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Cover Schall und Wahn
Schall und Wahn
1929
– Werkseintrag –

Schall und Wahn

1929 · Roman

Vier Erzähler, drei Apriltage und der Niedergang einer einst mächtigen Südstaatenfamilie: Faulkner lässt seine Leser die Welt zuerst mit den Augen eines Menschen sehen, der sie kaum begreifen kann.

Überblick↑

Der Roman Schall und Wahn von William Faulkner erschien 1929. Er gilt als wichtiges Werk der Frühen Moderne und zählt zu den bedeutendsten Romanen der US-amerikanischen Literatur. Erzählt wird vom Niedergang der einst mächtigen Südstaatenfamilie Compson. Damit steht das Buch zugleich für den Zerfall der alten, traditionsgebundenen Welt des amerikanischen Südens. Der Titel stammt aus Shakespeares Macbeth: Das Leben sei dort eine Fabel, erzählt von einem Idioten, voll Schall und Wahn und ohne Sinn.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht die Familie Compson, die in der Kreisstadt Jefferson im fiktiven Yoknapatawpha County lebt. Einst hat sie einen Gouverneur und drei Generäle hervorgebracht, doch von diesem Glanz ist nichts geblieben. Der Vater ist dem Alkohol verfallen und gestorben, das große Haus zu groß geworden, und die Familie zerfällt innerlich. Zu ihr gehören die wehleidige Mutter Caroline, der geistig behinderte Sohn Benjamin, genannt Benjy, sein älterer und schwermütiger Bruder Quentin, der jüngere Bruder Jason und die Schwester Caddy, um deren Tochter sich später vieles dreht. Im Haus wirkt außerdem die alte schwarze Bedienstete Dilsey mit ihrer Familie, das ruhende Herz des Anwesens.

Faulkner erzählt in vier Abschnitten, jeder aus einem anderen Blickwinkel. Die Handlung verdichtet sich vor allem auf drei aufeinanderfolgende Tage im April 1928, wird aber immer wieder von Rückblenden durchbrochen. Der erste Teil zeigt den Familienalltag durch die Augen Benjys. Er nimmt die Welt nur in einfachen Sinneseindrücken wahr und verständigt sich durch Stöhnen, Wimmern und Kreischen. So entsteht ein Bild der Familie, das sich dem Leser erst nach und nach zusammensetzt.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman gliedert sich in vier Teile, die dieselbe Familiengeschichte aus wechselnden Perspektiven beleuchten.

Der erste Teil schildert den Familienalltag aus der Sicht des erwachsenen, geistig behinderten Benjy. Sein Erinnerungsvermögen reicht kaum über ein einfaches Kurzzeitgedächtnis hinaus. Menschen und Dinge tauchen für ihn wie aus dem Nichts in sein Gesichtsfeld ein und verschwinden ebenso rätselhaft wieder. Vergangenheit und Gegenwart liegen in seinem Bewusstsein dicht beieinander.

Den zweiten Teil, etwa achtzehn Jahre früher angesiedelt, erzählt der schwermütige Bruder Quentin. Am Ende dieses Tages nimmt er sich das Leben und ertränkt sich im Fluss.

Den dritten Teil erzählt Jason, der drittälteste Sohn. Nach dem Tod des Vaters hat er die Rolle des Hausherrn übernommen. Er arbeitet für ein karges Einkommen als Verkäufer und verspekuliert sich glücklos an der Börse. Sein bescheidener Wohlstand beruht vor allem auf Betrug. Von dem Geld, mit dem die aus dem Haus vertriebene Caddy ihre in der Familie lebende Tochter unterstützt, zweigt er regelmäßig einen Teil für sich ab. Jason fühlt sich vom Schicksal und von seiner Familie ungerecht behandelt und lässt diese Verbitterung in Zynismus und Bosheit an den anderen aus.

Der vierte Teil wird von einem anonymen Erzähler berichtet, der außerhalb der Familie steht und allen Figuren gleich fern bleibt. Im Mittelpunkt stehen Dilsey, die gute Seele des Hauses, und noch einmal Jason. Caddys Tochter, die ebenfalls Quentin heißt, bricht Jasons Geldkassette auf. Sie flieht mit den 3000 Dollar Kostgeld, das ihre Mutter ihr über Jahre geschickt und Jason ihr vorenthalten hatte, sowie mit Jasons übrigen Ersparnissen. So wird der Betrüger selbst betrogen. Zurück bleiben Jason, seine gefühlskalte, wehleidige Mutter und der geistig behinderte Bruder in dem trostlosen Haus.

Stil↑

Das Werk lebt von einer ungewöhnlich verschachtelten Erzählweise. Faulkner verzichtet weitgehend auf einen ordnenden Erzähler und lässt stattdessen drei Mitglieder der Familie unmittelbar in ihrem Inneren zu Wort kommen. Man liest gleichsam ihre Gedanken mit, so wie sie kommen und springen. Jede der drei Stimmen hat ihren eigenen Ton und ihre eigene Sicht auf dieselben Ereignisse.

Der erste Teil aus Benjys Perspektive ist am schwersten zugänglich. Weil er kein Zeitgefühl besitzt, liegen in seinem Bewusstsein Erlebnisse aus vielen Jahren dicht beieinander. Vergangenheit und Gegenwart gehen ohne Vorwarnung ineinander über, Menschen tauchen auf und verschwinden wieder. Der Leser muss sich das Geschehen selbst zusammensetzen.

Im zweiten und dritten Teil rücken die Monologe Quentins und Jasons das Bild jeweils neu zurecht. Erst der vierte Teil führt aus dieser Innensicht heraus. Ein nüchterner, von allen Figuren gleich weit entfernter Erzähler betrachtet die Familie nun von außen. Zahlreiche Rückblenden verbinden die drei Apriltage mit weit zurückliegenden Ereignissen. Das Buch wird der literarischen Strömung des Southern Gothic zugerechnet, die den Verfall des alten amerikanischen Südens in düsteren Farben schildert.

Rezeption↑

Heute wird der Roman als wichtiges Werk der Frühen Moderne geschätzt und zählt zu den bedeutendsten der US-amerikanischen Literatur. 1998 setzte die Modern Library Schall und Wahn auf Rang sechs ihrer Liste der hundert besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts. Auch das Kino nahm sich der Familiengeschichte an. 1959 verfilmte Martin Ritt den Stoff unter dem Titel Fluch des Südens. 2014 folgte eine weitere Verfilmung des Schauspielers und Regisseurs James Franco.

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