, sich für ein Aufbaustudium in Harvard zu bewerben. Als Eugene der Mutter davon erzählt, fleht sie ihn an, zu Hause zu bleiben und bei einer Zeitung zu arbeiten. Doch Eugene erklärt Eliza, seine Bestimmung liege anderswo, und er lasse sich nicht in eine kleine Bergstadt in North Carolina einsperren.

Stil↑

Der Roman trägt stark autobiografische Züge: In der Figur des Eugene Gant zeichnet Wolfe ein Bild seiner selbst, und die erfundene Stadt Altamont bildet seine Heimatstadt Asheville ab. Die Sprache ist breit, kraftvoll und strömend – eine Prosa, die sich in Fülle ergießt, statt sich zu bescheiden. Wiederkehrende Bilder wie die großen Feuer im Haus stehen sinnbildlich für Wärme und Geborgenheit. Schon der Untertitel – im Original A Story of the Buried Life, die Geschichte eines verschütteten Lebens – deutet an, dass es Wolfe um das verborgene, innere Leben seiner Figuren geht.

Rezeption↑

Bei seinem Erscheinen 1929 wurde das Buch in Nordamerika überwiegend positiv aufgenommen; die meisten Kritiker rühmten die Begabung und die emotionale Wucht des Autors. Eine Besprechung sprach von einer „Sensation“ und beschrieb, das Werk habe die literarische Welt im Sturm erobert. Trotz seiner anhaltenden Beliebtheit gilt Wolfes Prosa vielen Literaturkritikern – unter ihnen Harold Bloom – seither als undiszipliniert. Der Kritiker Jonathan W. Daniels hielt fest, jene Kritiker hätten sich gewünscht, Wolfes breit dahinströmende, kraftvolle Prosa wäre in ordentlicheren, gefälligeren Portionen serviert worden.

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